In Afrika sind 15 Millionen Menschen auf der Flucht. Hunderttausende von ihnen versuchen jedes Jahr über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen - Tendenz steigend. Die EU will nun mit den afrikanischen Ländern bei einem Flüchtlingsgipfel verhandeln und zur Zusammenarbeit bewegen. Wer mehr kooperiert, erhält auch mehr Geld.

Die legale Einwanderung nach Europa und die Rücknahme abgelehnter Asylbewerber bleiben zwischen der EU und Afrika umstritten. Bei einem Sondergipfel zur Flüchtlingskrise werden Spitzenpolitiker aus 28 EU-Staaten und 35 afrikanischen Staaten am Mittwoch und Donnerstag (11. und 12. November) in Valletta/Malta über einen Aktionsplan beraten.

1,8 Milliarden Euro für Afrika

Laut Entwurf für den Text verpflichtet sich die EU, den Afrikanern dabei zu helfen, mehr zurückgeschickte Armutsmigranten und abgelehnte Asylbewerber wieder aufzunehmen. Die Behörden erhalten Unterstützung dabei, die Menschen zu identifizieren und wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Zugleich sagt Europa zu, dabei zu helfen, die Lebensbedingungen der Afrikaner zu verbessern. Gemeinsam wollen beide Seiten den Kampf gegen kriminelle Schleuserbanden verstärken, damit sich weniger Menschen auf den Weg nach Europa machen.

Bis spätestens Ende 2016 sollen die meisten Massnahmen umgesetzt sein. Finanziert werden soll dies auch über den bereits beschlossenen Hilfsfonds der EU von 1,8 Milliarden Euro für Afrika. Dabei soll das Prinzip "More for more" (Mehr für Mehr) gelten - wer mehr kooperiert, erhält auch mehr Hilfe.

Bei der legalen Migration gebe es noch Unstimmigkeiten unter den Europäern, sagte ein EU-Diplomat am Montag in Brüssel. Die Afrikaner forderten, dass der Entwurf für den Aktionsplan ergänzt werde. So hatten einige Quoten für die Einwanderung gefordert, was bei den Europäern auf Ablehnung stösst.

Die EU-Staaten bestünden darauf, dass die afrikanischen Staaten die bereits bestehenden Rückübernahmeabkommen auch wirklich umsetzten. In der Praxis funktioniert dies oft nicht, weil die lokalen Behörden nicht kooperieren. Nur 40 Prozent aller Flüchtlinge, die zur Rückkehr aufgefordert wurden, verlassen wirklich Europa. Viele Afrikaner sind nach EU-Einschätzung nicht schutzbedürftig, sondern wollen lediglich der Armut entkommen und werden deshalb zurückgeschickt.

Das Mittelmeer ist inzwischen nicht mehr die wichtigste Route nach Europa. Nach Angaben von EU-Diplomaten nimmt derzeit nur noch einer von sieben Flüchtlingen diesen Weg - der Grossteil kommt über den Balkan.

15 Millionen auf der Flucht

Nirgends sonst sind so viele Menschen auf der Flucht wie in Afrika. Südlich der Sahara haben die Krisen in Ländern wie Südsudan, Kongo, Somalia, Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik dem UN-Flüchtlingshilfswerk zufolge 15 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Afrikanische Nachbarstaaten gewähren ihnen Schutz.

Eritrea: Unter Asylbewerbern in Deutschland waren Eritreer 2014 die drittgrösste Flüchtlingsgruppe. Aus dem Land am Horn von Afrika sind im vergangenen Jahr mehr als 13.000 Menschen nach Deutschland geflohen. Insgesamt sind damit seit 2012 bereits mehr als 100.000 Eritreer in die EU, nach Norwegen und in die Schweiz geflohen. Zudem sind mehr als 200.000 Eritreer in Nachbarländer geflohen.

Das Regime in Eritrea unterdrückt systematisch die Freiheitsrechte seiner Bürger: Seit 1993 gab es keine Wahlen, freie Meinungsäusserung wird beschnitten, es gibt auch keine freie Presse oder eine nennenswerte politische Opposition. Einer der Hauptgründe, der junge Menschen in die Flucht treibt, ist der zeitlich oft unbegrenzte Wehrdienst. Menschenrechtsgruppen sehen darin eine moderne Form der Sklaverei.

Nigeria: Im vergangenen Jahr kamen EU-Zahlen zufolge fast 20.000 Nigerianer nach Europa. Der Nordosten des ölreichen Landes, der grössten Volkswirtschaft Afrikas, wird von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram heimgesucht. Mehr als zwei Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht, mindestens 170.000 haben UN-Daten zufolge in Nachbarländern Zuflucht gesucht. Seit 2009 sind bei Angriffen und Anschlägen der Gruppe mindestens 14.000 Menschen getötet worden.

Somalia: Etwa 16.500 Somalis sind 2014 vor anhaltender Gewalt und Hunger in dem Land am Horn von Afrika nach Europa geflohen. Somalia hat seit 1991 keine funktionierende Zentralregierung mehr, Teile des Landes werden von der islamistischen Al-Shabaab-Miliz beherrscht. Die sunnitischen Fundamentalisten kämpfen für einen sogenannten Gottesstaat mit strengster Auslegung des islamischen Rechts, der Scharia. Bei Verstössen gegen die strengen Gebote kommen drakonischen Strafen zur Anwendung, etwa Steinigungen bei Ehebruch und Handamputationen bei Diebstahl. Knapp eine Million Menschen sind dem UN-Flüchtlingshilfswerk zufolge in Nachbarländer geflohen.

Mali: Knapp 13.000 Menschen flohen laut EU 2014 aus Mali nach Europa. Der westafrikanische Staat gehört einem UN-Index zufolge zu den ärmsten Ländern der Welt. Zudem wird der Norden des Landes seit Jahren von Kämpfen zwischen Islamisten, kriminellen Banden und Regierungstruppen erschüttert. Seit 2013 versuchen die Vereinten Nationen mit einer rund 11.000 Mann starken Blauhelmtruppe dort für Ordnung zu sorgen. Auch die Bundeswehr ist mit 200 Soldaten in Mali im Einsatz, vor allem im Süden. Die Bundesregierung erwägt, sich auch an der Blauhelmmission im Norden zu beteiligen.

Gambia: Das westafrikanische Gambia wird seit 1994 mit harter Hand von Präsident Yaya Jammeh regiert. Mehr als 11.500 Menschen flohen im vergangenen Jahr aus dem kleinsten Land Afrikas, das bis auf einen Küstenstreifen ganz vom Senegal umschlossen wird. Rund die Hälfte der Menschen in Gambia sind Unicef zufolge Analphabeten. Das Land gehört UN-Daten zufolge zu den ärmsten Ländern der Welt. (far/dpa)