Die beschlossenen Corona-Massnahmen haben sowohl Befürworter als auch Gegner. Manche halten die Massnahmen für überzogen, anderen sind sie nicht drastisch genug. SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann und Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger bewerten die Folgen der Coronakrise für Gesellschaft und Demokratie.

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Kaum etwas spaltet die Gesellschaft so sehr wie die Corona-Massnahmen. Die Eingriffe schränken die individuellen Freiheiten ein und sollen eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindern. Im Gespräch mit "20min.ch" schätzen SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann und Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger die derzeitige Lage ein.

Besonders scharf wird aktuell über die Fragen debattiert, ob die Eingriffe in die individuelle Freiheit zu gross sind und ob der Staat zu viel Macht hat. "Wir sind in einem verflixten Dilemma", sagt Nordmann. "Auch ich finde es schrecklich, dass wir uns nicht mehr die Hände schütteln oder Küsschen geben können. Es stimmt: Wir haben Freiheiten aufgeben müssen. Aber nur, damit wir nicht noch viel grössere Einschränkungen erdulden müssen."

Seiner Meinung nach hätten Bund und Kantone "das im Grossen und Ganzen gut gemacht". "Wir hatten einen coolen Sommer. Jetzt müssen wir die Schraube wieder etwas anziehen, damit wir weiterhin ein möglichst normales Leben führen können."

Umstrittene Corona-Massnahmen und COVID-Gesetz

Eichenberger schätzt die Situation anders ein. "Die Eingriffe in unsere Freiheit waren dramatisch: Wir konnten nicht mehr entscheiden, wie und wo wir einkaufen, essen, reisen, unsere Freizeit verbringen, zum Arzt und in die Schule gehen und Spitalbesuche machen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. "Ohne das Virus wäre das absolut skandalös und unvorstellbar gewesen und auch mit Corona braucht es extrem gute Argumente, um diese Eingriffe zu rechtfertigen. Ob der Verlauf der Pandemie in der Schweiz und die tatsächliche Bedrohung durch Krankheit und Tod dafür ausreichen, ist zumindest fraglich."

Ebenso umstritten ist auch das geplante COVID-Gesetz. Es erlaubt dem Bundesrat, "die auf Notrecht gestützten Solidaritätsmassnahmen fortzuführen", wie Nordmann, der das Gesetz unterstützt, erklärt. "Dass eine laute Minderheit gegen die Massnahmen protestiert, zwingt die staatlichen Akteure und die Politik zu erklären, wieso die Einschränkungen nötig sind. In diesem Sinne wäre eine Abstimmung über das Gesetz nicht dramatisch. Zu motzen ist einfacher, als als Politiker Entscheide zu treffen. Der Staat hat aber die Aufgabe, die Menschen zu schützen."

Eichenberger widerspricht. "Das heutige Notrecht ist für die Bewältigung einer Pandemie das falsche Mittel", sagt er. "Es ist klar, dass schnelle Entscheide her mussten. Doch der Diskurs, der zu diesen Entscheiden geführt hat, war viel zu einseitig. Es hätte von Beginn weg fachkundige Leute gebraucht, welche die Gegenseite vertreten und die harten Massnahmen kritisch hinterfragt hätten."

Wie wird die Zukunft in der Coronakrise aussehen?

Auch die Zukunft schätzen Nordmann und Eichenberger unterschiedlich ein. "Ich hoffe, dass das Leben in ein bis zwei Jahren wieder einigermassen normal ist: dank Fortschritten in der Therapie und vielleicht eines Impfstoffs", erklärt der SP-Fraktionspräsident. "Das Geschwafel von einer Diktatur ist grotesk: Kein Politiker hat Freude daran, etwa ein Stadionverbot zu erlassen. Der Bundesrat hat die harten Massnahmen ja auch so schnell wie möglich gelockert, sobald es die Pandemie erlaubte."

"Es braucht einen Strategiewechsel", fordert hingegen Eichenberger. "Wenn wir so weitermachen, laufen wir schnurstracks in den nächsten Lockdown. Obwohl wieder schärfere Massnahmen ergriffen werden, lässt sich der Anstieg der Fallzahlen nicht verhindern. Gerade die jungen Menschen lassen sich nicht mehr bevormunden. Es braucht einen wirksamen Schutz der Risikopatienten, um dem Rest der Bevölkerungen und der Wirtschaft wieder mehr Freiheiten zugestehen zu können."  © 1&1 Mail & Media/spot on news

China: Bakterium entweicht aus Labor – Tausende Menschen infiziert

Weil ein abgelaufenes Desinfektionsmittel verwendet wurde, konnte vergangenes Jahr in einem staatlichen chinesischen Labor ein Bakterium über die Lüftungsanlage entweichen. Daraufhin sei bei 3.245 Menschen in der Stadt Lanzhou im Nordwesten Chinas sei Brucellose festgestellt worden, teilten die Gesundheitsbehörden mit. Fotocredit: imago images/VCG