Die Corona-Lage in der Schweiz verschärft sich weiter. Der Tessiner Spitaldirektor kritisiert nun, dass die Schweiz "die zweite Welle verschlafen" habe.

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Die Corona-Fallzahlen in der Schweiz steigen und steigen. Am Freitag (16. Oktober) meldete das BAG 3.105 Neuinfektionen mit dem Coronavirus binnen eines Tages. Bereits am Mittwoch (14. Oktober) schlug das Spital Schwyz in einem emotionalen Video Alarm. "Wir können das als Spital nicht mehr stemmen, wenn die Fallzahlen weiter steigen", erklärte Spitaldirektorin Franziska Föllmi.

"Wir haben in Schwyz momentan sogar einen der schlimmsten Ausbrücke von COVID-19 in ganz Europa", hiess es weiter vom Spital. Der Anteil positiver Tests sei am Corona-Center des Spitals bereits auf 30 bis 40 Prozent angestiegen.

Der erste Corona-Patient der Schweiz kam am 25. Februar im Tessin in die Moncucco-Klinik in Lugano. Auch Spitaldirektor Christian Camponovo zeigt sich im Gespräch mit "blick.ch" angesichts der steigenden Fallzahlen besorgt und beklagt: "Die Deutschschweiz hat die zweite Welle deutlich unterschätzt!"

Zweite Corona-Welle könnte "viel länger dauern"

"Bei der ersten Welle hatten wir fast schon Glück", führt er aus. "Sowohl die Länder allgemein wie auch die Kantone der Schweiz wurden nacheinander getroffen." Die Zahlen würden nun aber überall gleichzeitig steigen. Die zweite Welle könnte laut Camponovo "viel länger dauern". "Einerseits ist da der Winter", erklärt er. "Andererseits ist die Schweizer Politik nicht mehr bereit, drastische Massnahmen zu ergreifen. Politik und Wirtschaft wollen keinen zweiten Lockdown. In dieser Einstellung sehe ich eine grosse Gefahr für eine schlimme zweite Welle."

Der Spitaldirektor verstehe nicht, warum der Bundesrat bei der ersten Welle landesweite Massnahmen beschlossen habe, obwohl die Situation in den Kantonen unterschiedlich gewesen sei. "Jetzt ist die Situation in allen Kantonen gleich, aber der Bund macht nichts."

Die Schweiz habe im Sommer keine Szenarien für eine zweite Welle im Herbst vorbereitet. "Die Schweiz hat die zweite Welle verschlafen", kritisiert Camponovo. "Bei der ersten Welle kann man sagen, dass das Gesundheitssystem nicht vorbereitet war, weil Corona etwas Unerwartetes und Neues war. Dieses Argument zählt jetzt jedoch nicht mehr."

Gefahr besteht, dass nicht jeder Infizierte im Spital behandelt werden kann

Wenn Krankenhäuser wie das Spital Schwyz Alarm schlagen, müssten Prioritäten gesetzt werden. "Man kann nicht alle Patienten pflegen. Operationen, die verschoben werden können ohne Folgen für den betreffenden Patienten, müssen jetzt warten", sagt der Tessiner Spitaldirektor. Auch in seiner Klinik wird erwartet, "dass die Fallzahlen weiter steigen". "Ob wir gut vorbereitet waren auf die zweite Welle, wird sich im Frühling zeigen."

Der Bevölkerung müsse klar sein, dass die Gefahr bestehe, dass nicht alle Patienten gepflegt werden können. "Die meisten Menschen denken, dass sie das Virus sowieso nicht trifft. Und wenn doch, dann geht man halt ein paar Tage ins Spital, und alles wird gut", erklärt Camponovo. Das werde jedoch nicht funktionieren, weil die Infektionszahlen höher sein dürfen als derzeit bekannt.

"Wir reagieren auf die aktuellen Zahlen, doch das Virus ist schon weiter. Von dem, der heute neu infiziert wurde, werden wir erst nächste Woche erfahren." Camponovos Appell: "Wir müssen wieder schneller als das Virus sein. Und nicht hinter ihm herrennen."  © 1&1 Mail & Media/spot on news

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