Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: die Kanzlerkandidaten im TV-Trainingslager.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

gestern trafen sich die Kanzlerkandidaten von SPD, Union und Grünen zum Fernduell. Rot-Grün war im RBB-Studio versammelt, Laschet sass bei ProSieben. Für die Kandidaten war es - das lag vor allem an der mechanischen Art der Befragung - eher ein Trainingslager. Keine Gegner, nur Sandsäcke.

Annalena Baerbock - um das vorweg zu nehmen - war die Rettung des TV-Abends. Sie besitzt zwar keine Regierungserfahrung, aber ihr Energie-Level ist deutlich höher als das der anderen. Die Frage, ob sie nicht nur will, sondern auch kann, wird sie bis auf die letzten Meter der Bundestagswahl begleiten. Richtig ist ja: Ihre Partei ist staatsgläubig, verbotsverliebt und steht mit Teilen der Wirtschaft auf Kriegsfuss. Sie selbst will die Deutschland AG führen, aber besitzt keinen Meisterbrief.

Nur: Der Mann ihr gegenüber hat alles schon gesehen und gefühlt und gesagt. Er wolle "massvoll vorgehen", sagt Olaf Scholz. So wie in der Corona-Politik denkt man unwillkürlich. Als er und seine Chefin so massvoll vorgingen, dass Amerikaner, Briten und Israelis in ihrer Masslosigkeit an uns vorbeizogen. Das wiederum quäle ihn schon, sagt er selbst. Kurt Tucholsky kommt einem in den Sinn: "Erfahrung heisst gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen."

Baerbock dagegen will "nicht zaudern" und schlägt den Bogen vom Stückwerk der Corona-Politik zur kleinparzelligen Klimapolitik. Das heisst noch immer nicht, dass sie es kann. Aber ihre Körpersprache sagt zumindest: Ich will. Er will auch, aber vor allem will er die Pendlerpauschale nicht abschaffen. Das ist sozial wichtig, aber politisch zu wenig. Bei den Buchmachern, die sich im politischen Geschäft Demoskopen nennen, rangiert man damit nur bei 16 Prozent. Deutschland hat zu viele Pendler-Pauschalen-Politiker.

Armin Laschet schlägt sich zur gleichen Stunde an anderem Ort nicht souverän, aber doch tapfer. Er kontert den Versuch der vor ihm sitzenden Sprachpolizei, den ehemaligen Verfassungsschutzpolizisten Hans-Georg Maassen freihändig zum Antisemiten zu erklären. Er verweigert sich dem Distanzierungs-Ritual, das erkennbar durch Maassen hindurch auf die Glaubwürdigkeit seiner CDU zielt. Er könne nicht erkennen, dass hinter dem Wort "Globalist" sich bereits ein Antisemit verstecke, sagt Laschet.

Der CDU-Mann verteidigt Maassen, ohne sich mit ihm zu solidarisieren. Wir erleben einen wohltemperierten Mann der Mitte, den auch linksidentitäre Fragen nicht aus der Ruhe bringen können. Wie bei der Jadghundprüfung werden Kanzlerkandidaten von ihren Interviewern auf Schussfestigkeit getestet. Die Idee dieser Prüfung: Wer gegen Erdogan und Putin bestehen will, dem dürfen bei einem Nachwuchstalent wie Louis Klamroth nicht gleich die Hosenbeine schlottern. Laschet bleibt kühl und klar. Er hat die Prüfung bestanden.

Am Ende dieses Fernduells weiss man wenig über die grossen Pläne der drei Kandidaten. Aber das kann auch an den Plänen liegen. Alle drei Kandidaten müssen in die nächste Runde des Bewerbungsgesprächs.

Ich wünsche Ihnen einen beschwingten Start in das Wochenende. Es grüsst Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.

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