Die Terroranschläge in Paris könnten zu einem Umdenken im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) führen. Eine Bodenoffensive ist mehr denn je eine Option. Jörg H. Trauboth, Oberst a.D. der Luftwaffe, hat ein Konzept entwickelt, wie eine Bodenoffensive gegen die Terrormiliz in Syrien und Irak erfolgreich verlaufen könnte.

Eine Bodenoffensive gegen den "Islamischen Staat" in Syrien und Irak will bislang kein Land führen. Stattdessen wird die Terrormiliz derzeit aus der Luft bekämpft - auch wenn zuletzt ein "Spiegel"-Bericht für Aufregung sorgte, wonach Russland bereits Bodentruppen in Syrien einsetzt. Doch um die Dschihadisten wirksam zu bekämpfen, so sind sich zahlreiche Experten einig, benötigt es eine umfassende Bodenoffensive.

Oberst a.D. fordert Bodenoffensive gegen militärisch überschätzten IS.

Drei Angriffsachsen im Kampf gegen den IS

So sieht es auch Jörg H. Trauboth, Oberst a.D. der Luftwaffe. Ihm zufolge müsse man sich im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) auf der Grundlage einer UN-Resolution völlig neu formieren. In einem zweiten Schritt müsse eine arabische Allianz geschaffen werden, die die Hauptlast tragen, aber von westlichen Spezialeinheiten unterstützt werden soll. "Die Allianz der beteiligten arabischen Staaten sollte idealerweise neben dem Iran aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Katar und Jordanien bestehen", sagt Trauboth im Gespräch mit unserer Redaktion. Diese Länder unterstützen bereits die US-geführte Allianz bei den Luftangriffen.

Mit Militäreinsatz gegen den IS geht die Regierung ein Risiko ein.

Trauboth erklärt weiter: "Die USA und Russland müssen sich auf Augenhöhe finden, um ein derartig komplexes militärisches Bündnis am Boden und aus der Luft zu unterstützen. Es wäre von Vorteil, wenn Spezialkräfte aus den beiden Führungsländern sowie Frankreich, Grossbritannien und Deutschland unterstützend eingesetzt würden."

Laut Trauboth müsste auch die Türkei zumindest als logistischer Bereitstellungsraum eingebunden werden - auch wenn sich diese im strategischen Dilemma befinde, die kurdische PKK zu bekämpfen und gleichzeitig die Allianz zu unterstützen. Die Bodenoffensiven würden in mehreren Vorstössen in das Kampfgebiet zielen. Trauboth zeichnet in seinem Konzept drei Angriffsachsen:

  • "Die erste Angriffsachse, bestehend aus türkischen Truppen sowie syrischen und irakischen Kurden - unterstützt von westlichen Spezialkräften - stösst in drei Keilen aus der Türkei direkt nach Süden und nimmt die Zentren Rakka und Mossul sowie die Städte auf deren Verbindungslinie ein. Kurdische Kommandeure sind der Auffassung, dass Rakka mit ca. 20.000 Soldaten einzunehmen wäre. Diese Zahl wäre schon jetzt verfügbar. Diese Angriffsachse würde idealerweise unterstützt durch den benachbarten Iran."
  • "Die zweite Angriffsachse käme aus dem Grossraum Bagdad, gestellt durch die irakische Armee und arabischen Partnerstaaten, ebenfalls in drei parallelen Keilen. Zuvor müsste der Grossraum um Bagdad herum vom IS befreit werden."
  • "Die dritte Angriffsachse erfolgt aus Syrien mit den syrischen Regierungstruppen, Russland und dem Iran, um dort die Dschaisch al-Fatah und Al-Nusra-Front zu bekämpfen und nach Aleppo und Rakka vorzustossen. Diese Koalition dürfte angesichts der komplexen Terrororganisation auf die Unterstützung weiterer Länder angewiesen sein. Auch eine Mitwirkung Deutschlands ist hier möglich."

Alle Angriffskeile sollen sich laut Trauboth im Zangengriff auf der Linie Aleppo - Rakka - Mossul - Tikrit vereinigen. "Ein Joint Operation Center für die gesamte Kriegsführung könnte auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle vor der syrischen Küste, in Bagdad oder auf der Luftwaffenbasis Incirlik in der Türkei sein", sagt Trauboth.

Trauboth: Assad-Problem muss gelöst werden

Für einen derartigen Ansatz benötige man nach vorsichtiger Schätzung des Experten mindestens 200.000 Soldaten. Wichtig sei darüber hinaus die Bereitschaft, auch nach der Niederschlagung des IS und der übrigen Terrormilizen im Kampfgebiet eine Ordnung herzustellen, die arabisch geprägt sein muss. "Es wäre ein komplexer und wegen der multinationalen Einbindungen gänzlich neuartiger Krieg, bei dem die notwendige Luftunterstützung und Abriegelung aus der Luft endlich zur vollen Wirkung kommen würde", sagt Trauboth.

Ein derartiger Pakt setzt laut Trauboth die Ausräumung politischer Hindernisse voraus. "Das Assad-Problem müsste gelöst werden, Saudi-Arabien und der Iran müssten sich über alle religiösen und machtpolitischen Interessen hinweg verständigen, die USA und Russland müssten zueinander finden, und die Türkei müsste hinnehmen, dass als Folge mehr denn je ein Kurdenstaat entstehen könnte", sagt Trauboth.

Der Experte warnt: Sollte die Weltgemeinschaft nicht in einer konzertierten militärischen Aktion zusammenfinden, könnte es passieren, dass Putin mit einigen wenigen Verbündeten zumindest das Problem Syrien allein löst. "Wenn jedoch der politische Wille da ist, könnte der sogenannte 'Islamische Staat' so schnell von der Landkarte verschwindet wie er entstanden ist", sagt Trauboth.

Jörg H. Trauboth ist Oberst a.D. der Luftwaffe, ehemaliger Generalstabsoffizier und flog mehr als 2.000 Stunden in den Kampfflugzeugen Phantom und Tornado. Er quittierte mit 50 Jahren den Dienst und beriet als Krisenmanager europäische Unternehmen und Behörden in weltweiten Entführungs- und Erpressungslagen. Er ist Sachbuchautor und hat den neuen Terror in seinem Polit-Thriller "Drei Brüder" verarbeitet.