• Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt vor steigenden Corona-Infektionszahlen.
  • Laut Urs Karrer, Mitglied der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes, ist die Sorge der Behörde berechtigt.
  • Im Interview mit "SRF News" erklärt er, warum.

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Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt vor einer erneuten Zuspitzung der Corona-Pandemie und rechnet mit knapp 1.000 neuen Infektionen pro Tag – und das schon bald. Da die Zahlen bei den Hospitalisierungen jedoch niedrig liegen, fragen sich nun viele: Reagiert die Behörde über? In einem Interview mit "SRF News" meint Urs Karrer, Mitglied der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes: Nein.

Das BAG warne "absolut" zu Recht, erklärt der Experte im Gespräch mit Evelyne Fischer. Das Land befinde "sich nun an einem ähnlichen Punkt wie Grossbritannien vor wenigen Wochen: Die Fallzahlen stiegen zwar, bei den Spitälern dagegen blieb es ruhig". Die Hospitalisierungen in Grossbritannien hätten sich jedoch mittlerweile "verfünffacht".

Der Unterschied zu Grossbritannien liege in der Impfrate der gefährdeten Personengruppe – zu der aufgrund der Delta-Virusvariante alle Menschen Ü-50 zählen. Innerhalb dieser Gruppe seien "in Grossbritannien mehr als 95 Prozent doppelt geimpft", in der Schweiz liege der Wert erst bei knapp 70 Prozent. "Daher dürfte der Anstieg der Spitaleintritte in der Schweiz früher erfolgen; vermutlich ist dieser Trend schon in zwei bis drei Wochen sichtbar", erläutert Karrer.

Delta-Variante hat "epidemiologische Kraft" wie erste Virusvariante

Die Impfung selbst sei zwar wirksam, verschiebe aber bei einem generellen Blick nur die Relationen. Die Zahl an Spitaleintritten, die man früher bei rund 1.000 Corona-Infektionen verzeichnet habe, erreiche man nun bei knapp 3.000 Fällen. Zudem sei die Delta-Variante doppelt so ansteckend wie das ursprüngliche Virus, was ihr – trotz Impfung – eine "epidemiologische Kraft" verleihe, die der der ersten Virusvariante ähnele.

Wie nun vorzugehen sei? Auch darauf hat der Experte eine klare Antwort: "Wir müssen als Erstes versuchen, noch möglichst viele 50- bis 70-Jährige zu impfen. Bei diesen 650.000 ungeimpften Menschen besteht ein klares Risiko, schwer zu erkranken – mit entsprechender Belastung für Spitäler."

Impfobligatorium "wäre ein Eingriff in die persönliche Integrität"

Die Impfung sieht Karrer quasi als Schlüssel im Kampf gegen die Pandemie, auch wenn der Bund seine Kampagne derzeit stark auf die Jüngeren fokussiert. "Junge belasten zwar selten die Spitäler, können aber an Long COVID leiden", erklärt er. Bei den älteren Altersgruppen verhindere man hingegen vorwiegend Spitaleintritte, Hospitalisierungen und entsprechende Auslastungen der Intensivstationen sowie Todesfälle.

Nicht für sinnvoll hält Urs Karrer dennoch eine Verpflichtung zur Impfung: "Ein Obligatorium entspricht nicht der hiesigen Tradition und wäre ein Eingriff in die persönliche Integrität." Eine Ausweitung des Einsatzbereiches des COVID-Zertifikats wie im Nachbarland Frankreich würde ihn allerdings nicht überraschen – "vor allem für Geimpfte und Genesene".  © 1&1 Mail & Media/spot on news

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