An diesem Freitag gehen Tausende Frauen in der Schweiz auf die Strassen, um für die Gleichstellung von Mann und Frau zu demonstrieren. Denn in vielen Bereichen der Gesellschaft ist die Kluft zwischen den Geschlechtern noch deutlich auszumachen.

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Erst seit 1971 dürfen Frauen in der Schweiz überhaupt wählen. Im Kanton Appenzell Innerhoden wurde der Gang zur Wahlurne sogar erst 1991 für Frauen gestattet. Die Gleichheit der Geschlechter ist 1981 in der Schweizer Verfassung verankert worden. Die Beispiele zeigen, dass das Thema Gleichberechtigung der Frau lange Zeit umschifft wurde.

Nach dem ersten Frauenstreik 1991 konnte das Gleichstellungsgesetz als erster Erfolg verzeichnet werden. Doch laut dem "Gender Gap Report" landet die Schweiz beim Thema Gleichstellung international heute nur auf dem 20. Rang - hinter Nicaragua, Ruanda und Namibia. Im Berufs- und Familienalltag gibt es noch viel Nachholbedarf.

Lohngleichheit?

Gemäss dem Bundesamt für Statistik stehen auf der Lohnabrechnung der Frauen im Durchschnitt monatlich 1.455 Franken weniger als bei den Männern. Davon können 56 Prozent durch objektive Faktoren wie berufliche Stellung, Dienstjahre oder Ausbildungsniveau erklärt werden.

44 Prozent der Lohndifferenz (660 Franken) können nicht mit objektiven Faktoren begründet werden und enthalten eine potenzielle Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts. Diese entspricht bei insgesamt allen Frauen einer jährlichen Benachteiligung von zehn Milliarden Franken.

Das weibliche Geschlecht übernimmt zudem den grössten Teil der unbezahlten Arbeit: 31 Stunden pro Woche werden in Kinderbetreuung, Altenpflege und Hausarbeit investiert.

Mutterschutz und Rollenverteilung?

Das Gleichstellungsgesetz legt fest, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weder direkt noch indirekt aufgrund von Zivilstand, familiärer Situation oder Schwangerschaft benachteiligt werden dürfen. In der Realität sieht es anders aus: Jeder zehnten Mutter wird laut einer Studie von "Travail.Suisse" nach der Rückkehr aus dem Mutterschutz gekündigt.

Aus Sicht des Bundesamts für Statistik wechseln zudem Mütter nach der Geburt doppelt so häufig ihre Stelle wie Väter. Dabei reduzieren 62,2 Prozent der berufstätigen Mütter nach der Mutterschaftspause ihr Pensum. Nur 14,9 Prozent der Väter geben Arbeitstage auf. Das traditionelle Familienmodell und die klassische Rollenverteilung herrschen in der Schweiz also immer noch vor. Erst seit 31 Jahren gilt der Mann laut Eherecht nicht mehr als Oberhaupt der Familie.

Politik und Führungspositionen?

Politik ist immer noch Männersache? Ein Blick auf die Verteilungen im Parlament lässt dies zumindest vermuten. Frauen sind nach wie vor stark unterrepräsentiert. Der Frauenanteil im Nationalrat liegt derzeit bei 31,7 Prozent, im Ständerat sind es nur 13 Prozent. Die Schweizer Volkspartei (SVP) hat seit Jahren den tiefsten Frauenanteil unter seinen Parlamentsmitgliedern. Mehrere Kantone haben noch nie eine Frau als Vertreterin nach Bundesbern geschickt.

Der Frauenanteil in Führungspositionen ist grundsätzlich gering: Dieser liegt laut dem Anfang 2019 veröffentlichten Schilling-Report bei 9 Prozent in den Geschäftsleitungen und 21 Prozent in den Verwaltungsräten. Beide Werte sind zwar gegenüber dem Vorjahr gestiegen, im europäischen Vergleich schneidet die Schweiz aber schlecht ab und fällt auf Rang 14 zurück. (jom)  © 1&1 Mail & Media / SN

An diesem Freitag demonstrieren Schweizer Frauen für mehr Gleichberechtigung. Auch prominente Schweizerinnen unterstützen den Kampf um die Gleichstellung von Mann und Frau.