• Die Kantone impfen unterschiedlich schnell und unterschiedliche Altersgruppen.
  • Das führt dazu, dass sich viele Menschen in mehreren Kantonen gleichzeitig für eine Corona-Impfung registrieren.
  • Weil zahlreiche Termine kurzfristig abgesagt werden, kommt es derzeit zu Chaos.

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Abermals könnte der Schweiz der Kantönligeist zum Verhängnis werden. Denn derzeit kommen die Kantone unterschiedlich schnell bei den Schutzimpfungen gegen das Coronavirus voran.

Während in Waadt bereits seit Beginn der Woche alle Erwachsenen geimpft werden können, werden in Schwyz immer noch nur über 65-Jährige geimpft. Dabei steht es den Kantonen frei, ob sie lediglich die eigene Wohnbevölkerung oder auch Schweizerinnen und Schweizer aus anderen Kantonen impfen. Doch genau diese Freiheit führt nun zu chaotischen Zuständen, wie "20min.ch" berichtet.

Gundekar Giebel, Leiter der Kommunikation der Berner Gesundheitsdirektion, erklärt dem Portal: "Impfwillige sind in der Wahl des Impfortes frei, denn der Tarifvertrag gilt für die ganze Schweiz." Somit sei eine Impfung unabhängig vom Wohnort möglich. Bern impft daher - wie auch einige andere Kantone - derzeit auch Menschen aus anderen Kantonen.

Schweizer registrieren sich für mehrere Impfungen in verschiedenen Kantonen

Doch das führe dazu, dass sich Menschen in mehreren Kantonen gleichzeitig für eine Corona-Impfung registrieren, um schnellstmöglich geimpft zu werden. Eine Leserin habe sich laut eigenen Aussagen beispielsweise in mehr als zehn Kantonen angemeldet. "In Zug, Thurgau und Solothurn habe ich einen Impftermin erhalten, in meinem Wohnkanton Aargau noch nicht", sagte sie "20min.ch". "Wenn ich abgewiesen werde, gehe ich halt zum nächsten Termin."

Allerdings führt dieser Impftourismus, den derzeit zahlreiche Schweizer an den Tag legen, zu kurzfristig abgesagten Impfterminen und Terminchaos in den Praxen, Impfzentren und Apotheken.

Impfterminvergabe nach dem "First-come-First-served-Prinzip"

Der Kanton Uri, der in den kommenden Tagen den Impfstoff für alle Bewohnerinnen und Bewohner ab 16 Jahren zur Verfügung stellen möchte, weist Impfwillige aus anderen Kantonen daher derzeit noch ab. Anmeldungen finden derzeit laut Adrian Zurfluh von der Standeskanzlei nur telefonisch statt.

Dabei werde im Zweifelsfall nach dem Wohnsitz der Impfinteressenten nachgefragt. Später solle über eine Anmeldung in einem Internetportal First-come-First-served-Prinzip verstärkt umgesetzt werden.

In Solothurn habe ein solches Online-Anmeldesystem allerdings Impftourismus nicht verhindern können. In dem Kanton wird man ab Mai alle Erwachsenen impfen. Auch hier gilt das First-come-First-served-Prinzip.

"Seit dieser Ankündigung haben wir sehr viele Anmeldungen erhalten", sagt Simon Muster vom Departement des Innern dem Onlinemedium. Es gäbe jedoch keinen Mechanismus, "der verhindert, dass sich nicht im Kanton Solothurn wohnhafte Personen anmelden können". Dies würden im Moment auch einige Menschen tun, bestätigt er. Man versuche das Problem zu lösen.

Es gibt Verständnis für Impftouristen - doch sie lösen auch Probleme aus

Willy Oggier, Gesundheitsökonom, hat Verständnis für das Verhalten der Menschen, die sich in mehreren Kantonen gleichzeitig für einen Impftermin registrieren. Im Hinblick auf die geplanten Freiheiten für Getestete, Geimpfte und Genesene im Sommer sei "es völlig klar, dass Menschen dies versuchen".

"Das Problem ist, dass es keine einheitliche Software gibt, die alle anderen Termine aus dem System löscht und zur Weitergabe freigibt, sobald jemand seinen Termin in einem der Kantone erhalten hat", erklärt er weiter. Das liege am Föderalismus sowie am Datenschutz.

Die Kantone stehen daher vor dem Problem, dass plötzlich zahlreiche Termine für Impfungen abgesagt oder nicht wahrgenommen werden und man so kurzfristig neu planen müsse.

Im schlimmsten Fall muss Impfstoff vernichtet werden

David Dürr, Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport in Luzern, bestätigt: "Wenn sich Leute an diversen Orten anmelden und den Termin nicht wahrnehmen, führt dies zu unnötigen und vermeidbaren 'No-Shows'." Daher bitte man Personen, nicht mehr benötigte Impftermine rechtzeitig abzusagen. "Ansonsten könnte die Situation entstehen, dass Impfstoff vernichtet werden muss", warnt Dürr.

Dabei solle man laut Oggier nicht das Hauptziel aus den Augen verlieren. "Es geht darum, alle, die wollen, möglichst schnell zu impfen, um die Herdenimmunität zu erreichen. Da kann man nicht am Kantönligeist festhalten", stellt er fest.

Er fordert zudem: "Wenn es Kantone gibt, die schneller sind, muss man den Trödelkantonen einen Teil ihres Impfstoffs wegnehmen und ihn den Schnellen geben."  © 1&1 Mail & Media/spot on news

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