• Sahne, Schmand, Schokolade: In der Pandemie kaufen wir viele ungesunde Nahrungsmittel.
  • Eine Ernährungspsychologin erklärt, wieso – und was wir dagegen tun können.

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Frau Ströbele-Benschop, im Homeoffice ist der Kühlschrank nur wenige Schritte vom Schreibtisch entfernt. Wie schafft man es, daheim Versuchungen zu widerstehen?

Prof. Nanette Ströbele-Benschop: Das ist in der Tat sehr schwierig. Der Klassiker in der Adipositas-Therapie, also der Abnahme bei krankhaftem Übergewicht, könnte helfen: Was ich nicht dahabe, kann ich nicht essen. Das Erste wäre also, Snacks gar nicht erst einzukaufen. In Coronazeiten ist es auch eher unwahrscheinlich, dass man sich spontan an der nächsten Tankstelle ein Eis holt. Wenn man doch etwas zum Naschen kaufen will, sollte man die gesündere Variante wie Obst oder Trockenfrüchte wählen.

Sind bereits ungesunde Snacks im Haus, wäre es gut, wenn sie nicht sichtbar sind. Etwa, indem wir sie im Keller lagern oder wegschliessen. Denn was nicht oder schwieriger erreichbar ist, reduziert die Konsumwahrscheinlichkeit. Es gibt da ganz kreative Lösungen: Der Schlüssel liegt oben im Schlafzimmer, der Schrank ist unten im Keller. Da überlebe ich mir fünfmal, ob ich den Schokoriegel oder die Gummibärchentüte hole oder nicht.

Inwiefern verändert sich in der Coronapandemie unser Essverhalten?

Ob sich meine Essroutine verändert hat, hängt von vielen Faktoren ab. Etwa, ob ich auf einmal im Homeoffice arbeite, ob die Kinder jetzt mehr zu Hause sind oder ob ich meinen Job verloren habe. Neben den Lebensumständen spielen auch Persönlichkeitseigenschaften eine sehr grosse Rolle: Wie halte ich die aktuelle Belastung aus? Bin ich eher resilient oder neige ich zu Depressionen? Es ist aber interessanterweise so: Je extremer die Emotion, desto weniger isst man. Bei tiefer Trauer oder wahnsinnigem Liebeskummer fehlt der Appetit. Die Emotion überlagert dann sozusagen den Drang nach Essen. Die Menschen gehen sehr individuell mit der jetzigen Situation um – und dementsprechend auch mit ihrer Ernährung.

Viele Menschen essen mehr Süssigkeiten und snacken häufiger

Sahne, Schmand und reichhaltiger Joghurt sind in Coronazeiten besonders beliebt. Warum greifen momentan viele mehr zu fetthaltigen Lebensmitteln – und warum essen wir bewusst so ungesund?

Aus der aktuellen Studienlage scheint es verschiedene Gruppen zu geben. In der Statistik nennt man das Cluster. Ein grosser Prozentsatz der Befragten berichten tatsächlich, dass sie mehr Süssigkeiten essen und häufiger snacken. Andererseits zeigen die Daten auch, dass mehr frisches Obst und Gemüse konsumiert werden. Manche Menschen machen beides: Sie kaufen sowohl mehr Gesundes ein, aber essen auch süsser. Das ist einfach eine Stresssituation. Der eine schafft es, so mit dem Stress umzugehen, der andere braucht die Kompensation durch Nahrung. Allein der hedonische Aspekt, wenn man in ein Stück Schokolade beisst und es sich im Mund auflöst. Das ist ein tolles Gefühl, das macht uns glücklich. Es kann nur auf Dauer Konsequenzen haben, wenn man ständig etwas isst, um sich besser zu fühlen.

Fehlt im Lockdown die Zeit zum Kochen, sodass mehr Menschen zu Fertiggerichten greifen und Essen bestellen?

Besonders im ersten Lockdown waren die Menschen sehr vorsichtig und haben sogar weniger Essen bestellt. Einfach, um den Kontakt mit einer Lieferperson zu vermeiden. Was gerade aber einen Hype erlebt, sind gelieferte Boxen mit Gerichten oder Gemüsekisten. Insgesamt kochen die Menschen mehr – aber das hängt auch von der jeweiligen Situation ab. Familien zum Beispiel müssen kochen. Ich kann meiner sechsjährigen Tochter ja nicht jeden Tag eine Tiefkühlpizza hinstellen. Und dadurch, dass die Kinder öfter zu Hause sind oder waren, wird in den Familien mehr gekocht. Studierende haben beispielsweise auch mehr Zeit, weil Seminare und Vorlesungen digital stattfinden und man sie sich asynchron anschauen kann.

Aber sich viel Zeit fürs Kochen zu nehmen und auch wirklich Lust darauf zu haben, das ist nichts, was man unbedingt macht, wenn man gerade gestresst oder depressiv ist. Es hängt folglich davon ab, wie es einem gerade geht.

Einkaufspläne können helfen

Ein anderer Faktor ist Geld. Viele sind in Kurzarbeit gewesen oder sind es noch. Wie schafft man es, auch mit wenig Geld gesund zu kochen?

Wenig Geld bedeutet nicht per se, dass ich mich nicht gesund ernähren kann. Der Aufwand ist jedoch grösser: Ich brauche für die Essenszubereitung mehr Wissen und mehr Vorbereitung. Das ist für manche einfach zu anstrengend. Aber es ist nicht unmöglich.

Helfen eine Einkaufsliste oder ein Essensplan dabei?

Eine Einkaufsliste ist für manche Menschen sicherlich total sinnvoll. Wenn Sie allerdings nicht wissen, wie Sie die Sosse selbst zubereiten, dann hilft auch der Einkaufsplan nichts. Aber von einem Kilogramm Kartoffeln kann ich relativ lang leben. Und wenn ich das mit dem Gemüse, das gerade im Angebot ist, kombiniere, kriege ich auch eine gute Mahlzeit damit hin. Wenn ich also weiss, was ich in der Küche mache, ist das keine schlechte Idee.

Im Homeoffice fehlt der Austausch beim Mittagessen, viele essen allein. Inwiefern spielt das eine Rolle, ob man allein isst oder mit anderen zusammen?

Auch da sind es wieder zwei Ansätze: Die sogenannte Social-Faciliation-Theorie besagt, dass wir mehr essen, je mehr Personen anwesend sind. Allerdings gibt es auch den Modelleffekt: Wenn die anderen am Tisch alle den Salat bestellen, ist es unwahrscheinlich, dass ich mich für ein Drei-Gänge-Menü entscheide. Wer jetzt mittags allein vor dem PC isst, fühlt sich vielleicht unbeobachtet – und isst womöglich mehr als sonst. Die Ernährung ist dann womöglich nur noch reine Nahrungsaufnahme. Es ist für manche dadurch vielleicht auch gar nicht wichtig, was sie konsumieren. Hauptsache, der Bauch ist voll.

Andere wiederum können jetzt ihren Ernährungsplan gezielt durchführen, weil sie nicht ständig mit anderen essen müssen, und nehmen dadurch ab. Das heisst, gemeinsam oder allein zu essen kann sich positiv oder negativ auf mein eigenes Essverhalten auswirken. Ein anderer Aspekt ist dabei die Einsamkeit, nicht nur aus der Ernährungsperspektive, sondern generell. Für manche ist es schlimm, dass sie jetzt ständig allein sind – auch beim Essen.

Druck durch Soziale Medien

Auf Social Media gab es im ersten Lockdown sehr viele Bilder von Bananenbrot, viele haben angefangen zu backen. Was macht so etwas mit uns?

Mittlerweile ist der Trend etwas abgeflacht. Manche Menschen hatten einfach mehr Zeit und mussten sich irgendwie beschäftigen. Bananen eignen sich besonders, weil sie nicht ewig halten. Und was mache ich mit einer alten Banane? Ich verarbeite sie zu Brot oder Waffeln. Die einen hat das inspiriert, andere vielleicht unter Druck gesetzt. Wiederum andere waren womöglich frustriert, weil sie selbst nur wenig Zeit zur Verfügung hatten und mit den 24 Stunden, die ein Tag hat, klarkommen müssen.

In der Pandemie ist man permanent mit Gesundheitsthemen konfrontiert. Beschäftigen sich dadurch mehr Menschen mit der eigenen Ernährung?

Viele erleben gerade eine Ohnmacht, weil sie selbst die Situation nicht oder nur minimal beeinflussen können. Dadurch macht man sich automatisch mehr Gedanken um die eigene Gesundheit. Da Covid-19 eine Atemwegserkrankung ist und die Lunge betrifft, erwägt man vielleicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Oder abzunehmen – Adipositas ist schliesslich ein Hochrisikofaktor für eine schwere Corona-Erkrankung.

Hat sich Ihre eigene Ernährung in der Pandemie verändert?

Da die Kinder viel mehr zu Hause sind, kochen wir in der Familie mehr. Folglich kaufen wir auch mehr ein. Allerdings hat sich das, was wir kochen, nicht verändert – nur die Häufigkeit. Aber die aktuelle Situation belastet mich selbst natürlich auch. Ich muss aufpassen, nicht zur Stressesserin zu werden. Wenn besonders viel los ist, rede ich mir manchmal zu, dass ich die Schokolade oder Chips jetzt besonders verdient habe – und gönne sie mir auch.

Wie verhindern Sie, dass Sie zur Stressesserin werden?

Ich kaufe tatsächlich nicht selbst ein. Das heisst, die Snacks kommen erst gar nicht ins Haus. Das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Darüber hinaus setze ich mich solchen Situationen nicht aus, in denen es passieren könnte. Der Klassiker: Man sitzt abends vor dem Fernseher und nascht etwas. Das würde bei mir gar nicht funktionieren: Wir haben einen jungen Hund. Wenn der da ist, kann ich nicht auf der Couch sitzen und essen – der findet das völlig doof. Was auch hilft: die Hände ständig in Bewegung zu haben. Bei manchen hilft zum Beispiel Stricken. Da ist es mit dem Snacken schwieriger.

Zur Person: Prof. Nanette Ströbele-Benschop, PhD, Jahrgang 1975, leitet den Fachbereich Angewandte Ernährungspsychologie an der Universität Hohenheim. Sie lebt mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann in Stuttgart. In der Pandemie kocht die Familie mehr.
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