Der FC Bayern das Jahres 2015 ist fussballerisch wohl der beste aller Zeiten. Die Bundesliga kann mit dem Rekordmeister längst nicht mehr mithalten, die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Und doch müssen auch die Bayern erkennen, dass sich die nationale Überlegenheit nicht immer als förderlich erweist.

Von den vielen neuen Rekorden des FC Bayern ist dieser eine der vielleicht eindrucksvollste: Pep Guardiola hat in seiner Zeit in München noch kein einziges Spiel in der Vorrunde der Bundesliga verloren. 40 Siege und sechs Remis holte der Katalane mit den Bayern in jener Phase der Saison, in der die Mannschaft jeweils den Grundstein legte für den sicheren Gewinn der deutschen Meisterschaft.

Die Bayern erdrücken die Liga erneut. Der heimischen Spielklasse scheinen die Bayern längst entwachsen. "Die werden in den nächsten Jahren immer deutscher Meister. Ich kenne kein Patentrezept dagegen, weil die Bayern ja auch keine Fehler machen", kapituliert Dortmunds Hans-Joachim Watzke.

Die Bayern treiben ihre Dominanz zum Ausklang des Jahres 2015 noch einmal rigoros auf die Spitze. Die Phase, in denen sich die Bayern mal nicht Lichtjahre entfernt von der Konkurrenz bewegen, gibt es immer im Frühjahr eines jeden Jahres. Angesichts von dann bis zu 20 Punkten Vorsprung auf die "Verfolger" lässt Guardiola rotieren. Und seine Spieler erlauben sich einen gewissen Spannungsabfall und auch mal Konzentrationsschwächen.

Auch wirtschaftlich überragend

Es ist der Fluch der besonders guten Tat. Die Bayern haben die Bundesliga aus ihren Angeln gehoben, das wird in der aktuell laufenden Saison mehr als deutlich. Nicht nur gemessen an der Punktausbeute, auch wirtschaftlich und strategisch enteilt der FCB allen potenziellen Konkurrenten.

Bereits jetzt erwirtschaften die Münchener mehr als doppelt so viel Geld wie der offenbar schärfste Rivale Borussia Dortmund (zuletzt 228 Millionen Euro). "Das wirtschaftliche Kräfteverhältnis von einem Klub zur Konkurrenz ist so dramatisch, dass es nicht mehr aufzuholen ist", behauptet Watzke.

Im Profibereich und in Sachen Wirtschaftlichkeit bewegen sich die Bayern in eigenen Sphären, einzig im Nachwuchsbereich hinken die Bayern im nationalen Vergleich hinterher. Aber auch hier sind die Weichen mit dem Bau eines neuen Nachwuchsleistungszentrums und Uli Hoeness in verantwortlicher Position im Jugendbereich bereits gestellt.

Schwächephase kostet Titel

Die blanken Zahlen des bald auslaufenden Jahres sind aus sportlicher Sicht beeindrucken. 46 Pflichtspiele haben die Bayern bisher absolviert, dabei 34 Siege eingefahren, drei Remis und nur neun Spiele verloren (Stand 26.11.2015). So weit, so stark. Nur gibt es da auch ein grosses Aber: In der Rückrunde der vergangenen Saison erlaubten sich die Bayern insgesamt acht der neun Niederlagen.

Besonders auffällig waren dabei vier Niederlagen am Stück Ende April beziehungsweise Anfang Mai. Da verspielten die Münchener in beiden Pokalwettbewerben ihre Chancen auf einen Titel, dem 0:2 (nach Elfmeterschiessen) im DFB-Pokal gegen Dortmund folgte das vorentscheidende 0:3 beim FC Barcelona im Halbfinale der Königsklasse. Dazwischen und danach setzte es gegen Leverkusen und Augsburg in der Liga jeweils eine Pleite.

Die grossen Verletzungssorgen waren ein Grund für den nachhaltigen Leistungseinbruch - aber eben auch die Tatsache, dass die Bayern in der wirklich entscheidenden Phase der Saison nicht mehr jene Spannung aufbauen und Galligkeit versprühen konnten, wie ihre Gegner. Ein Phänomen, das bereits ein Jahr zuvor in den Halbfinals gegen Real Madrid, als die Bayern ebenfalls kurz vor dem Finale der Champions League die Segel streichen mussten, zu erkennen war.

"Bonusspiele" sind schon normal

In dieser Saison scheint der Rekordmeister besser gewappnet. Der Kader wurde quantitativ und qualitativ nochmals aufgestockt. Guardiolas Spielsystem ist in dessen drittem Jahr in München so weit ausgereift, dass die Bayern auf jede erdenkliche Spielsituation reagieren können und für das Gros der Gegner nicht mehr greifbar sind.

Die Bundesliga bekommt das seit Wochen in drastischer Form zu spüren, Kantersiege gegen die vermeintliche Verfolger Dortmund und Wolfsburg (jeweils 5:1) oder Bayer Leverkusen (3:0) sorgen schon kaum mehr für Aufsehen. "Wolfsburg und Dortmund waren die grössten Herausforderer - und die wurden nicht nur geschlagen, sondern zerpflückt", sagt Kölns Jörg Schmadtke. Dessen Team kam in München mit einem 0:4 auch nur unwesentlich besser weg.

Sammer "will Liga so unspannend wie möglich halten"

Die Bayern der zweiten Jahreshälfte ergötzen sich im Prinzip nur noch an sich selbst. "Es muss erkennbar sein, dass man gegen Bayern München keine Chance hat", droht Sportvorstand Matthias Sammer förmlich der Konkurrenz. "Wir als FC Bayern wollen die Liga so unspannend wie möglich halten", formuliert es Thomas Müller. Beides funktioniert bisher nach Plan.

Die Fans erleben im Jahr 2015 die besten Bayern aller Zeiten. Das führt so weit, dass nicht nur die Münchener in der Bundesliga rotieren, sondern auch der eine oder andere Gegner eine Art B-Mannschaft aufbietet - weil es ohnehin nicht zu holen gibt. Das Wort vom "Bonusspiel" gegen die Bayern ist längst salonfähig geworden.

Mit den Bonusspielen wird es in den K.o.-Spielen der zweiten Saisonhälfte aber vorbei sein. Da konnten die Bayern ihrem heimischen Primat im europäischen Vergleich (noch) nicht folgen. Insofern hat die Münchener Dominanz auch immer noch ihre Schattenseiten.