• Gefühle wie Kränkung oder Verlust gehören zum Leben dazu.
  • Doch wenn diese Gefühle überhandnehmen und die Betroffenen sich nicht mit als kränkend erlebten Lebensereignissen abfinden können, steckt meist mehr dahinter.
  • Dann kann sich eine Posttraumatische Verbitterungsstörung entwickeln, die einen normalen Alltag schier unmöglich macht.

Mehr Gesundheitsthemen finden Sie hier

Wohl jeder von uns kennt diese düsteren Momente im Leben, in denen man das, was man tut, und das, was man ist, infrage stellt. Bin ich wirklich genug? Hat das, was ich tue, überhaupt einen Sinn? Diese existentiellen Sinnfragen sind uns vertraut und schlimm genug.

Doch was, wenn Kränkungen anderer dafür sorgen, dass wir nicht nur Selbstzweifel, sondern Niedergeschlagenheit und Wut empfinden? Wenn wir uns fragen, warum es anderen immer besser geht als uns selbst? Sie erfolgreicher sind und überhaupt mehr erreicht haben im Leben? Wenn wir hinter unseren eigenen Erwartungen stets zurückbleiben oder andere uns um unsere wohlverdiente Anerkennung und Entlohnung bringen?

Gedanken und Gefühle wie diese sind keine Seltenheit - und doch so speziell, dass es dafür einen anerkannten Begriff gibt: Verbitterung. Nicht, wie man jemandem salopp nachsagt, er sei wohl verbittert, wenn er sich so oder so aufführt. Sondern im Sinne einer Verbitterung, wie sie medizinisch als Krankheitsbild anerkannt und absolut ernstzunehmen ist: Das Krankheitsbild der Posttraumatischen Verbitterungsstörung (PTED).

Was ist Verbitterung?

Jeder Mensch macht negative Erfahrungen. Doch während die einen Rückschläge recht gut verarbeiten und misslichen Situationen nicht allzu lange gedanklich nachhängen, sind Kränkungen für andere nur schwer zu ertragen. Diese Menschen ziehen sich zurück, kapseln sich ab und begeben sich bewusst in die Opferhaltung. Für sie sind andere Menschen schuld an ihrer Misere, nicht sie selbst.

Dieses Verhalten wird als Verbitterung bezeichnet und geht oft mit Wut, Hass und Rachegefühlen gegenüber anderen Menschen einher, denen es besser geht als den Betroffenen selbst. Nicht zu verwechseln mit einer Depression.

Woher kommt Verbitterung?

Eine innerliche Verbitterung kommt insbesondere dann vor, wenn schmerzliche Enttäuschungen in jenen Bereichen passieren, die einem Menschen besonders viel bedeuten, sagt die Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Psychiater (BVDP), Christa Roth-Sackenheim. Die Betroffenen fühlen sich betrogen, gedemütigt, sind enttäuscht.

Je stärker diese Gefühle vorherrschen, desto grösser ist die Gefahr, dass weitere negative Erlebnisse als Bestätigung für die empfundene Misere angesehen werden. In diesem Fall kann aus einer Verbitterung eine Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED, kurz für Posttraumatic Embitterment Disorder) werden.

Was ist eine Verbitterungsstörung?

Bei einer Verbitterungsstörung handelt es sich um eine tiefe Verbitterung infolge einer persönlichen Kränkung, die die Betroffenen in der Vergangenheit erfahren haben. Fachleute sprechen dann von einer Posttraumatischen Verbitterungsstörung als einer Sonderform der Verbitterungsreaktion. Meist gehen mit ihr diverse psychische und physische Begleiterscheinungen einher.

Für die Betroffenen selbst kommt das mindestens so überraschend wie für ihr Umfeld: Üblicherweise gab es vor dem ausschlaggebenden Ereignis keine psychische Vorerkrankung, die eine solche Reaktion erklären könnte.

Wenn ein Alltagsmoment zum grossen Problem wird

Bei der Verbitterungsstörung ist kein lebensbedrohliches Ereignis der Auslöser, sondern ein "eher lebensübliches Kränkungs- oder Ungerechtigkeitserlebnis", bei dem Verbitterung und nicht Angst die vorherrschende Emotion ist. Deshalb wird sie dem Berufsverband Deutscher Psychiater zufolge von der Posttraumatischen Belastungsstörung abgegrenzt, auch wenn sie mit ihr einige Aspekte gemeinsam hat.

Menschen, bei denen eine Posttraumatische Verbitterungsstörung diagnostiziert wird, leiden meist seit mehr als sechs Monaten unter den typischen Symptonen. Ihnen fällt es schwer, sich auf ihre täglichen Aufgaben und Aktivitäten zu konzentrieren oder diese auszuüben.

Wie erkennt man eine Verbitterungsstörung?

Menschen mit einer Verbitterungsstörung haben oft Gefühle von Zorn, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Resignation. Sie schämen sich und machen sich Vorwürfe, dass sie das Geschehene nicht verhindern konnten. Damit einher gehen oftmals auch Depressionen, Selbstzweifel, Agressionen, Phobien oder sogar Suizidgedanken.

Angesprochen auf das Ereignis werden Betroffene in der Regel emotional, wie der BVDP bestätigt. Die Störung kann auch körperliche Beschwerden auslösen, darunter Schlafstörungen, Appetitverlust und Schmerzen.

Im Zentrum steht das subjektive Empfinden, dass man um etwas betrogen oder beraubt wurde - und dass man nicht die Möglichkeit hatte, etwas dagegen zu unternehmen oder das Unrecht anders zu bewältigen. So beschreibt der BVDP das, was betroffene Patienten als ein zwanghaftes Gedankenkarussell wahrnehmen, das ununterbrochen um die erlebte Kränkung kreist.

Wie entsteht eine Verbitterungsstörung?

Herabwürdigungen, Vertrauensbrüche und Ungerechtigkeiten können eine Verbitterungsstörung auslösen. Hierfür reicht als ausschlaggebender Moment tatsächlich ein einziges einschneidendes Lebensereignis.

Grossteils werde die Störung im Kontext beruflicher oder privater Konflikte beobachtet. Sie könne sich aber auch als Reaktion auf andere schwerwiegende negative Lebensereignisse wie eine schwere Erkrankung oder einen Unfall entwickeln. Die Verbitterung dringt in der Folge meist durch sämtliche Lebensbereiche.

Wie überwindet man Verbitterung?

Betroffene erinnern sich immer wieder an diese eine bestimmte Situation. Mitunter sei es ihnen auch wichtig, das Ereignis im Detail nicht zu vergessen, erklärt Roth-Sackenheim. Weil sie sich davon erhoffen, das Erlebte so besser zu bewältigen. Eine Therapie kann bei der Verarbeitung des Ereignisses und der erlittenen Kränkung helfen.

Hierfür haben sich in den vergangenen Jahren unterschiedlichste Therapie- und Bewältigungskonzepte entwickelt und bewährt, wie etwa die Weisheitstherapie (PDF). Mit ihrer Hilfe sollen Betroffene eine Problembewältigungsstrategie für das konkrete Lebensereignis erarbeiten, das zur Verbitterungsstörung geführt hat, und dadurch die allgemeine Problembewältigungsfähigkeit verbessern.

Frühzeitiges Erkennen ist wichtig für Bewältigung

Schwierig wird es erst, wenn Betroffene eine Behandlung verweigern. Wird die Erkrankung nicht frühzeitig erkannt und psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen, kann dies etwa zu einer dauerhaften Berufsunfähigkeit führen. Wenn die Ursache, nämlich das traumatische Erlebnis, beispielsweise ein Arbeitsplatzkonflikt wie das Ausbleiben einer erhofften Beförderung oder eine Kündigung war.

Es ist also wichtig, dass Menschen, die in Verbitterung leben, etwas dagegen unternehmen. Hilfe bei der Suche nach Ärztinnen und Ärzten oder auch Kliniken sowie weiteren Informationen zum Krankheitsbild finden Sie unter anderem bei den Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Psychiatrie: www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org.

Die Informationen in diesem Artikel ersetzen keine persönliche Beratung und Behandlung durch eine Ärztin oder einen Arzt.

Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizid-Gedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Telefonnummer 08 00/ 11 10 - 111 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz).

Verwendete Quellen