Eine Flüchtlingsgeschichte, die im Sommer 2016 Schlagzeilen macht: In einer Art Geheimfach in einem gebrauchten Schrank findet Muhannad Musa 50.000 Euro und Sparbücher - und gibt den Schatz bei der Polizei ab. Wie die Entscheidung sein Leben verändert hat, verrät er bei einem Besuch.

Als Muhannad Musa im Juni 2016 auf das gut versteckte Vermögen stösst, ist gerade etwas Ruhe eingekehrt in sein kriegsgeschütteltes Leben.

Hinter ihm liegt die Flucht aus seinem Heimatland Syrien, der schwere Abschied von seinen Eltern und den drei jüngeren Brüdern, die beschwerliche Tour in einem kleinen Schlauchboot über das Mittelmeer, dann weiter über den Balkan und mehrere Notunterkünfte bis nach Minden in Ostwestfalen.

Hier hat der 25-Jährige nach seiner Anerkennung als Flüchtling gerade eine Wohnung bezogen. Den Schrank für sein bislang spärlich möbliertes Heim hat er für wenig Geld auf einem Gebrauchtmarkt bekommen.

Als er zu Hause die Schubladen und Böden einlegt, fällt ihm etwas ins Auge: Ein doppelter Boden unter einem Brett, aus dem ein Kuvert lugt. Er zieht und entdeckt: 50.000 Euro in bar und noch mal mehr als doppelt so viel auf drei Sparbüchern. Also insgesamt über 150.000 Euro.

Der Schatz aus dem Schrank

"Die Scheine waren so neu und glatt, dass ich dachte, das kann nur Falschgeld sein", übersetzt sein Landsmann, der Vorsitzende des Mindener Integrationsrates, Kameran Ebrahim. Um ein halbes Jahr später die ganze Geschichte ohne Missverständnisse zu erklären, ist Musas Deutsch noch nicht gut genug.

Nach erster Internetrecherche habe er geahnt, dass er einen echten Schatz zu Tage gefördert hat, erinnert er sich.

"Ehrlich gesagt habe ich als erstes an meine Brüder gedacht", räumt er ein. Sie leben in Syrien, in einem Ort nahe der Front, sind mit über 20 Jahren in einem Alter, in dem sie bald zum Wehrdienst eingezogen werden könnten.

Für Musa, den ältesten Sohn der Familie war das vor 14 Monaten die Triebfeder in die Flucht: "Im Krieg musst du entweder auf jemanden schiessen oder du wirst erschossen", sagt er. Dafür, dass seine Brüder ihm folgen könnten, fehlt das Geld.

Nun liegt es vor ihm. Er fragt die Brüder, auch einen Freund. Und er holt sich geistlichen Rat, befragt Koran und Auslegungsvideos im Internet. "Bald war mir klar: Meine Religion sagt, dass man fremdes Geld nicht behalten darf, sondern zurückgeben muss." Das sei das wichtigste im Islam: "Es geht darum, die Mitmenschen gut zu behandeln, ihnen zu helfen. Und jeder, der etwas verliert, möchte es schliesslich wiedersehen."

Führerschein als Finderlohn

Er bringt seinen Fund zum Ausländeramt, die überraschte Sachbearbeiterin geht sofort mit ihm zur Polizei nebenan. Auf der Stadtwache ist man ebenso erstaunt: "In 40 Dienstjahren ist mir so etwas nicht passiert", erinnert sich Hauptkommissar Ulrich Egen, der damals mit einem Kollegen die Kuverts entgegennahm. "Wir haben es dreimal gezählt, weil wir es nicht glauben konnten."

Dass Menschen kleinere Beträge bei der Polizei ablieferten, komme regelmässig vor: "Aber so eine Summe? Unglaublich", sagt der Polizist. Dass Musa seinem starken Gerechtigkeitsempfinden gefolgt sei, findet Egen vorbildlich - "und zwar ganz egal, ob es sich um einen Flüchtling oder jemand anderes handelt".

In einer Pressemitteilung wird die Polizei ihren "Held des Tages" feiern, die Geschichte wird auch überregional bekannt.

Über den Namen in den Sparbüchern lässt sich zurückverfolgen, wem das Geld gehört und auch feststellen, dass es nicht aus einer Straftat stammt. Vielmehr war es in seinem guten Versteck in Vergessenheit geraten.

Musa trifft später die Familie, der das Geld gehört. "Die Frau hat geweint, so dankbar war sie", erinnert er sich. Beim Finderlohn einigt man sich auf eine besondere Lösung: Die Familie zahlt seinen Führerschein - Bargeld wäre mit seinen Leistungen als Asylbewerber verrechnet worden.

Ein Gegenargument zu Pauschalisierungen

Verändert habe der Fund sein Leben trotzdem, sagt Musa heute. Er sei froh, seine Geschichte erzählen zu können: In einer Zeit, in der die Stimmung gegenüber Flüchtlingen im Land nicht immer gut gewesen sei, sei er auch Gegenbeispiel zu hässlichen Bildern von Flüchtlingen, etwa aus der Kölner Silversternacht.

Er habe auch zeigen wollen, dass der Islam, der ihm Richtschnur für sein Handeln war, eben eine Friedensreligion sei, die mit dem Terror des IS nichts gemein habe.

Viele Landsleute seien ihm dafür dankbar gewesen, auch viele Deutsche hätten ihm Respekt gezollt. Und doch: "Es gibt immer auch Menschen, die einem Böses unterstellen, egal was man tut." Rechte zweifelten in sozialen Medien seine Geschichte an, auch manche seiner Bekannten hätten ihm unterstellt nur im Rampenlicht stehen zu wollen.

Musa zuckt mit den Achseln. "Ich habe nie bereut, dass ich so entschieden habe", sagt er. Auch wenn seine grösste Sorge noch immer den Brüdern in seiner gefährlichen Heimat gilt: "Ich würde immer wieder so handeln."



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