Epidemiologe Marcel Salathé hat einen Vorschlag für den Ausbau der Schweizer COVID-App: Die Entwickler sollten Rückwärts-Tracing implementieren. Dadurch könnten Personen, die bei Superspreader-Events anwesend waren, identifiziert und informiert werden.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Die Frage, wo sich ein Mensch mit dem Coronavirus angesteckt hat, kann oft nicht beantwortet werden. Epidemiologe Marcel Salathé erklärt in einem Twitter-Thread, dass einfaches Contact Tracing lediglich "vorwärts schaut". Denn: Ausgehend von einer infizierten Person frage man lediglich, wen diese Person anstecken konnte.

Man könne aber auch "rückwärts schauen" und sich fragen, wer die infizierte Person angesteckt habe. Noch wichtiger sei ausserdem die Frage nach dem "Wo". "So kann man mögliche Cluster identifizieren", erklärt der Infektiologe. Cluster ist ein anderes Wort für ein Superspreader-Event. Ohne das Rückwärts-Tracing könne man nicht nachverfolgen, ob sich Personen bei dem gleichen Event angesteckt haben, man habe nur Fälle ohne Zusammenhang.

"Wenn man dies systematisch macht, dann tauchen bald mal Muster auf, und man sieht, welche Arten von Events problematischer sind als andere", sagt Salathé. "Damit kann man präzisere Massnahmen treffen." Ausserdem könne man "alle Personen, die an diesem Event waren, kontaktieren und testen".

Superspreader-Events können mithilfe von QR-Codes identifiziert werden

Ein Fokus auf Superspreader-Events sei "extrem effizient für die Infektionskontrolle". Effizienz sei besonders wichtig, wenn das Contact Tracing überlastet sei. Eine Möglichkeit, das Rückwärts-Tracing in die SwissCOVID-App zu implementieren, seien QR-Codes, die jeder bei Events scannen würde – als Ersatz für beispielsweise Papierlisten. "Die App könnte den Contact-Tracern so zeigen, an welchen gescannten Events mehrere Personen waren, die dann positiv getestet wurden", schreibt Salathé.

Dieses sogenannte "Presence-Tracing" wurde laut Salathé bereits in einem dezentralen Protokoll entwickelt. Die Entwickler der SwissCOVID-App hätten sogar bereits eine Demo-Implementation in einer separaten App gebaut.

Bundesamt für Gesundheit plant kein Update der SwissCOVID-App

Das "Presence-Tracing" könne man "sehr einfach" in die SwissCOVID-App einbauen. "Worauf warten wir also?", fragt Salathé. Da die SwissCOVID-App eine App des Bundes sei, müsse auch der Bund darüber entscheiden und die Entwicklung in Gang setzen.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat laut des Nachrichtenportals "20min.ch" zwar Kenntnis von dem Projekt, bislang spielt es aber "keine aktive Rolle". Mediensprecher Marco Stücheli schreibt: "Ein entsprechendes Update der SwissCOVID-App ist zurzeit nicht in Planung."  © 1&1 Mail & Media/spot on news

Informationskontrolle bis Überwachungs-App: So wirkt sich die Pandemie auf die Internetfreiheit aus

Der jährliche Report der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation "Freedom House" zeichnet ein besorgniserregendes Bild für die Internetfreiheit. Unter dem Deckmantel der Corona-Pandemie halten laut Analyse Informationskontrolle und Überwachungsmechanismen Einzug in die Netzpolitik. Besteht auch in Deutschland Grund zur Sorge? Vorschaubild: picture alliance / SvenSimon