Girokonto, Software, Journalismus: Die Deutschen wollen angeblich für nichts bezahlen - und dann stecken sie sich bei Veranstaltungen am Büffet auch noch Würstchen ein. Über die Deutschen und die Gratismentalität.

Wenn Sie diese Fallen kennen, schonen Sie Ihren Geldbeutel.

Der Streit um die eingesteckten Saitenwürschtle bei der Daimler-Hauptversammlung hat sogar einige internationale Medien beschäftigt. Vom "food fight" und "sausage fight" war die Rede. Und von Stereotypen. Aber nicht so, wie man das vielleicht denken würde.

Es gab kein Auslassen über "deutsche Kostenlosmentalität", sondern - zumindest beim US-Internetdienst "Dealbreaker" - eher ein Plädoyer gegen Klischees: Eigentlich, so schrieb man dort, würde man ja denken, dass Hauptversammlungen deutscher Autofirmen gesetzte Veranstaltungen seien, bei denen sich jeder zu benehmen wisse. Aber weit gefehlt.

Man wusste sich offenbar nicht zu benehmen, es gab Streit ("verbaler Schlagabtausch") zwischen einer Aktionärin und einem Mann, der am Büffet wiederholt Würstchen in die Tasche gesteckt hatte. Schliesslich wurde die Polizei gerufen, um zu schlichten. Welchen Inhalt der "verbale Schlagabtausch" genau hatte, ist nicht bekannt. Es ist aber vorstellbar, dass dabei Worte wie "typisch deutsch" und "Kostenlosmentalität" fielen.

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Dünne Datenlage

Denn die gilt nach wie vor als Kennzeichen des deutschen Konsumenten. Über sie beschweren sich nicht nur Banken, Computerfirmen und Verlage, sie scheint auch immer wieder durch Umfragen belegt zu werden.

Etwa durch die eines Internetportals, das vor einiger Zeit eine Top-Ten-Liste der beliebtesten Sparmassnahmen deutscher Urlauber herausgab. Auf Platz 6 fand sich sogar das Hamstern am Büffet wieder: Jeder zweite weibliche Hotelgast aus Deutschland steckte sich demnach im Urlaub Lebensmittel vom Büffet ein.

Von diesen Spartipps lässt sich aber wohl kaum auf eine typisch deutsche Kostenlosmentalität schliessen. "Dafür gibt es keine Belege", sagt der Vorstand des Meinungsforschungsinstituts Yougov, Holger Geissler.

Es fehlten internationale Vergleichsstudien, "aber zumindest zu England und den USA sehen wir ähnliche Verhaltensmuster. Auch in Brasilien ist kürzlich eine Refill-Aktion ausgeufert, als Leute mit Flaschen zum Nachfüllen angekommen sind."

Eine Yougov-Umfrage habe ergeben, dass fast die Hälfte der Deutschen Pauschal- und All-Inclusive-Reisen bevorzugen. "Aber daraus lässt sich jetzt nicht ableiten, alle Deutschen seien besonders erpicht darauf, etwas umsonst zu bekommen", sagt der Psychologe und Herausgeber des Buches "Wie wir Deutschen ticken" gegenüber unserer Redaktion.

Etwas anders ist das beim Thema Preisbewusstsein. Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie sehr Deutsche beim Einkaufen auf den Preis achten - mehr als die Konsumenten anderer Staaten, denen andere Dinge - etwa Marke und Qualität - wichtiger sind.

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Hinzu kommen - naturgemäss subjektive - Erfahrungsberichte. Für das Goethe-Institut befasste sich etwa vor einigen Jahren der britische Journalist Roger Boyes mit der Überprüfung deutscher Klischees. Die Frage, ob es eine "deutsche Sparmentalität" gibt, konnte er damals eindeutig bejahen. Die Ursachen verortete er in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit.

Qualität wird wichtiger

Holger Geissler von Yougov stimmt dem teilweise zu. "Eine unserer Umfragen hat ergeben, dass 87 Prozent der Deutschen Preise im Supermarkt vergleichen", sagte er. In Frankreich sei die Mentalität eine andere. "Die Franzosen geben für hochwertige Nahrungsmittel - auch für Restaurantbesuche - gerne mehr Geld aus."

Allerdings gebe es seit ein paar Jahren auch eine Gegenbewegung zu Billiglebensmitteln in Deutschland: Eine recht grosse Gruppe von Menschen nämlich, die bereit sind, für Bio- und regionale Produkte mehr zu zahlen.

Dass der Preis beim Einkauf nicht alleine ausschlaggebend ist, ist auch die Schlussfolgerung einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Demnach haben die (billigen) Discounter 2015 gegenüber den (teureren) Supermärkten spürbar an Marktanteilen verloren.

Lohnsteigerungen, Inflation und sichere Arbeitsplätze hätten die Nachfrage der Konsumenten "qualitativ auf ein höheres Niveau gehoben", so die Begründung der GfK. Oder anders ausgedrückt: Der Kunde achte wieder mehr auf Qualität.

Über die Qualität der Würstchen bei der Daimler-Hauptversammlung wurde in den Berichten über den Vorfall nichts gesagt - nur über die Quantität. 12.500 Würstchen für 5.500 Aktionäre, das sei doch wohl ein bisschen wenig. Bei weniger als drei Würstchen pro Person für einen ganzen Tag müsse man sich nicht wundern, wenn es zu Handgreiflichkeiten komme.