Die Infektionszahlen schnellen wieder in die Höhe, immer mehr Menschen stecken sich in der Schweiz mit dem Coronavirus an. Eine Pathologin hat wichtige Erkenntnisse für eine wirksame Therapie gegen COVID-19 gefunden. Sie untersuchte Patienten, die an der Krankheit gestorben sind.

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Seit Beginn der Pandemie hat das Coronavirus laut BAG in der Schweiz 1.823 Todesopfer (Stand: 16. Oktober) gefordert. Schon von Anfang an untersuchte Pathologin Kirsten Mertz die Lungen von verstorbenen COVID-19-Patienten.

Die leitende Ärztin in der Pathologie des Kantonsspitals Baselland veröffentlichte die Ergebnisse der Obduktionen mit ihrem Team kürzlich in der Studie "Molekulares Profil eines Killers" in der Fachzeitschrift "Nature Communications".

"Das Coronavirus war und ist ein Killer", sagt Kirsten Mertz im Interview mit "blick.ch". "Auch in Zukunft wird das so sein." Seit dem Frühjahr habe es zwar "leichte Mutationen" gegeben, "insgesamt hat sich das Virus selbst aber nicht gross verändert".

"Die Risikogruppen sind immer noch dieselben, vor allem ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen", erklärt die Pathologin. "Aber niemand hat die Garantie, von einem schweren Krankheitsverlauf verschont zu bleiben. Immerhin: Unser Wissen darüber hat sich schnell verändert und verbessert."

Zwei Gruppen von COVID-19-Patienten

In ihrer Studie habe Mertz herausgefunden, dass es zwei Gruppen von COVID-19-Patienten gebe. "Die erste Gruppe stirbt in einem frühen Stadium an einer enorm hohen Viruslast in der Lunge. Das Immunsystem schafft es da leider nicht, das Virus zu unterdrücken", sagt sie.

"In der zweiten Gruppe sieht es aber ganz anders aus: Der Körper dieser Patienten kann das Virus zunächst besiegen – doch sind danach massive Schäden an Lunge und anderen Organen zu erkennen. Solche Patienten sterben erst nach mehreren Tagen oder Wochen."

"Auch wenn diese Patienten die Phase mit akutem Virusbefall überleben, bilden sich in der Folge starke Entzündungen im Gewebe", führt die Pathologin weiter aus.

"Denn der Körper reagiert zu heftig auf den Eindringling. Das Virus mag zwar abklingen, die Entzündungen aber zerstören das Gewebe und die Organe. Das kann ebenso tödlich sein wie das Virus selbst."

Somit wird der eigene Körper gefährlich für den Patienten. Doch wie kommt es dazu? "Das Virus infiziert Zellen in der Lunge und verbirgt sich darin", erklärt Mertz.

"Die infizierten Zellen werden vom Immunsystem zerstört. Dadurch wird das Virus zwar entfernt, leider gehen dabei aber auch die Zellen kaputt. Das ist, wie wenn Ihnen der Zahnarzt alle Zähne zieht, weil Sie Karies haben. Dann ist zwar die Karies weg, Ihre Zähne aber auch."

Wovon hängt ein schwerer Krankheitsverlauf ab?

Die Ergebnisse der Studie könnten nun dabei helfen, besser einzuschätzen, "welche Medikamente zu welchem Zeitpunkt am besten wirken", sagt die Ärztin im Kantonsspital Baselland.

"Das ist eine grosse Hilfe. Remdesivir zum Beispiel, das antivirale Medikament, das auch Donald Trump erhalten hat, hat sicher eine bessere Wirkung, wenn man es früh genug verabreicht."

Ein schwerer Krankheitsverlauf hänge "sicher von der Dosis" ab. "Wer nur eine kleine Menge des Virus abbekommt, hat meist auch weniger Symptome und muss gar nicht erst ins Krankenhaus", erklärt Mertz.

Deswegen seien auch Masken und Abstands- sowie Hygienemassnahmen so sinnvoll. "Sie schützen uns zwar nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion. Aber sie sorgen auf jeden Fall dafür, dass wir weniger Viren aufschnappen. Und mit weniger Viren wird ein schwerer Krankheitsverlauf unwahrscheinlicher", sagt die Pathologin.

Mittlerweile gebe es zwar viele Ansteckungen, aber weniger Tote als im Frühjahr. Wie sich die Lage weiterentwickelt, könne man erst in einigen Wochen sagen. "Denn nebst der Viruslast spielen auch die eigene Gesundheit und die Verfassung des Immunsystems eine Rolle. Und das funktioniert bei jedem und jeder von uns anders", sagt Mertz.

Brauchen wir mit besseren Behandlungsmethoden überhaupt einen Impfstoff?

Trotz besserer Behandlungsmethoden sei ein Impfstoff "keinesfalls überflüssig". Denn bei geimpften Personen werde das Virus sofort vom Immunsystem abgefangen.

"Wir müssen weiter ausharren, bis wir einen wirksamen Impfschutz haben", erklärt die Pathologin. "Leider weiss niemand, wann das sein wird. Wir haben ein schwieriges Winterhalbjahr vor uns. Diese Zeit müssen wir mit möglichst umfassenden therapeutischen Mitteln und durch das konsequente Einhalten der Schutzmassnahmen überbrücken. Auf diesem Weg haben wir schon viel erreicht."  © 1&1 Mail & Media/spot on news

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