Unfassbar sind Gewalt und Mord immer, aber dieser Fall sprengt fast jede Kategorie des Grauens. Wegen vier Morden steht ein Schweizer vor Gericht. Fast wäre es noch schlimmer gekommen.

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Eine der schlimmsten Gewalttaten der Schweizer Justizgeschichte entsetzt 2015 das Örtchen Rupperswil: In einem brennenden Haus entdeckt die Feuerwehr vier Leichen mit durchgeschnittener Kehle. Es ist drei Tage vor Weihnachten.

Fünf Monate später wird der Täter gefasst: ein unauffälliger Dorfbewohner, Schweizer, 33 Jahre alt, Juniorentrainer im Fussballverein. Diesen Dienstag startet der Prozess in Schafisheim.

Der Junggeselle hat laut Polizei gestanden. Die Rupperswiler rätseln: Wird sich der einstige Nachbar äussern, was ihn getrieben hat?

Zunächst deutet alles auf einen Routinefall hin

Rupperswil, 5.000 Einwohner. Der Ort liegt 30 Kilometer hinter der deutschen Grenze, zwischen Basel und Zürich. Ein typisches Dorfleben, die meisten kennen sich, kaum Kriminalität. Bis zu jenem Montag.

Die Feuerwehr wird um 11:20 Uhr alarmiert, ein Hausbrand. Routine, denkt man, bis die Feuerwehrleute die Ermordeten entdecken.

Die Fahnder rekonstruieren später: Unter einem Vorwand gelangt der Täter in das Haus von Carla S. (48), bedroht sie und ihre Söhne (13 und 19) sowie die Freundin des Älteren.

Dann zwingt er die Mutter, Geld von der Bank zu holen, vergeht sich sexuell an dem Jüngeren, schneidet den vier Opfern die Kehle durch, steckt das Haus in Brand und verschwindet.

Die Polizei hat zunächst keine Anhaltspunkte. Eine Nachbarin war morgens noch an der Tür, um den Hund Chilli zum Gassigehen abzuholen. Carla S. sei kurz angebunden gewesen, sagt sie später. Da war der Täter bereits im Haus.

Eine Überwachungskamera zeigt Carla S. um 10:10 Uhr am Bankschalter beim Geldabheben, mit angespanntem Gesicht.

Die Spekulationen schiessen ins Kraut: Eine Beziehungstat? Der Ex-Mann vielleicht? Ein Raubmord? Ein Triebtäter?

Der Täter wohnt 500 Meter weit weg

Im Ort geht die Angst um, 146 Tage lang. Derweil spaziert der Täter unbehelligt durchs Dorf, er wohnte nur 500 Meter von Carla S. entfernt.

Sein Fussballclub beschreibt ihn später als netten Kollegen, die Junioren hätten ein Vertrauensverhältnis zu ihm gehabt. Nach der Tat ging er mit Spielern seelenruhig ins Steakhaus.

Im Mai 2016 kommt endlich der Durchbruch. Der Täter wird in einem Café festgenommen, keine zehn Kilometer vom Tatort entfernt. Er leistet keinen Widerstand, reagiert gefasst und ist geständig, so die Polizei.

Sie hatte Daten von Handys ausgewertet, die rund um den Tatort eingeschaltet waren. Psychologen hatten ein ziemlich akkurates Täterprofil erstellt, und so rückte der Mann ins Visier der Fahnder.

Tat war eiskalt geplant

Was Staatsanwältin Barbara Loppacher nach der Festnahme im Mai 2016 berichtet, lässt den Rupperswilern das Blut in den Adern erstarren: Bei einer Durchsuchung war in seinem Haus ein gepackter Rucksack gefunden worden, mit Utensilien, wie er sie bei der Tat verwendet hatte: Kabelbinder und Klebeband etwa.

"Er ist bereit gewesen, erneut zuzuschlagen", sagte Loppacher. Und: Er hatte die Tat eiskalt geplant. Er habe auch von Anfang an geplant, die Opfer umzubringen.

"Er hatte einerseits ein finanzielles Motiv, er wollte Geld erbeuten, die Tat war aber auch sexuell motiviert", so Loppacher.

Dass Carla S. bei ihrem Gang zur Bank nicht Alarm schlug, erklärt Loppacher so: "Jede Mutter kann das gut nachvollziehen, in so einer Situation will man möglichst die Bedürfnisse des Täters befriedigen, damit man die Kinder keiner Gefahr aussetzt."

Staatsanwaltschaft veröffentlicht grausige Details

Einen Tag vor Prozessbeginn hat die Staatsanwaltschaft weitere grausige Details zu dem Fall veröffentlicht.

Der Mann sei pädophil und habe es auf einen Jungen in seiner Nachbarschaft schon länger abgesehen gehabt, hiess es am Montag in der Anklageschrift.

Der damals 33-Jährige soll den 13-Jährigen missbraucht und ihn, seinen Bruder, dessen Freundin und die Mutter der Jungen umgebracht haben. Er habe den Missbrauch mit dem Handy gefilmt und monatelang immer wieder angeschaut.

Der Mann soll sich als Mitarbeiter des schulpsychologischen Dienstes ausgegeben und sich so Zutritt zum Haus der Familie verschafft haben.

Der Anklage zufolge bedrohte er die Familie, zwang die Frau, Geld von der Bank zu holen - und schnitt dann allen die Kehle durch, ehe er das Haus in Brand steckte und flüchtete.

Täter lebte noch bei seiner Mutter

Mit dem Geld habe er seiner eigenen Mutter zum 60. Geburtstag eine Reise nach Paris spendiert.

Der Täter lebte bei seiner Mutter und log, er sei Medizinstudent. Dabei hatte er ein Jura-Studium nach zwei Semestern erfolglos abgebrochen.

Er zockte im Kasino und hatte pornografisches Material mit Kindern auf seinem Laptop.

Was treibt einen Mann zu so einer Tat? Wie kann jemand den netten Fussballtrainer geben und nebenbei einen bestialischen Mord vorbereiten? Nicht nur die Rupperswiler wollen Antworten. (dpa/ank)