Epidemiologe Christian Althaus hat in einem Interview über die besorgniserregende Zunahme von COVID-19-Infizierten gesprochen. Mehrere Kantone haben deswegen ihre Massnahmen verschärft. Doch reichen diese aus?

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In der Schweiz steigen die Fallzahlen von Corona-Infizierten wieder deutlich. Mehrere Kantone haben Massnahmen dagegen ergriffen, unter anderem das Tessin. Dort dürfen sich wieder nicht mehr als 30 Personen treffen.

Christian Althaus: Trend der Epidemie geht "ganz klar in die falsche Richtung"

Der Epidemiologe Christian Althaus sagt im Interview mit SRF, man sei in der Wissenschaft "wirklich beunruhigt", weil der Trend der Epidemie "ganz klar in die falsche Richtung" gehe.

Die COVID-19-Task-Force, der auch Althaus angehört, warnte in einem Communiqué davor, Clubs, Diskotheken und Bars zu besuchen. Man wollte "nochmals die Warnung und neue Empfehlung herausgeben, dass insbesondere enge Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen gemieden werden sollen", erklärt der Epidemiologe nun.

Er hält die bereits getroffenen Massnahmen, beispielsweise im Tessin, für "sehr sinnvoll". "Vielleicht müsste man sogar noch etwas weiter gehen", merkt er allerdings an.

Die Öffnung der Bars und Clubs "war wahrscheinlich zu früh", sagt Althaus. "Man sieht nun, dass das wirklich ein Problem darstellt und möglicherweise das Contact Tracing an den Anschlag bringen könnte."

Corona-Situation ist "sehr alarmierend"

Zunächst durften nur 30 Personen aufeinandertreffen, schliesslich 300. "Irgendwo zwischen diesen beiden Zahlen liegt etwa die Grenze für die momentanen Möglichkeiten des Contact Tracing. Darum ist es möglicherweise wichtig, die Maximalgrösse der Veranstaltungen wieder zu reduzieren", erklärt der Leiter der Forschungsgruppe zur Immuno-Epidemiologie an der Universität Bern.

Die Situation sei "sehr alarmierend". "Man muss wissen, dass wir nun wieder in einem ansteigenden Verlauf sind. Das könnte exponentiell sein – und dann geht es sehr schnell, bis sich die Zahlen verdoppeln", sagt Althaus. Etwaige neue Massnahmen würden erst verzögert sichtbar werden, der Anstieg der Fallzahlen würde sich also noch etwa ein bis zwei Wochen fortsetzen.

"Im Moment ist man schon ziemlich an der Grenze mit dem Contact Tracing – und dieses Mal dürfte man das keinesfalls aufgeben. Es ist darum sehr wichtig, dass man nun schnell handelt und sich neue Massnahmen überlegt. Jeder Tag ist nun wichtig", mahnt der Epidemiologe.

Superspreading-Events? Nachtclubs und Discos als "Hochrisikozone für eine Übertragung"

"Zuwarten geht nicht", betont er. "Der Plan war eigentlich eine langsame, schrittweise Lockerung. Nun hat man ein bisschen rasch vorwärts gemacht", sagt er.

Und weiter: "Das Monitoring zeigt, dass seit Anfang Juni die Zahlen ganz klar in die falsche Richtung gehen. Jetzt ist Zeit zu handeln, wieder umzukehren und dann zu schauen, ob es auf dem neuen Niveau möglich ist, die Fallzahlen tief zu halten."

Nachtclubs und Discos seien eine "Hochrisikozone für eine Übertragung". Dazu komme es, weil viele Leute nahe beieinander seien und es "oftmals stickig und laut" sei. Bei den neuen Corona-Fällen in verschiedenen Clubs in Aargau, Zürich und Solothurn will Christian Althaus nicht von Superspreading-Events sprechen.

"Denn bislang waren es nicht 20 oder 100 Neuansteckungen, sondern eher gegen fünf oder sechs", erklärt er. Es sei ein "positives Zeichen", dass man die Fälle erkannt und das Contact Tracing funktioniert habe.

"Sorgen machen uns natürlich mögliche Superspreading-Events, die man eben nicht sieht. Diese könnten zu einer starken Verbreitung beitragen", sagt er.  © 1&1 Mail & Media/spot on news