Nach Jahren des Aufwinds bläst David Alaba in diesem Jahr eine steife Brise ins Gesicht. Nicht nur bei der Europameisterschaft blieben die Leistungen des 24-Jährigen hinter den Erwartungen zurück - und auch abseits des Platzes musste der Wiener Kritik einstecken.

Es war der 14. Oktober 2009, als der Taktik-Sachverständige und damalige ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini den blutjungen David Alaba im WM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich im rot-weiss-roten Teamdress debütieren liess. Der zu diesem Zeitpunkt 17-Jährige war bereits ein gutes Jahr beim FC Bayern unter Vertrag, allerdings ohne eine einzige Minute in der Profiauswahl gespielt zu haben.

How do you do, Publikumsliebling?

Im Laufe der folgenden Jahre und nach einem kurzen Intermezzo beim TSG Hoffenheim spielte sich Alaba in die Herzen der bayerischen Fans und avancierte zu einem absoluten Publikumsliebling. Auch die Millionen heimischen "FC Sitzgarnitur"-Teamchefs gewannen den Jungspund so richtig lieb. Deren Befund: spielt phänomenal, sieht schnuckelig aus und redet wie Toni Polster.

Schon 2011 wurde David Alaba von den Trainern der österreichischen Bundesliga zum besten Spieler des Jahres gewählt, und kurz danach erreichte er mit Bayern München das Finale der Champions League. David Alaba avancierte im internationalen Fussballgeschäft zu einer echten Grösse die jeder kannte. Fast jeder.

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Der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter tat sich in der Zeit, in der schon die Hälfte aller österreichischen Eichhörnchen mit einem Alaba-Trikot durch die Landschaft wieselte, noch ein wenig schwer, den jungen Mann zu identifizieren. "How do you do?" soll Platter damals gesagt haben. "Danke, gut. Sie können ruhig Deutsch mit mir reden, ich bin Österreicher", so die Antwort.

Mediale Resonanz: Vom Wunderkind zum "Schlaffi"

Heute, ein paar Jahre sowie zwei Auszeichnungen als "Sportler des Jahres" und fünf Ehrungen als "Fussballer des Jahres" später, bläst David Alaba eine steife Brise ins Gesicht. Der Superstar ist etwas ausser Tritt geraten und zeigt seit dem Frühjahr mittelmässig bis schwache Leistungen, wie leider auch seine statistischen Werte in Bezug auf Ballkontakte, Passquote und gewonnene Zweikämpfe belegen.

Als dann auch noch das neue österreichische Wunderteam bei der Europameisterschaft in Frankreich nach der Vorrunde die Reise gen Heimat angetreten hatte, war für das Gros der Kritiker der Sündenbock unter den Spielern rasch ausgemacht. "Vom Wunderkind zum Prügelknaben" oder "Vom Hero zum Zero" tönen seither die Schlagzeilen. In einem deutschen Boulevard-Blatt entblödete man sich nach einer, zugegeben, flügellahmen Leistung im Dienste des FC Bayern nicht, David Alaba als "Schlaffi" zu bezeichnen. So schnell kann’s gehen.

Veränderte Rezeption, lächerliche Befunde

Die Kommentare zu seinem Auftreten abseits des Platzes liessen natürlich nicht lange auf sich warten. Zu viel Social Media, zu viel Selbstinszenierung, zu viel Werbung alteriert man sich. Natürlich ist die Rezeption bei einem "David Alaba mit neuen Sneakers"-Foto auf Facebook in sportlichen Dürreperioden eine andere ist als in Glanzzeiten. Und vielleicht täte dem inzwischen 24-jährigen ein kurzes "Digital Detoxing", ein kleines Päuschen von Smartphone, Internet & Co. auch mal ganz gut. Weil’s jedem gut täte. Denn mit seiner tendenziell schwachen Leistung auf dem Rasen hat Alabas beherztes Vorgehen in den sozialen Medien mit Sicherheit nichts zu tun. Oder wie viel Zeit braucht es, um auf Facebook ein Foto zu posten, wenn man nicht gerade 90 Lenze zählt oder zwölf brachiale Gicht-Schübe hinter sich hat? Eben. Und dass David Alabas tägliches Auflaufen "im Fernschauen" im Dienste einer heimischen Möbelkette nicht live über die Bühne geht, dürfte sich auch noch nicht allen erschlossen haben.

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"Alaba hat kein Mittelfeld-Gen"

Ungleich mehr Raum für Diskurs bietet da schon Alabas Position im Nationalteam. "Alaba hat kein Mittelfeld-Gen", meinte etwa auch die deutsche Trainerlegende Jupp Heynckes gegenüber dem Magazin "Kicker". Marcel Koller, Vertreter der konsequenten Mittelfeld-Verankerung Alabas, sieht das natürlich ein wenig anders. Weshalb er stets dort spielt, begründete der 55-Jährige ein weiteres Mal lapidar damit, "dass er uns mit seinen Fähigkeiten im Mittelfeld mehr bringt." Das darf man in der Zwischenzeit durchaus kritisch sehen.

Zwar hat David Alaba im Zuge der Qualifikation für die Europameisterschaft in Frankreich auf dieser Position tatsächlich über weite Strecken reüssiert, aber an der Tatsache, dass mit Christian Fuchs auf der Position des linken Verteidigers ein vortrefflicher Protagonist abhandengekommen ist, sollte man sich nicht vorbeimogeln. Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass sich dessen Nachfolger Kevin Wimmer einigermassen überfordert präsentiert und mit Alessandro Schöpf ein formidabler Mittelfeldmotor zur Verfügung steht.

Linke Achse: David Alaba und Marko Arnautovic

Eine Reinstallation Alabas als linker Aussenverteidiger sollte Koller demnächst in Angriff nehmen. Seine bisherige Loyalität gegenüber Alaba, der bekanntlich mit Vorliebe im Mittelfeld agiert, darf man dem Schweizer durchaus hoch anrechnen. Dennoch wäre es jetzt an der Zeit, den 24-Jährigen wieder als linken Aussenverteidiger auflaufen zu lassen, zumal David Alaba und Marko Arnautovic vor Ort ein kongeniales Duo wären.