Vor 30 Jahren: Ausreiseerlaubnis für die Botschaftsflüchtlinge in Prag

Nach wochenlangem Aufenthalt in der deutschen Botschaft in Prag bekommen DDR-Flüchtlinge am 30.9.1989 die erlösenden Worte von Hans-Dietrich Genscher zu hören: Die Ausreise aus der DDR wird gestattet. Und die Mauer beginnt zu bröckeln. © 1&1 Mail & Media/spot on news

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …": Seinen wohl berühmtesten Satz konnte Hans-Dietrich Genscher, unter dem Fensterkreuz rechts, auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag am 30.09.1989 nicht mal zu Ende sprechen.
Zu laut war der Jubel der etwa 4000 DDR-Flüchtlinge, die zuvor teilweise wochenlang in der Botschaft ausgeharrt hatten, um ihre Ausreiseerlaubnis zu erzwingen.
Mit Erfolg: Am Tag darauf, dem 1. Oktober, fuhr der erste Sonderzug über Dresden in die Bundesrepublik. Die Freude der Mitfahrer muss unendlich gross gewesen sein.
Rückblick auf die Wochen zuvor: Der Botschaftsgarten hatte sich durch ständigen Regen und die vielen Menschen in ein Schlammfeld verwandelt. Geschlafen wurde damals in Schichten, weil die Betten nicht reichten und die sanitären Anlagen waren völlig überlastet.
Die Versorgung der Flüchtlinge überstieg die Kapazitäten der Botschaft heillos. Doch die Menschen blieben - und es wurden immer mehr, die all ihre Hoffnungen auf das "Lager" in der Botschaft setzten.
Auch einem Angebot, bei einer vorläufigen Rückreise in die DDR eine Ausreisegenehmigung zu erhalten, misstrauten die meisten DDR-Flüchtlinge - und harrten weiter aus.
Auch in den Botschaften in Warschau und Budapest hatten die Menschen Zuflucht gesucht. Sie mussten vorübergehend sogar schliessen, weil nicht mehr Flüchtlinge in der Botschaft aufgenommen werden konnten.
Abschied mit Hoffnung: Eine Mutter küsst ihre Tochter am 30. September 1989 durch den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in Prag.
In Bussen wurden die DDR-Flüchtlinge zum Prager Bahnhof gebracht, wo sie im Zwei-Stunden-Takt von den Zügen aufgenommen wurden. Hier die Ankunft in Bayern.
Und das war erst der Anfang: Der Erfolg setzte weitere Flüchtlingswellen in Bewegung. Am 3. Oktober befanden sich wieder 5000 DDR-Flüchtlinge in der Botschaft - auch ihnen wurde die Ausreise erlaubt. In Prag stiegen sie in Sonderzüge, die sie nach Westdeutschland brachten.
Die Bundeszentrale für politische Bildung zitiert den damaligen Botschafter in Prag, Hermann Huber: "Es gab also für DDR-Bürger keinen Eisernen Vorhang und keine Mauer mehr. Es gab nur noch den Umweg über Prag."
Erleichterung und Freudentränen: Erschöpfte DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft bei ihrer Ankunft in Hannover.
"Die DDR ist am Ende. Das Ende der Mauer rückt in Sichtweite": Was Genscher auf dem Flug nach Prag klar wurde, bewahrheitete sich schliesslich gut einen Monat nach seiner im Jubel untergegangenen Ankündigung: Am 9. November fiel die Mauer.