Innerhalb von zwei Tagen kommen mehr als 1.000 Flüchtlinge mit Zügen aus Ungarn über Österreich nach Deutschland. Doch anders als so manches mal zuvor in Deutschland werden die Asylsuchenden mit gelebter Nächstenliebe begrüsst.

Mit gelben Luftballons in der Hand rennen sie über den Bahnhofsvorplatz. Sie spielen mit Polizisten Fussball. Sie lachen. Die langen Strapazen, die anstrengende Flucht aus Syrien, Irak, Eritrea oder dem Balkan, ist bei den Jüngsten der zahlreichen in München ankommenden Flüchtlinge vergessen - zumindest für eine kurze Zeit.

Nach der Aufhebung polizeilicher Kontrollen am Budapester Ostbahnhof waren seit Montag zahllose Flüchtlinge aus Ungarn über Österreich nach Bayern geströmt, viele in die Landeshauptstadt. Die rund 200 Asylsuchenden, die sich am Dienstagmittag vor dem Münchner Hauptbahnhof befinden, sind einerseits junge Männer, aber auch viele Familien mit Kleinkindern und Babys. Ihre Motive für die Flucht aus der Heimat sind verschieden. Die meisten wollen Krieg, Leid und/oder Armut entgehen. Was sie eint, ist die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland.

Doch für einen grossen Teil wird dieser Traum kaum in Erfüllung gehen. Denn rund 40 Prozent der Asylsuchenden stammen vom Balkan und haben wenig Chancen auf ein Bleiberecht.

Flüchtlinge werden humanitär versorgt

Sven Müller, Polizeisprecher der Stadt München, berichtet am Dienstagmittag von etwa 1.400 Flüchtlingen, die nach ihrer Ankunft in der Landeshauptstadt "entsprechend abgearbeitet" worden seien. "Abgearbeitet" bedeutet, dass diese humanitär versorgt wurden. "Es gibt Getränke, Verpflegung, ausreichend Toiletten und spezielle Hygieneartikel, wie Kinderwindeln, was halt da ist. Wir haben auch die Anzahl der Toiletten aufgestockt", so Müller. "Zusätzlich schauen wir, dass wir ein paar Flüchtlinge erst registrieren. Der Rest wird gleich in die Busse einsteigen, die in die Erstaufnahmeeinrichtung fahren und dort weiter registriert oder auch gleich in andere Einrichtungen in Bayern weiterverteilt werden."

Gegen 11:20 Uhr erreicht dann erneut ein Zug aus Ungarn den Münchner Hauptbahnhof. Die Flüchtlinge werden durch den Starnberger Flügelbahnhof, vorbei an Müttern, die ihre Babys auf dem Boden wickeln, raus auf den Bahnhofsvorplatz geleitet. Dort müssen sie sich einem "Screening" unterziehen, einem medizinischen Erstcheck. "Wir schauen an, ob die Leute Fieber oder Pocken haben. Oder, ob sie eventuell Krätze mitbringen", sagt Robert Schmitt vom Medizinischen Katastrophen-Hilfswerk Deutschland. Danach würden die Flüchtlinge separiert werden, um eine Ausbreitung zu verhindern.

Allen Anstrengungen zum Trotz: Für den Moment scheinen die Flüchtlinge froh und erleichtert, endlich in Deutschland angekommen zu sein. Auch, weil sich viele freiwillige Helfer um ihr Wohl sorgen. Auf der Nordseite hat die erst am Montag gegründete "Bürgerinitiative Flüchtlingshilfe" einen Stand errichtet. Von diesem verteilen die Helfer Wasser, Schokoriegel, Obst, Brezeln, Babynahrung und, und, und. Eine junge Dame bringt zur Mittagszeit ein Blech voll mit frischer Pizza. Neben dem Stand steht ein Schrank voll mit Windeln und anderen Babyprodukten. Aus einem Pappkarton schnappen sich Kinder einen der dutzenden kleinen braunen Teddybären.

Polizei ruft zum Ende der Spenden auf

Der Andrang an Hilfsbereitschaft ist so enorm, dass die Polizei am Dienstagmittag via Twitter sogar dazu aufruft, keine weiteren Spenden mehr vorbeizubringen, da die vorhandenen Sachen selbst für die erst später kommenden Flüchtlinge ausreichen werden.

Andreas Duchmann, ein 20 Jahre alter Freiwilliger der "Bürgerinitiative Flüchtlingshilfe", hat in der Nacht keine Minute geschlafen und steht wie viele seiner Kollegen seit Montagabend, als die erste Welle der Ungarn-Flüchtlinge in München ankam, am Stand und hilft. "Angefangen hat es tatsächlich damit, dass wir ein bisschen Wasser gesammelt haben und den Flüchtlingen gegeben haben. Mittlerweile bekommen wir Spenden und können uns gar nicht mehr davor retten. Es sind so viele Freiwillige momentan im Einsatz. Es ist einfach ein herzbewegendes Bild, was momentan durch die Welt geht", sagt Duchmann.

Nur wenige Augenblicke später schiebt ein älterer Mann, mit feinem Sakko und Krawatte bekleidet, zwei Fünfzig-Euro-Scheine durch den Schlitz eines Coffee-to-go-Becherdeckels. Das Trinkgefäss dient für die "Bürgerinitiative Flüchtlingshilfe" provisorisch als Spendenbox.

Ausschreitungen gibt es den ganzen Tag lang keine, weder unter den Flüchtlingen selbst, noch mit der Polizei. Es herrscht vielmehr eine entspannte und friedliche Atmosphäre. Die Flüchtlinge zeigen sich durchweg dankbar für die Hilfen. "Keiner war gierig, jeder hat sich sein Stückchen abgebissen oder aus seinem Becherchen getrunken. Manche kamen natürlich zurück und wollten zwei, weil sie natürlich schon lange nichts mehr getrunken haben", beschreibt Duchmann, was er in den vergangenen Stunden erlebte.

"Aber sie sind alle verdammt dankbar. Das reicht von einem gebrochenen Danke bis hin zu einem wundervollen Kinderlächeln."