Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Der Scholz-Effekt.

Gabor Steingart
Eine Kolumne

Guten Morgen, liebe Leser,

so paradox es klingt: Aber über die Frage „Wer wird Kanzler?“ entscheidet diesmal womöglich gar nicht das politische Angebot. Denn das weist kaum Unterschiede auf. Links und rechts sind diesmal keine Kategorien. Wer bei SPD oder CDU glaubt, ein Profil entdeckt zu haben, leidet an Halluzinationen. In Wahrheit tritt hier der Wackelpudding gegen den Badeschwamm an.

Wir sind Zeitzeuge eines Wahlkampfes ohne Kampf. Man redet, aber sagt nichts. Man zeigt sich, aber gibt sich nicht zu erkennen. Die Kontrahenten bevorzugen auch untereinander den Kammerton. Olaf Scholz gibt sich – wie Armin Laschet auch – als Merkel-Erbe aus. Das bedeutet zweierlei: keine Panik und keine Ambition.

Wenn aber die politischen Profile nicht die Wahl entscheiden, was dann? Darauf haben die Strategen der Parteien eine schlüssige Antwort, die sie aus den USA importiert haben. Diese Wahlen entscheidet der „Bandwagon-Effekt“.

Der Bandwagon ist im Englischen der bunt geschmückte Festwagen, der die Musikkapelle durch die Strassen fährt. Zu deren Klängen läuft das Volk nebenher, weshalb der hier in Rede stehende Mechanismus im Deutschen Mitläufereffekt genannt wird.

Und da die Musik derzeit bei der SPD spielt, deren Kandidat die einzige Aufsteigerstory dieser Saison bietet, hat sich eine bunte Schar von Mitläufern in Bewegung gesetzt. Mit jedem Tag wird der Mann auf dem Wagen schöner, klüger und markanter. Zumindest in den Augen der Mitläufer, die vor allem eines eint: Sie wollen da sein, wo die Musik spielt.

So erzählt denn der ARD-DeutschlandTrend die wundersame Geschichte einer Verwandlung. Nicht der Kandidat Olaf Scholz hat sich gewandelt. Wohl aber der öffentliche Blick auf ihn:

  • "Wer besitzt die grösste Kompetenz, wenn Sie Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock miteinander vergleichen?", lautete die Frage. Die Antwort des Volkes: Eine Mehrheit von 55 Prozent vermutet bei Scholz die geballte Kompetenz. Danach kommt lange nichts. Erst nach dem Nichts folgt Laschet mit 14 Prozent, Baerbock läuft mit sieben Prozent ausser Konkurrenz.
  • Plötzlich wärmt der Mann auf dem Bandwagon, der gestern noch als kalt galt, den Deutschen sogar das Herz. 42 Prozent sagen, er ist von allen Kandidaten der sympathischste. Das sind 24 Punkte mehr als im Mai 2021.
  • Und siehe da: 43 Prozent finden den Mann jetzt auch am glaubwürdigsten, ein Plus von 21 Punkten. Kurz nach Bekanntgabe ihrer Kanzlerkandidatur im Mai hatte Baerbock noch den Glaubwürdigkeits-Contest für sich entschieden.
  • Und auch in der Königsdisziplin, der Zumessung von Führungsstärke, kann Scholz plötzlich punkten. 53 Prozent finden ihn jetzt so richtig führungsstark. Das waren im Frühjahr noch deutlich weniger.

Fazit: Auf Laschet wartet in den kommenden Wochen die schwierigste aller Aufgaben. Er muss vom Politiker zum Schauspieler werden. Er darf sich seinen Frust nicht anmerken lassen. Der Philosoph Karl Jaspers wusste, warum:

"Die Hoffnungslosigkeit ist schon die vorweggenommene Niederlage."

Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in das Wochenende. Es grüsst Sie auf das Herzlichste

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.