• In der kanadischen Provinz New Brunswick entwickeln auffällig viele Menschen unerklärbare Gedächtnisprobleme oder Halluzinationen.
  • Laut einem Zeitungsbericht häufen sich die Fälle.
  • Corona scheidet als Ursache aus.

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Sie haben Gedächtnisprobleme, Halluzinationen, verkrampfte Muskeln oder verlieren ohne erkennbaren Grund deutlich an Gewicht: In einer kanadischen Provinz häufen sich Krankheitsfälle, bei denen Menschen nicht erklärbare neurologische Beschwerden entwickeln. Offiziell werden bislang 48 Fälle untersucht, neun der Personen sind verstorben. Laut einem aktuellen "Guardian"-Bericht könnten jedoch deutlich mehr Menschen betroffen sein, als bislang bekannt gegeben wurde.

Im März 2021 hatten die Behörden in New Brunswick, einer Region an der kanadischen Atlantikküste, Ärztinnen und Ärzte erstmals über eine Häufung von Krankheitsfällen informiert, bei denen Betroffene ähnliche Beschwerden entwickeln wie bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die Anfang der Neunziger durch BSE-verseuchtes Rindfleisch bekannt wurde. Ausgelöst durch krankmachende Eiweisse, sogenannte Prionen, gehen bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit Nervenzellen zugrunde. Das Gehirn der Betroffenen ist durchlöchert, entwickelt eine ähnliche Struktur wie ein Schwamm.

Mittlerweile sind Fälle der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit durch verseuchte Lebensmittel extrem selten. Die Erkrankung kann jedoch auch durch genetische Faktoren oder spontan, ohne eine erkennbare Ursache, entstehen. Bei den Betroffenen in New Brunswick aber fielen alle Tests auf diese und andere bekannte Prionenerkrankungen negativ aus. Auch Obduktionen von acht Verstorbenen aus der Gruppe bekräftigten, dass es sich nicht um ein Prionenleiden handelt. Stattdessen fanden die Pathologen bei den Obduzierten andere Ursachen, die den Tod erklärten, etwa Alzheimer oder Krebs. Ein Fehlalarm also? Auch bei den anderen Fällen?

Fachleute zweifeln laut "Guardian" daran. Sie glauben nicht, dass sich alle Fälle in New Brunswick so leicht erklären lassen – vor allem, weil dem Bericht zufolge viele junge Menschen betroffen sind, bei denen derartige neurologische Störungen eigentlich extrem selten vorkommen.

"Wir schulden den Betroffenen eine Erklärung"

Bekannt wurden die bislang bestätigten Fälle zwischen Anfang 2020 und Ende Mai 2021, berichten die Behörden. Bei vielen begannen die Beschwerden schon 2018 oder 2019, bei einem Fall sogar 2013. Corona scheidet also als Ursache aus. Männer sind etwa gleich häufig betroffen wie Frauen, das Alter der Erkrankten schwankt zwischen 18 und 85 Jahren.

Obwohl auch Neurologen in anderen Orten Kanadas über die Vorkommnisse informiert wurden, beschränken sich bislang alle offiziell gemeldeten Verdachtsfälle auf New Brunswick. In der ländlichen Region an Kanadas Atlantikküste wohnen rund 750.000 Menschen. Laut offiziellen Angaben liegt die Zahl der Erkrankten noch immer bei 48 Fällen. Tatsächlich könnten jedoch deutlich mehr Menschen betroffen sein, wie mehrere Quellen dem "Guardian" berichteten. Die Rede ist von bis zu 150 Verdachtsfällen, die jedoch nicht kommuniziert werden.

Unter den Betroffenen sind dem Zeitungsbericht zufolge auch viele junge Erwachsene, die zuvor als gesund galten. Er sei sehr besorgt, erklärte ein anonymer Behördenmitarbeiter aus der Region dem "Guardian". Aus diesem Grund habe er sich entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir schulden den Betroffenen eine Erklärung." Zu den rätselhaften Beschwerden zählen neben Gedächtnis- und Gleichgewichtsproblemen auch Sehstörungen, Verhaltensänderungen und Gliederschmerzen.

Könnte der Hummer Schuld sein?

Nach aussen hin versuchen die Behörden in New Brunswick zu beruhigen. Um den Ursachen der Beschwerden auf den Grund zu gehen, wurden Betroffene unter anderem zu ihrer Ernährung, ihren Erkrankungen oder zurückliegenden Reisen befragt. Es gebe aktuell keine Hinweise darauf, dass lokale Lebensmittel mit den rätselhaften Krankheitsfällen zusammenhängen, heisst es. Auch konnten demnach keine Verhaltensweisen oder Umweltfaktoren ausfindig gemacht werden, die mit einem erhöhten Risiko zusammenhängen, die Beschwerden zu entwickeln.

Angehörige von Betroffenen gehen die Untersuchungen jedoch nicht weit genug. Sie vermuten dem "Guardian" zufolge, dass die Erkrankung möglicherweise mit dem Nervengift β-Methylamino-L-alanin (BMAA) zusammenhängt, das sich laut einer Untersuchung in Hummern anreichern kann. Die Schalentiere sind in vielen Gemeinden der kanadischen Provinz eine wichtige Einkommensquelle. Noch wurde dieser Verdacht dem Zeitungsbericht zufolge jedoch nicht ausreichend von den Behörden untersucht, obwohl auch Fachleute einen Zusammenhang für grundsätzlich möglich halten. Ein Grund für das Zögern könnten wirtschaftliche Interessen sein. Ein anderer, dass Analysen dieser Art sehr komplex sind.

Noch im Januar wird ein neuer Bericht der Behörden zu den rätselhaften Krankheitsfällen erwartet. Noch ist allerdings fraglich, ob er eine befriedigende Erklärung liefert – für die Betroffenen, aber auch für die Menschen, die in der Region leben.  © DER SPIEGEL

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