SPD-Mann Karl Lauterbach nennt das bisherige Vorgehen der Gesundheitsämter in der Pandemie "völlig ineffizient" und wissenschaftlich überholt. Was schlägt er stattdessen vor?

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Der SPD-Politiker Karl Lauterbach fordert von der deutschen Politik einen radikalen "Strategiewechsel bei der Pandemiebekämpfung".

Die Gesundheitsämter müssten einen anderen Auftrag bekommen, sagt er. "Statt jedem Einzelkontakt nachzutelefonieren, sollten sich die Ämter allein auf die sogenannten Superspreader konzentrieren."

Gemeint sind die wenigen hochansteckenden Infizierten, die bei Gruppentreffen oft Dutzende anstecken. "

Lesen Sie hier das ganze Interview:

SPIEGEL: Herr Lauterbach, wovor warnen Sie heute?

Lauterbach: Vor der zweiten Welle.

SPIEGEL: Wird die denn kommen?

Lauterbach: Sie läuft schon. Die erste haben wir gut überstanden. Wir hätten sie sogar noch besser bewältigt, wenn wir den Lockdown zwei, drei Wochen weitergeführt hätten.

Jetzt befinden wir uns am Anfang der zweiten Welle. Um die in den Griff zu kriegen, brauchen wir dringend einen Strategiewechsel bei der Pandemiebekämpfung.

SPIEGEL: Was könnte uns vor einem starken Anstieg der Infektionen im Herbst bewahren?

Lauterbach: Wir können uns keinen neuen harten Lockdown leisten. Das wäre furchtbar. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Disziplin in der Bevölkerung, Abstand zu halten oder Masken zu tragen, geringer als bei der ersten Welle sein wird. Entscheidend ist daher die Arbeit der Gesundheitsämter und deren Strategie.

SPIEGEL: Bislang sollen die Behörden vor Ort alle Kontakte eines Neuinfizierten nachverfolgen und so Infektionsketten durchbrechen. Was ist daran falsch?

Lauterbach: Dieses Vorgehen ist völlig ineffizient, wir sind auf dem Holzweg. Statt jedem Einzelkontakt nachzutelefonieren, sollten sich die Ämter allein auf die sogenannten Superspreader konzentrieren, also die wenigen hochansteckenden Infizierten, die bei Gruppentreffen oft Dutzende anstecken.

Sie allein sind der treibende Faktor der Pandemie. Wir wissen inzwischen, dass Einzelüberträger für das exponentielle Wachstum kaum Bedeutung haben. Wenn wir da nicht umsteuern, bekommen wir eine heftige zweite Welle.

SPIEGEL: Warum ist die bisherige Strategie ineffizient?

Lauterbach: Es wird ein riesiger Aufwand mit massivem Personaleinsatz betrieben, der keinerlei Nutzen hat. Wir hecheln der Pandemie erfolglos hinterher. Der Patient wird zu einem Zeitpunkt isoliert, an dem er kaum noch ansteckend ist. Da hat er die Infektion längst weitergegeben.

Jemand, der erkrankt, erscheint typischerweise am zweiten Tag mit Symptomen beim Arzt. Dann ist er oft schon am vierten Tag seiner Infektion, die ersten beiden verlaufen in der Regel symptomfrei. Bis das Testergebnis aus dem Labor kommt, vergehen zwei weitere Tage, manchmal mehr.

Im Durchschnitt wird der Patient also am sechsten oder siebten Tag nach der Infizierung isoliert. Die Quarantäne kommt zu spät, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Die Einzelkontakte, die dann überprüft werden, sind zu diesem Zeitpunkt nicht mehr infektiös. Wir müssen schneller werden.

SPIEGEL: Wie soll das gehen?

Lauterbach: Ich plädiere dafür, die Strategie Japans zu übernehmen, die erfolgreichste im Kampf gegen Superspreader. Die Japaner hatten bei der ersten Welle keinen strengen Lockdown, waren aber ähnlich erfolgreich wie wir.

Genau das brauchen wir für die zweite Welle. Auch der Virologe Christian Drosten hält diese Strategie für richtig und wichtig.

SPIEGEL: Was würde das für die deutschen Gesundheitsämter bedeuten?

Lauterbach: Wenn jemand getestet wird, muss zeitgleich mithilfe eines Formblatts systematisch abgefragt werden, ob er in den vergangenen Tagen bei einem potenziellen Superspreader-Event war: einer Gesangsveranstaltung, einer Hochzeitsfeier oder ob er als Lehrer in einer Schule tätig ist.

Sollte der Test positiv ausfallen, müssen alle anderen Teilnehmer der Veranstaltung sofort in Quarantäne geschickt werden, unverzüglich, noch bevor sie selbst getestet wurden. Nur so verhindern wir, dass sie in der Zeit, da sie infektiös sein können, das Virus weitergeben.

SPIEGEL: Und wenn es in einer Schulklasse einen Infizierten gibt?

Lauterbach: Dann müssen alle Schüler und deren Familien für eine Woche in Quarantäne. Nur so lässt sich ausschliessen, dass eine Schulklasse zu einem Superspreader-Ort wird.

Mehr als eine Woche Quarantäne ist übrigens nicht notwendig. Länger sind Infizierte fast nie ansteckend, selbst wenn sie noch erkrankt sind.

SPIEGEL: Was würde dann künftig mit Infizierten geschehen, die bei keiner Gruppenveranstaltung waren?

Lauterbach: Deren Kontakte müssten die Ämter künftig nicht mehr verfolgen, sie sind für das Pandemiegeschehen nicht relevant. Ämter wie Labore hätten dann genügend Kapazitäten, um sich auf die Superspreader zu konzentrieren.

Was wir bislang machen, ist reinste Ressourcenverschwendung. Die bislang verfolgte Strategie der Gesundheitsämter ist auch wissenschaftlich längst widerlegt. Wir sind nicht mehr auf der Höhe der Forschung.

SPIEGEL: Wäre es besser, Gruppentreffen wieder zu verbieten?

Lauterbach: Wir müssen jedenfalls alles tun, um grosse Menschenansammlungen durch Verbote und harte Strafen zu vermeiden. Bundesligaspiele mit Zuschauern sollten nicht stattfinden dürfen.

Wer an Feiern teilnimmt und keinen Abstand hält, wie bei der grossen Party neulich in der Berliner Hasenheide, muss mit dreistelligen Bussgeldern belegt werden, die auch wirklich erhoben werden.

SPIEGEL: Welche Rolle soll Ihrer Meinung nach das Robert Koch-Institut spielen?

Lauterbach: Es müsste sich viel aktiver in die Strategie für eine Bekämpfung der zweiten Welle einbringen. Das RKI delegiert zu viel an die lokalen Gesundheitsämter, die mit der Arbeit überfordert sind, obwohl sie sehr engagiert arbeiten.

Wir brauchen vom RKI jetzt mehr als die täglichen Appelle, Abstand zu halten und Masken zu tragen, so richtig sie sind. Wir brauchen klare und hilfreiche Pläne.


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