Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Heute: Die vier Probleme des Jens Spahn.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

Guten Morgen, liebe Leser und Leserinnen,

die grosse Konstante im Leben des Jens Spahn ist der politische Kampf. Schon sein Aufstieg war von Widerständen begleitet. Spahns erster Gegenkandidat im konservativen Münsterland drohte, ihn 2002 als Homosexuellen zu outen. Spahn liess sich nicht einschüchtern. Er trat an, und gewann.

Für den gelernten Bankkaufmann, der später an der Fernuniversität Hagen das Studium der Politikwissenschaft abschloss, galt seither das abgewandelte Motto der deutschen Berufspolitiker: "Der Mann muss zum Amt kommen, nicht das Amt zum Mann." Warten ist keiner der ausgeprägten Wesenszüge von Jens Spahn.

Er sagte schon 2013:

"Wenn ich mir den Kanzler nicht zutrauen würde, müsste ich das ja alles hier nicht machen."

Die vier Probleme des Jens Spahn

In diesen Tagen entscheidet sich, ob die Aufstiegsgeschichte des 40 Jahre alten CDU-Politikers mit der Pandemie endet. Zumindest befindet sie sich derzeit im Karriereknick. Vier Probleme machen dem Minister zu schaffen:

1. Impfstoff. Der Gesundheitsminister überliess im Spätsommer auf Bitten der Kanzlerin die Beschaffung der EU-Kommission, drängte nicht auf Notfallzulassung und Extra-Bestellungen. Aus dem First Mover Deutschland wurde ein Follower.

2. AstraZeneca. Knapp 1,5 Millionen Impfdosen liegen ungeöffnet in den Impfzentren, weil die Aufklärungsarbeit des Robert-Koch-Instituts zu spät einsetzte. Noch immer kann das Ministerium sich nicht zu einer Neujustierung der Impfreihenfolge durchringen. Warum wird der Impfstoff, der nicht zwingend vor der Infektion, aber immerhin doch vor ihrem schweren, tödlichen Verlauf schützt, nicht den Willigen aller Altersgruppen angeboten?

3. Kanzlerin. Die Regierungschefin fuhr ihrem Minister, dessen Ehrgeiz mehrfach ihre Bahnen kreuzte, in die Parade. So kassierte sie sein Versprechen, dass Deutschland Anfang März kostenlose Schnelltests für jedermann und damit eine Öffnungsperspektive für die Volkswirtschaft erhält.

4. Transparenz. Jens Spahn fordert Achtsamkeit und Abstand, doch galt diese Zurückhaltung nicht für ihn, als er am 20. Oktober zu einem CDU-Spendendinner nach Sachsen aufbrach. Tags darauf wurde er positiv getestet. Die Veranstaltung mit zwölf Gästen bei einer lokalen Inzidenz von 17 war regelkonform, aber politisch unklug.

Fazit: In den Umfragen sackt Spahn nun ab. Er muss jetzt das tun, was er zeitlebens tat: kämpfen.

Ich wünsche Ihnen einen beherzten Start in die neue Woche. Es grüsst Sie auf das Herzlichste

Gabor Steingart

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