• Am 11. August trifft sich der Bundesrat, um über den Übergang in die "Normalisierungsphase" zu beraten.
  • Diese sieht vor, dass fast alle Corona-Massnahmen fallen, wenn alle Bürger ein Impfangebot hatten.
  • Laut Manfred Kopf von der Corona-Taskforce ist das momentan "Wunschdenken".

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Wird der Bundesrat am 11. August weitere Lockerungen der Corona-Massnahmen beschliessen? Dann würde sich die Schweiz in der sogenannten Normalisierungsphase befinden, in der es kaum mehr Beschränkungen gibt.

Doch Manfred Kopf, Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes, sieht das als unwahrscheinlich an. "So wie es im Moment aussieht, befürchte ich, dass wir mit der Impfquote nicht gross über 60 Prozent hinauskommen werden", sagte der Immunologe an der ETH Zürich zu "20min.ch".

"Wunschdenken, dass dann sämtliche Massnahmen fallengelassen werden"

Momentan haben 53,67 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer eine Dosis erhalten. Bereits vollständig geimpft sind 47,16 Prozent, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) angibt. Die niedrige Impfquote könnte weitere Lockerungsschritte gefährden. Denn die Normalisierungsphase sieht die Aufhebung vieler Beschränkungen erst dann vor, wenn alle ein Impfangebot hatten.

Dass sich der Bundesrat für diesen Schritt entscheidet, hält Kopf nicht für realistisch. Angesichts der niedrigen Impfquote sei es "Wunschdenken, dass dann sämtliche Massnahmen fallengelassen werden können", erklärte der Experte. "Bei rund zwei Millionen über 60-Jährigen wären das bei der momentanen Impfquote in dieser Altersgruppe von rund 80 Prozent 400.000 Ungeimpfte", rechnete Kopf vor. "Bei den 60- bis 80-Jährigen beträgt das Risiko, mit dem Coronavirus infiziert zu werden und daran zu versterben, zwischen 0,2 und 1 Prozent." Damit sei allein in dieser Altersgruppe mit über 2.000 Todesfällen zu rechnen.

Corona-Taskforce empfiehlt Herdenimmunität von 85 Prozent

Aufgrund der Delta-Variante des Coronavirus empfiehlt die Taskforce eine Herdenimmunität von 85 Prozent. Eine weitere starke Belastung des Gesundheitssystems ist laut dem Immunologen ein realistisches Szenario. Deshalb müssten vor allem die über 60-Jährigen von der Impfung überzeugt werden. "Bei 80-jährigen Geimpften ist das Risiko, an Corona zu versterben, etwa genauso hoch wie bei einem 50-jährigen Ungeimpfen." Je höher das Alter eines Geimpften, desto grösser sei dessen Beitrag, "um eine Überlastung der Spitäler zu verhindern".

Wären 95 Prozent der über 60-Jährigen und der Risikopersonen geimpft, "wäre die Herdenimmunität gar nicht mehr entscheidend". Denn dann könne man eine Überlastung des Gesundheitswesens ausschliessen und allen "ihre Freiheiten zurückgeben", sagte Kopf.

In der Politik gibt es unterschiedliche Meinungen

GLP-Nationalrat Martin Bäumle geht ebenfalls nicht davon aus, dass mit der momentanen Impfnachfrage neue Massnahmen im Herbst abgewendet werden können. Er schlägt vor, neue "Anreize" für eine Impfung zu schaffen. Zum Beispiel den Zutritt zu Innenräumen nur Personen mit COVID-Pass zu erlauben.

Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi fordert hingegen, in die Normalisierungsphase überzugehen. "Das wurde uns vom Bundesrat mehrfach versprochen, sobald alle sich haben impfen lassen können." Es sei an der Zeit, zu lernen, mit dem Virus umzugehen.  © 1&1 Mail & Media/spot on news