• In Moskau hat das Impfen gegen das Coronavirus begonnen, obwohl das Vakzin noch nicht genügend ausgetestet ist.
  • Hilft es wirklich oder kann man trotzdem noch an COVID-19 erkranken?
  • Der frühe Start der Impfung ist für Putin eine Prestigefrage.

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Dimitrij Babakow ist einer der Ersten, die am Samstag in Moskau den Impfstoff gegen das Coronavirus erhalten. Doch bevor ihm eine Schwester die Spritze in den linken Arm setzt, muss der 42-Jährige in der Poliklinik Nr. 68 viele Fragen beantworten: Wann er zuletzt krank war, wann er gegen was geimpft wurde – die Krankenschwester ist nicht die Einzige, die Babakow viele Fragen stellt.

Zahlreiche Journalisten warten in der modernen Klinik im Westen des Moskauer Zentrums auf ihn und andere Erstgeimpfte. Staatliche Fernsehsender wie Rossija 24 berichten live über den Start der Corona-Impfaktion. Moskau ist die erste Stadt weltweit, die begonnen hat, so umfangreich und organisiert seine Bürger gegen das Coronavirus zu impfen. 70 Impfzentren wurden bereits eingerichtet, 100 weitere sollen folgen.

Präsident Wladimir Putin hatte den Beginn der Corona-Impfungen am Mittwoch angekündigt. Der Zeitpunkt dürfte nicht zufällig gewesen sein: Wenige Stunden zuvor hatte Grossbritannien als erster Staat weltweit den Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer zugelassen. Bereits kommende Woche will man dort mit den Impfungen starten.

Also verkündete Putin seinerseits den Beginn "einer umfangreichen Impfung". Schliesslich geht es um das Prestige des Landes, sagt Epidemiologe Wassili Wlassow von der Moskauer Higher School of Economics. Er spricht von politischen Gründen: "Russland war nach China das Land, das über einen Impfstoff verfügte, da können wir uns doch jetzt nicht von den Briten überholen lassen", so Wlassow.

Verabreicht wird zunächst das Vakzin vom Moskauer Gamaleja-Institut. Es wurde, wie auch Putin gern betont, weltweit als erstes im August zugelassen – wenn auch vorläufig, was der Kremlchef nicht ergänzt. Er selbst hat sich Berichten zufolge noch nicht impfen lassen.

Russlands Impfstoff noch nicht zu Ende getestet

Denn der russische Impfstoff ist noch nicht zu Ende getestet worden. Die Phase III der klinischen Studien mit 40.000 Freiwilligen läuft noch bis Ende Januar. Dass dennoch nun parallel die "normalen" Impfungen gestartet wurden, kritisieren auch russische Experten. "Es gibt leider viele Unsicherheiten und Unklarheiten. Mich beunruhigt, dass es bisher keine Testergebnisse der dritten Phase gibt", sagt der Epidemiologe Wlassow. Ausserdem seien keine Rohdaten der Phase I und II veröffentlicht worden. Er selbst will die Veröffentlichung erst einmal abwarten, bevor er sich impfen lässt.

Er ist nicht der einzige, der Sputnik V nicht so ohne Weiteres vertraut. Nach einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada wollen sich 59 Prozent der Befragten erst einmal nicht impfen lassen.

Für den Moskauer Babakow zählen solche Umfragen nicht so sehr: "Schliesslich basiert der Impfstoff auf einem bereits erfolgreich entwickelten Impfstoff", sagt er. Darauf verweist auch der Chef des Gamaleja-Instituts.

Die drei Phasen der Impfstofftestung, die Dauer bezieht sich auf Durchschnittwerte. Beim Coronavirus kann die Entwicklung und Zulassung bei gleichbleibender Sicherheit beschleunigt werden, weil zeitgleich getestet, geprüft und ausgewertet wird. Darüber hinaus stehen wegen der laufenden Pandemie auch ausreichend freiwillige Testpersonen zur Verfügung.

Mitmischen im Wettrennen um einen Corona-Impfstoff

Seinem Vakzin hat man einen symbolträchtigen Namen gegeben: Sputnik V heisst er, was einiges über das Selbstverständnis der Russen aussagt. Der Impfstoff wurde nach dem legendären ersten Satelliten benannt, den die Sowjetunion 1957 ins Weltall schoss und so den USA zuvorkam.

Auch dieses Mal will Russland ganz vorne im Wettrennen um einen Corona-Impfstoff mitmischen. Im Staatsfernsehen wird nun gezeigt, wie Kühltaschen mit Proben von Sputnik V in andere Länder geflogen werden, darunter sind nicht nur postsowjetische Staaten, sondern auch Länder wie Serbien und das EU-Land Ungarn.

Dem Kreml geht es aber nicht nur um Prestige. Er braucht den Impfstoff dringend. Die Corona-Situation im eigenen Land ist alles andere als gut. Während in Moskau das Impfprogramm startete, meldeten die Behörden neue Antirekorde: fast 29.000 Neuinfizierte und über 500 Tote an einem Tag. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der an und mit Corona Verstorbenen drei- bis viermal so hoch liegt.

Noch immer sind nicht nur in Moskau Cafés, Restaurants, Geschäfte und Sportklubs geöffnet. Das Leben über Wochen fast komplett runterzufahren, so wie im Frühjahr, kann sich Russland angesichts der Wirtschaftskrise kaum leisten. Zudem fehlen vielen Russen die Reserven.

Eine Krankenschwester mit dem russischen Corona-Impfstoff Sputnik V.

Produktion lief schleppend an

Dass Putin nun von einer gross angelegten Impfaktion und nicht von einer Massenimpfung spricht, verdeutlicht Russlands Lage. Hiess es noch vor wenigen Monaten, dass man bis Ende des Jahres über 30 Millionen Dosen verfügen werde, sind es nur zwei Millionen. Das unabhängige Internetportal "The Bell" hatte bereits vor Wochen berichtet, dass die Hersteller Schwierigkeiten haben, den Impfstoff stabil zu halten. Damit ist gemeint, dass die aktiven Bestandteile des Vakzins sich während der Produktion, Lagerung und dem Transport nicht verändern dürfen.

Die Internetseite "Meduza" berichtete nun, dass es vor allem von der zweiten Komponente des Impfstoffes zu wenig Dosen gebe. Sputnik V besteht aus zwei Bestandteilen, die im Abstand von 21 Tagen gespritzt werden. Wann auch ausreichend Dosen in Regionen ausserhalb Moskaus geliefert werden können, ist unklar.

Zunächst sollen ausserdem nur Menschen geimpft werden, die in gefährdeten Bereichen arbeiten: Lehrer, Ärzte, Mitarbeiter im sozialen Dienst, so wie Babakow. Er arbeitet für die Stadt, hilft, Menschen Arbeit zu vermitteln, die auf dem Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben: darunter etwa ältere oder Menschen mit Behinderungen. "Zu uns kommen 200 bis 300 Menschen am Tag. Das Risiko sich anzustecken, ist gross", sagt er. Von seinen 200 Kollegen seien bereits 20 an Corona erkrankt. "Ich habe mich deshalb sofort angemeldet, möchte mich und meine Familie schützen", sagt Babakow.

Am 26. Dezember muss er zur zweiten Impfung. Vizepremierministerin Tatjana Golikowa hat ihm und den Geimpften bereits öffentlich einen Rat gegeben: Nach der ersten Dosis sollten sie 42 Tage keinen Alkohol trinken, um nicht die Immunisierung zu gefährden, mahnte sie. Auch nicht an den Feiertagen.  © DER SPIEGEL

Corona-Impfstoff: So wirkt das Vakzin von Biontech/Pfizer

Erste Testergebnisse deuten darauf hin, dass der Impfstoff von Pfizer und BioNTech zu mehr als 90 Prozent wirksam ist. Die Impfung hat eine andere Wirkungsweise als herkömmliche Impfstoffe, wie diese Animation zeigt.