Nach dem Beginn der Grossoffensive auf die irakische IS-Hochburg Mossul warnen Experten vor wütenden Reaktionen der Dschihadisten. Ein kanadischer General sagt, die Terrormiliz sei nach der Rückeroberung der Stadt gefährlicher denn je. Auch für Deutschland.

Durch den Angriff der Anti-IS-Koalition auf die irakische Millionenstadt Mossul könnte auch in Europa die Terrorgefahr anwachsen. Davor warnen Experten nach dem Beginn der Grossoffensive am Montag - und widersprechen Innenminister Thomas de Maizière. Dieser sagte: "Ich sehe durch den Kampf gegen den IS vor Ort keine zusätzliche Gefährdung von Deutschland - die Gefahr ist bereits hoch."

Demgegenüber sagt der Autor Bruno Schirra im Gespräch mit unserer Redaktion: "Der IS wird wütend um sich schlagen. Über seine Online-Kanäle hat er bereits Antworten für den Fall einer Niederlage angekündigt. Er wird diese Drohungen in die Tat umsetzen."

Schirra rechnet mit einer Zunahme von Terroranschlägen im Nahen Osten und in Europa. Auch der neue EU-Sicherheitskommissar Julian King warnt vor Auswirkungen auf unsere Sicherheitslage.

Was bedeutet der mögliche Verlust von Mossul nun konkret für den IS und für Deutschland?

Vom Staat zur Untergrund-Guerilla

Im Falle einer militärischen Niederlage verlöre der IS seine wichtigste Bastion im Irak. Mossul war im Sommer 2014 von nur einigen Hundert Dschihadisten erobert worden.

Der kanadische Brigadegeneral Dave Anderson geht davon aus, dass die Zeit zwischen dem Fall von Mossul und dem endgültigen Sieg über die Miliz "wahrscheinlich die gefährlichste ist."

Anderson, der irakische Sicherheitskräfte ausbildet, sagte der Zeitung "The Star", die IS-Kämpfer würden mit der Zivilbevölkerung verschmelzen und sich in eine Untergrund-Widerstandsbewegung verwandeln. Im Irak hatten die Vorgängerorganisationen des IS mit dieser Taktik bereits den US-Streitkräften erhebliche Verluste zugefügt.

"Der Fall von Mossul bedeutet nicht, dass der IS in irgendeiner Weise besiegt wurde", erklärt der Militär. "Es bedeutet nur, dass er in seiner jetzigen Form besiegt wurde."

Auch Schirra glaubt, dass der IS "in einer viel gefährlicheren Gestalt noch einmal auftauchen" wird. Diese Verwandlung weg vom Staatsgebilde zurück in die "liquide Form" wäre gleichbedeutend mit einem Guerillakrieg in Irak und Syrien sowie vermehrten Anschläge im Ausland.

"Sie werden Anschläge durchführen"

Das verheisst auch für Deutschland nichts Gutes. EU-Sicherheitskommissar King sagte der Zeitung "Die Welt", die Rückeroberung von Mossul könne zu einem Strom gewaltbereiter Anhänger der Organisation nach Europa führen.

"Die Wege sind einfach zu begehen, das hat die Vergangenheit gezeigt", betont Bruno Schirra. Es gebe Tausende gestrandete Terroristen in der Region. "Die werden nach Europa zurückkehren und Anschläge durchführen." Auch den Einsatz von chemischen Waffen hält er für denkbar.

Dieser Situation müssen die Behörden nun Rechnung tragen. Aber wird genügend zur Überwachung gewaltbereiter Dschihadisten getan? Schirra meint, es sei schlichtweg nicht möglich, eine solch grosse Zahl von Personen dauerhaft zu observieren. Mehr als 800 deutsche Staatsbürger sollen ins IS-Gebiet gereist sein, etwa die Hälfte von ihnen ist wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Deutschland: "Bestens organisierte Netzwerke"

Wie viele der Rückkehrer desillusioniert sind, wie viele immer noch als gewaltbereit gelten, ist nicht bekannt. Doch auch die Gefahr durch eingeschleuste Terroristen ist gross. Ein Anschlag auf einen Flughafen in Berlin durch einen IS-Anhänger aus Syrien konnte vergangene Woche nach Polizeipannen nur knapp verhindert werden.

"In Deutschland bestehen bestens organisierte Netzwerke, eine Ausbildung zum Terroristen ist auch hier möglich", weiss Experte Schirra. Ein Aufenthalt in Syrien sei dafür gar nicht notwendig.

Der Fall von Mossul, sofern er überhaupt gelingt, werde dem IS daher nicht den entscheidenden Schlag versetzen können.

"Es ist definitiv nicht vorbei nach Mossul", betont auch Dave Anderson, der kanadische General. "Wenn überhaupt, dann wird es noch schwieriger."