Singapur, USA und Mosambik: Drei Länder mit drei sehr unterschiedlichen Erfahrungen in der Berufsausbildung. Was erhoffen sie sich von einem grossen Berufsbildungskongress, der nächstens in der Schweiz stattfinden wird?

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Während Singapur mit einer Arbeitslosenrate von zwei Prozent seine Ausbildungsoptionen mit Angeboten in der Berufsausbildung ausbauen will, sieht Mosambik mit einer Arbeitslosenrate von 25 Prozent Lehrausbildungen als Möglichkeit, jungen Menschen berufliche Kompetenzen und Arbeitsstellen anbieten zu können. Die USA haben zurzeit eine Arbeitslosenrate von rund vier Prozent und einen anerkannten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften

swissinfo.ch hat mit Fachleuten aus den drei Ländern gesprochen, die am 3. Internationalen Berufsbildungskongress (VPET18) in Winterthur teilnehmen werden. Wir wollten herausfinden, wie die Ausbildung von Lehrlingen heute dort funktioniert. Der Kongress dauert vom 6. bis 8. Juni.

Das duale Bildungssystem der Schweiz, das schulische Ausbildung einerseits und berufliche Lehre in einem Lehrbetrieb verbindet, wird oft als Modell für andere betrachtet.

Ong Ye Kung, Bildungsminister, Singapur

Das Schweizer Berufsbildungssystem ist Ong Ye Kung, dem Singapurer Bildungsminister nicht fremd – er hat einen MBA-Abschluss des Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Es sei eine Ehre für ihn, dass er am Kongress sprechen könne, sagte er.

"Die Schweiz und Singapur sind kleine Nationen, die sich ihre Region und die Welt zu erschliessen wissen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und die grossen Wert auf die Entwicklung ihrer Bevölkerung legen. Während das Ziel das Gleiche ist, sind unsere Ansätze und die Politik im Bereich Ausbildung und Talentförderung aufgrund unserer jeweils einzigartigen, historischen und kulturellen Gegebenheiten unterschiedlich."

Dies ermögliche ein reichhaltiges und gegenseitiges Lernen voneinander. Im Lauf der Jahre hätten mehrere Singapurer Bildungsminister die Schweiz fast jährlich besucht, um sich über deren System zu informieren, erklärte der Minister.

Ong sagt jedoch, dass es in Singapur noch ein Umdenken in Richtung Berufslehre brauche. "Obwohl einige Fortschritte erzielt wurden, müssen wir mehr Unternehmen ermutigen, ihre Mitarbeiter auszubilden", sagt er.

Zu den von ihm erwähnten Initiativen, an denen Arbeitgeber beteiligt sind, gehört das neue technische Diplom am Singapurer Institute of Technical Education und die SkillsFuture-Programme (Verdienen und Lernen; berufsbegleitendes Studium).

"Unser zentrales Ziel ist es, ein System unterschiedlicher Wege zu entwickeln, in dem unsere jungen Menschen Optionen aus dem Spektrum des akademischen Lernens und der beruflichen Lehrausbildung wählen können. Und so einen Weg finden, der zu ihnen, zu ihren Stärken passt und ihnen hilft, Karrieren zu gestalten, in denen sie Erfüllung finden."

Kathryn P. Castelloes, Direktorin für Lehrlingsausbildung, North Carolina Community Colleges, USA

Castelloes überwacht die Lehrlingsausbildungs-Programme in North Carolina und stellt sicher, dass diese den staatlichen und bundesstaatlichen Anforderungen entsprechen. Das Modell des Staats North Carolina kombiniert Lernen am Arbeitsplatz und Unterricht in verschiedenen Berufsausbildungen und Altersstufen, auch für Veteranen (ehemalige Soldaten).

Bisher gibt es in ganz North Carolina mehr als 600 Arbeitgeber, die ihren Lehrlingen einen Lohn zahlen; das System soll aber noch weiter ausgebaut werden.

Castelloes hofft, innovative Ideen und optimale Methoden vom Kongress mitnehmen zu können.

"Ich möchte auch mehr über mögliche Ansätze erfahren, die in meinem Staat genutzt werden könnten, so dass im Rahmen unseres Bildungswesens noch mehr Lehrstellen entstehen könnten", sagt sie.

Unternehmen wie das Präzisionsunternehmen Daetwyler bilden in North Carolina nach Schweizer Vorbild Lehrlinge aus. "Daetwyler hat 1995 begonnen, ein Lehrlingsausbildungsprogramm anzubieten und gehört nach wie vor im ganzen Land zu den führenden Kräften in diesem Bereich."

Das Schweizer System stosse auf immer mehr Aufmerksamkeit und werde immer stärker gefördert, je mehr Unternehmen sich daran beteiligten, sagt Castelloes.

Am Kongress in Winterthur wird auch US-Bildungsministerin Betsy DeVos auftreten. Ihre Präsenz in der Schweiz erfolgt kurz nachdem die Trump-Administration einen Millionenschub für Berufslehren und technische Fachausbildungen angekündigt hat.

Mzikazi Ntuli, Stipendien-Adminstratorin und Beraterin für Programmentwicklung (ADPP), Mosambik

"Das wachsende Problem der Jugendarbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung ist für die meisten Regierungen in Afrika ein Hauptanliegen, was die sozio-ökonomische Entwicklung angeht. Ohne berufsbezogene Kenntnisse können Jugendliche und Erwachsene nicht von den Beschäftigungsmöglichkeiten profitieren, die ein angemessenes Einkommen bieten", sagt Ntuli.

Die Ausbildungssituation in ihrem Land ist nicht gut entwickelt, die meisten Chancen bieten der Privatsektor und Nichtregierungsorganisationen wie ihre.

In Mosambik wird derzeit die Lehrausbildung reformiert. Dies sollte zu einem stärker nachfrageorientierten Ausbildungssystem führen, das den Menschen mehr marktrelevante Kompetenzen und mehr wirtschaftliche Möglichkeiten biete, sagt Ntuli. Nach Regierungsangaben haben fast 80 Prozent der Erwerbsbevölkerung keine Grundschulbildung abgeschlossen.

Ntulis Beitrag am Kongress wird ihren Worten zufolge eine "authentische afrikanische Erfolgsgeschichte" sein: Sie konzentriert sich auf zwei von der ADPP unterstützte Projekte zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit und des Unternehmertums von jungen Menschen, insbesondere Frauen, in Mosambik.

Ntuli will nicht nur von anderen Lehrausbildungssystemen lernen, sondern hofft herauszufinden, wie andere Länder Technologie optimiert haben, um berufliche Kenntnisse und Fertigkeiten durch Lehrausbildungen zu vermitteln.

"In Afrika beginnen wir damit, Technologie in Aus- und Fortbildung einzubringen. Ich will lernen, was anderswo funktioniert hat, und was einige der wichtigsten Erfolgsfaktoren sind", sagt sie.

Alle Interviews erfolgten über E-Mail. Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch

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