• 2009 verunglückte der Flug AF 447 zwischen Paris und Rio de Janeiro mit 228 Menschen an Bord über dem Atlantik.
  • Nun müssen sich der Hersteller Airbus und die Airline Air France wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.
  • Die Hinterbliebenen erhoffen sich Klarheit über die Ursachen der Katastrophe.

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Gefasst steht Bernd Gans aus dem bayerischen Vaterstetten im Lichthof des neuen Gerichtsgebäudes am Pariser Stadtrand. Mehr als 13 Jahre ist es her, dass er bei dem Absturz des Unglücksflugs AF 447 zwischen Rio de Janeiro und Paris seine Tochter Ines verlor.

Seit Montag müssen sich der Hersteller Airbus und die Airline Air France für ihren Tod und den von 227 weiteren Menschen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den Konzernen in dem auf neun Wochen angesetzten Verfahren fahrlässige Tötung vor.

Komplizierte Bergung dauerte zwei Jahre

Die Air-France-Maschine des Todesflugs war am 1. Juni 2009 auf dem Weg von Rio in die französische Hauptstadt von den Radarschirmen verschwunden. Der Airbus vom Typ A330 stürzte in den Atlantik. 228 Menschen starben, darunter auch 28 Deutsche. Lange war die Ursache unklar. Erst im Mai 2011 wurden die letzten Leichen und der Flugdatenschreiber aus etwa 4.000 Metern Tiefe geborgen.

Nach dem jahrelangen juristischen Tauziehen, das auf das Unglück folgte, ist der Prozess für Gans ein Meilenstein. "Man ist auf der einen Seite eben schon sehr froh, dass es nach 13 Jahren des Fightens mit diesen beiden Giganten Airbus und Air France überhaupt zu einem Prozess gekommen ist." Gans ist einer von etwa 500 Nebenklägern und Vorsitzender der deutschen Hinterbliebenenvereinigung HIOP AF447.

Gericht verliest zum Auftakt die Namen der Verstorbenen

2019 hatten Ermittlungsrichter ein Verfahren zunächst abgewiesen. Die Begründung damals: Der Unfall sei auf eine Kombination von Elementen zurückzuführen, die noch nie vorgekommen sei. Doch die Entscheidung wurde gekippt. Ein Berufungsgericht ordnete im vergangenen Jahr den Prozess gegen Airbus und Air France an.

Zum Prozessauftakt verlas das Gericht die Namen der Opfer und konfrontierte Airbus-Chef Guillaume Faury und die Generaldirektorin von Air France, Anne Rigail, mit den Vorwürfen gegen ihre Unternehmen.

Air-France-Piloten nicht genug geschult?

Airbus wird vorgehalten, die Folgen eines Ausfalls der sogenannten Pitot-Sonden für die Geschwindigkeitsmessung unterschätzt zu haben. Air France soll seine Piloten nicht ausreichend geschult und auf eine Extremsituation wie bei dem Unglücksflug vorbereitet haben. Bei dem Flug am Pfingstmontag 2009 vereisten die Pitot-Sonden. In einem Expertengutachten hiess es 2012, die Crew sei danach mit der Lage überfordert gewesen. Eigentlich sei die Situation beherrschbar gewesen.

"Aber was hätten sie denn machen können?", fragt Gans. Der 81-Jährige kritisiert, dass die Unternehmen die Schuld den Piloten zuwiesen. "Sie hatten überhaupt keine Anweisung, wie sie das Flugzeug wieder in eine stabile Lage hätten bringen können."

Die Daten der Flugschreiber hatten ergeben, dass die Piloten vor allem auf Warnungen über einen Strömungsabriss an den Tragflächen - im englischen Fliegerjargon "stall" genannt - falsch reagiert hatten. Dies liess den Jet schnell an Höhe verlieren und schliesslich innerhalb weniger Minuten abstürzen.

Gans: "Eine Beleidigung der Opfer"

Airbus und Air France drohen in dem Verfahren Geldstrafen bis zu 225.000 Euro. "Es ist so empörend! Unglaublich", ärgert sich Gans sichtlich bewegt und kämpft mit den Tränen. Er kenne zwar das französische Strafrecht nicht, aber es müsse doch anders möglich sein. "Es müsste ein ganz anderes Zeichen gesetzt werden", fordert er. "Es ist ein Schlag ins Gesicht, ist eine Beleidigung der Opfer."

Um Entschädigungszahlungen geht es in dem Verfahren aber nicht. Die meisten Hinterbliebenen kamen darüber vor Jahren mit Air France und Versicherern überein. Über die Beträge herrscht Stillschweigen, doch Betroffenen zufolge geht es nur um absolut bescheidene Summen.

Gans' Hoffnung für das Verfahren ist, dass Klarheit über die tatsächlichen Ursachen der Katastrophe geschaffen werde, bei der seine damals 31 Jahre alte Tochter ums Leben kam. Sein in Rio lebender Sohn sei damals mit seiner Partnerin sofort nach Deutschland gekommen, um Gans und seiner Frau über das Schlimmste hinwegzuhelfen. "Aber mein Gott, die Lücke ist immer", sagt Gans. (dpa/lko)