Ob ein Jugendlicher unter 16 Jahren einen Corona-Schnelltest machen kann, entscheidet in einigen Kantonen zunächst ein Arzt. Doch dadurch gehe entscheidende Zeit für das Contact Tracing verloren, kritisiert der Epidemiologe Andreas Cerny. Zudem könne sich das Virus in der Zwischenzeit weiter ausbreiten.

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Ab wann dürfen Kinder und Jugendliche eigenständig einen Corona-Schnelltest durchführen lassen? Jeder Kanton hat hierfür seine eigenen Richtlinien. In manchen Kantonen dürfen Kinder bereits ab zwölf Jahren zu einem Schnelltestzentrum, ohne sich vorab das Einverständnis eines Arztes einzuholen, in anderen Kantonen geht das erst ab 16 Jahren.

Wie "20min.ch" berichtet, übt Epidemiologe Andreas Cerny Kritik an den uneinheitlichen Strategien der Kantone. Er halte es für problematisch, wenn Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht schnell und direkt an einen Corona-Test kommen. Denn: "Schon Kinder unter zehn Jahren können sehr gute Überträger des Coronavirus sein."

Infektionsketten würden nicht gestoppt

Wissenschaftlich ergebe es keinen Sinn, die Grenze bei 16 Jahren zu ziehen, so der Infektiologe. Der Umweg, den Jugendliche unter 16 Jahren für einen Corona-Test gehen müssten, könnte drastische Auswirkungen haben.

"Je mehr solche logistischen Hürden man kreiert, desto weniger wird getestet und desto weniger kann man Infektionsketten unterbrechen", erklärt Cerny. Bevor ein Kind oder Jugendlicher einen Test erhalte, verstreiche wertvolle Zeit für das Contact Tracing. Ausserdem könne sich das Virus in der Zwischenzeit unter den Mitschülern ausbreiten.

Seine Empfehlung, wenn bei unter 16-Jährigen der Verdacht auf eine Infektion besteht und ein Abstrich gemacht werden soll: "In solchen Fällen ist es besser, wenn dieser von einem vertrauten Kinder- oder Hausarzt gemacht wird."

Aber es müsse auch möglich sein, dass Kinder und Jugendliche in Testzentren einen Abstrich erhalten. "Aus epidemiologischer Sicht sollte auch diese Altersgruppe bei Verdacht auf eine Infektion so schnell wie möglich getestet werden", appelliert er.

Das Bundesamt für Gesundheit hatte bereits angekündigt, die Empfehlung für Kinder unter zwölf Jahren im Hinblick auf den Herbst und Winter zu überarbeiten.

Kantone verfolgen unterschiedliche Strategien

Laut Bund seien über Zwölfjährige alt genug, um sich direkt in Schnelltestzentren untersuchen zu lassen. Doch einige Kantone bestehen darauf, dass unter 16-Jährige sich zuvor das Einverständnis eines Arztes holen.

Im Kanton Freiburg entscheidet etwa der Kinderarzt. "Der Test ist nicht in jedem Fall notwendig. Das obliegt der Einschätzung des Kinderarztes", erklärt Kantonsarzt Thomas Plattner "20min.ch".

Genauso sieht es in Basel aus: Auch hier müssen unter 16-Jährige zunächst zum Arzt, bevor sie in ein Testzentrum dürfen. So könne man "in einigen Fällen, in denen eine andere Krankheit diagnostiziert wird, Kindern den unangenehmen Corona-Abstrich ersparen", begründet Markus Ledergerber, Leiter des Kindergesundheitsdienstes. Ziel sei es ausserdem, zu verhindern, dass "eine Krankheit mit potenziell schwerem Verlauf" unbemerkt bleibe.

Die Kantone Zürich, Bern und Tessin gehen bei Corona-Verdachtsfällen so vor, wie vom Bundesamt für Gesundheit empfohlen. Nur bei Kindern unter zwölf Jahren müssen hier die Eltern und ein Arzt entscheiden, ob ein Test durchgeführt wird. "Die Testkriterien für Kinder ab zwölf Jahren sind dieselben wie für die Erwachsenen", erklärt Daniel Dauwalder, Sprecher vom Bundesamt für Gesundheit © 1&1 Mail & Media/spot on news

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