Der Angriff auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" zu Jahresbeginn erschüttert Paris und die Welt. Die anfängliche Solidaritätswelle #JesuisCharlie ebbt allerdings bald ab, die Überlebenden kämpfen jedoch noch immer mit den Folgen des Terrors.

Am 7. Januar 2015 gegen 11:20 Uhr stürmen zwei schwer bewaffnete und vermummte Männer das Redaktionsbüro der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris. Sie schiessen auf die Anwesenden und fliehen. An diesem Tag töten sie zwölf Menschen.

In Paris wird die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Zwei Tage später überfällt ein dritter Mann einen jüdischen Supermarkt und nimmt Mitarbeiter und Kunden als Geiseln. Er soll am Tag zuvor schon eine Polizistin erschossen haben. Auch in dem Supermarkt sterben vier Menschen, die Polizei stürmt schliesslich das Gebäude.

In einer Druckerei nahe Paris kommt es ebenfalls zu einem Schusswechsel zwischen den geflohenen Attentätern von "Charlie Hebdo" und der Polizei. Am Ende sind alle drei Terroristen tot.

Die Welt bekundet Solidarität: #JesuisCharlie

Nach den Anschlägen mit insgesamt 20 Toten befindet sich Paris im Schockzustand. Wer steckt hinter den Angriffen? Schon bald wird klar, dass sich die beiden Brüder und "Charlie Hebdo"-Angreifer Saïd und Chérif Kouachi und der Supermarkt-Geiselnehmer Amedy Coulibaly kannten und Verbindungen in die islamistische Szene hatten.

Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" wurde schon länger bedroht. Extremisten hatten die Redaktion wegen der Veröffentlichung von Karikaturen über den Propheten Mohammed ins Visier genommen.

Menschen aus aller Welt werten den Angriff auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion deswegen als Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit. In den sozialen Netzwerken bekunden sie mit dem Hashtag #JesuisCharlie ihre Solidarität mit den Opfern.

Höhepunkt ist eine grosse, überregionale Demonstration am 11. Januar. Vier Millionen Menschen in ganz Frankreich nehmen teil. Auch internationale Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande marschieren Arm in Arm – aus Sicherheitsgründen jedoch in einer abgesperrten Seitenstrasse.

"Charlie Hebdo" macht weiter

Unter den Terror-Opfern sind "Charlie Hebdo"-Chefredakteur Stéphane Charbonnier und einige der besten Karikaturisten Frankreichs. Die Überlebenden arbeiten trotzig an der nächsten Ausgabe. Das Titelbild zeigt den weinenden Propheten Mohammed, der auch ein Schild mit "Je suis Charlie" in der Hand hält. Darüber steht: "Tout est pardonné" (deutsch: Alles ist vergeben). Die Auflage liegt bei acht Millionen Exemplaren.

Weitermachen, um den Terror nicht gewinnen zu lassen – das haben sich die Redaktionsmitglieder zum Ziel gesetzt. Doch es ist eine sehr schwere Aufgabe.

Viele Überlebende leiden unter körperlichen und psychischen Verletzungen. Noch immer werden sie von Extremisten bedroht, manche stehen unter ständigem Polizeischutz. Auf der anderen Seite sollen sie als Botschafter der Meinungsfreiheit auftreten. Eine grosse Last für Redakteure, die zuvor für ein kleines Satireblatt arbeiteten und ihre Aufgabe darin sahen, die Mächtigen zu attackieren.

Unter den Redaktionsmitgliedern gibt es zudem Streit. Nach den Angriffen verkauft die Zeitschrift deutlich mehr Ausgaben als zuvor, dazu kommen Spenden. Doch Journalisten und Eigentümer sind sich nicht einig, was mit dem Geld geschehen soll.

Keine Solidarität mehr mit Charlie

Auch um die Zukunft des Blattes wird gerungen. Es soll sich verändern, da es nicht mehr zeitgemäss sei. "Charlie Hebdo" findet jedoch kaum neue Mitarbeiter. Es gibt einfach keinen Ersatz für die Ermordeten.

Der Zeichner Renald Luzier, genannt Luz, verlässt im September die Redaktion. Am Tag des Attentats, seinem Geburtstag, hat er verschlafen. Das rettet ihm wohl das Leben. Den Schock, den Druck, die mediale Präsenz hält er danach kaum aus. "Jeder Redaktionsschluss ist eine Folter, weil sie nicht mehr da sind", begründet Luz seinen Rückzug in der Zeitung "Libération". Das Geschehen hat er auf seine eigene Weise verarbeitet: mit einem Comicbuch.

Der öffentliche Rückhalt schwindet bald. "Charlie Hebdo" hätte durch die Mohammed-Karikaturen die Anschläge provoziert, ist plötzlich keine seltene Meinung. "Die Leute halten sich jetzt lieber fern von uns", berichtet Solène Chalvon, eine im April eingestellte Redakteurin, der deutschen Zeitung "Die Zeit". "So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte, dass Türen aufgehen. Es gehen aber immer mehr Türen zu."

"Sie haben die Waffen, wir den Champagner"

Nach der grossen Sympathiewelle wird auch wieder Kritik an dem giftigen Humor von "Charlie Hebdo" laut. Eine im September veröffentlichte Zeichnung zeigt den ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan, daneben die Werbung einer Fast-Food-Kette ("Zwei Kindermenüs zum Preis von einem") und die Überschrift "So nah am Ziel …". Sie ist ebenso umstritten wie Karikaturen zum Absturz des russischen Passagierflugzeugs in Ägypten.

So blutig das Jahr in Paris begonnen hat, so blutig endet es auch: Am 13. November ereignen sich erneut Terroranschläge in der französischen Hauptstadt. Die Opfer haben keine Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, sie sind Männer und Frauen, jung und alt, Franzosen und Nicht-Franzosen, Muslime und Nicht-Muslime.

"Charlie Hebdo" reagiert: Auf der Titelseite ist ein von Kugeln durchsiebter Mann abgebildet. Doch er tanzt und trinkt, der Champagner spritzt aus den Löchern. Darüber steht: "Sie haben die Waffen. Scheiss drauf, wir haben den Champagner." Damit geben die Opfer selbst die beste Antwort auf den Terror: Fürchtet nicht den Tod, feiert das Leben!