150 Menschen sterben im März beim Absturz einer Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. Co-Pilot Andreas Lubitz hatte den Sinkflug bewusst eingeleitet. Auch neun Monate nach dem Unglück gibt es noch offene Fragen.

Es ist aus deutscher Sicht das wohl tragischste Unglück im Jahr 2015. Andreas Lubitz, Co-Pilot des Germanwings-Fluges 4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf, lässt den Airbus an einer Bergwand in den französischen Alpen zerschellen.

149 Menschen reisst der 27-Jährige nahe des Dorfes Prads-Haute-Bléone mit in den Tod, darunter 16 Schüler und zwei Lehrerinnen eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Haltern. Der Tod der Teenager wird in Deutschland zum Sinnbild der Katastrophe.

Warum steuerte Lubitz die Maschine gegen den Felsen? Warum nahm er den Tod Unschuldiger in Kauf? War er wirklich depressiv? Und warum wusste Germanwings nichts von seiner Krankheit? Diese Fragen beschäftigen in den Monaten danach Angehörige und Öffentlichkeit. Nicht immer gibt es klare Antworten.

Kontrollierter Sinkflug mit erhöhter Geschwindigkeit

Anhand der Daten aus Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder lässt sich zumindest der Absturz gut rekonstruieren. Rund zwei Minuten nach Erreichen der Reiseflughöhe wird ein kontrollierter Sinkflug eingeleitet. Im Anschluss erhöht Lubitz die Reisegeschwindigkeit.

Den Piloten, der sich offenbar kurz auf der Toilette befindet, hindert er am Eintritt in die Kabine, indem er die gepanzerte Cockpittür verriegelt. Auf dessen Rufe und auf die Kontaktaufnahme der Flugsicherheit reagiert Lubitz nicht mehr.

Weil bis zum Abbruch der Signale regelmässig Atem- und Bediengeräusche aufgezeichnet werden, stellt die französische Staatsanwaltschaft fest, dass Lubitz handlungsfähig gewesen sein muss und das Flugzeug in selbstmörderischer Absicht übernommen hat.

Selbstmordgedanken und Augenprobleme

Umstritten sind bis heute die Ursachen, die zur Tat führten. Lubitz muss wegen einer depressiven Periode seine Pilotenbildung im Jahr 2009 für einige Monate unterbrechen. Mehrfach sucht er Ärzte wegen psychischer Probleme und Selbstmordgedanken auf.

Einige Mediziner diagnostizieren ihn als labil und nicht flugtauglich. Weitergegeben werden die Informationen aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht.

Die offizielle Flugtauglichkeitsprüfung durch einen Fliegerarzt besteht Lubitz zuletzt 2013 und 2014, aber am Tag des Unglücks ist er wegen seiner psychischen Probleme krank geschrieben. Sein Arbeitsgeber erfährt davon nichts. Zudem plagen Lubitz zuletzt Probleme mit seiner Sehfähigkeit, er hatte offenbar Angst zu erblinden.

In den Wochen vor der Tat sucht er im Internet nach Möglichkeiten, sich mit einem Medikamentenmix umzubringen. Warum er sich gegen den stillen Tod und für das öffentlichkeitswirksame Sterben entscheidet, bleibt unklar.

"Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit depressiven Symptomen"

War Lubitz tatsächlich depressiv, wie immer wieder behauptet wird? Der Psychoanalytiker Micha Hilgers sagt "Zeit Online", es wäre "unsinnig zu behaupten, dass eine Depression die alleinige Ursache für sein Verhalten sein kann. Ein Depressiver mit suizidaler Tendenz wählt keinen solchen Abgang."

Depressive seien eher mit Schuldgefühlen und Skrupeln belastet, sie hätten keine solchen aggressiven Potenziale und Hassgefühle, die nötig seien, um Unschuldige mit in den Tod zu reissen. "Für mich kommt deshalb nur eine narzisstische Persönlichkeitsstörung infrage, die durchaus depressive Symptome enthalten kann", ist Hilgers überzeugt.

Als Folge des Unglücks nimmt die Stigmatisierung von Depressionen zu, wie Meinungsumfragen ergeben.

Zwei-Personen-Regel eingeführt

Eine weitere Frage, die die Angehörigen beschäftigt, ist die Verantwortung der Lufthansa, des Mutterkonzerns von Germanwings. Haben die Ärzte bei ihren Untersuchungen etwas übersehen?

Bei der jährlichen Flugtauglichkeitsprüfung fiel Lubitz nicht auf. Schwere Krankheiten wie Depressionen müssen erst seit 2013 an das Luftfahrtbundesamt gemeldet werden.

Im Streit um Entschädigungsgelder erwägen Angehörige der Opfer dennoch eine Sammelklage gegen Lufthansa in den USA.

In der Luftfahrt hatte das Unglück unmittelbare Konsequenzen: Im Cockpit deutscher Airlines gilt seit Ende März die Zwei-Personen-Regel. Wenn einer der Piloten kurz vor die Tür geht, muss ein anderes Crew-Mitglied seinen Platz einnehmen.

Zudem wird eine "Taskforce Airline Safety" beim Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) gegründet. In der Expertenrunde sollen Reformvorschläge erarbeitet werden. Diskutiert wird über die Vereinheitlichung von psychologischen Beratungsstellen bei den Airlines, unangekündigte psychologische Tests für Piloten und eine regelmässige Kontrolle ihres Medikamentenkonsums.

Für die 150 Toten kommen diese Massnahmen zu spät.