Die radikal islamistische Terrorgruppe Isis gilt als eine der brutalsten Gruppen im arabischen Raum. In den vergangenen Wochen konnte sie grosse Gebiete im Irak unter Kontrolle bringen. Eine Million Iraker sind auf der Flucht vor den Extremisten. Wer steckt hinter Isis, was sind die Hintergründe und wie sieht die aktuelle Lage im Nahen Osten aus?

Wer steckt hinter Isis?

Isis steht für "Islamischer Staat im Irak und in Syrien". Die Organisation zählt zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie finanziert sich vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. In den Reihen der Gruppierung kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Isis kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum. Das Ziel: ein Staat zwischen Mittelmeer und Euphrat mit einem radikalen Islam-Verständnis.

Vor allem im Nordosten Syriens greift die Terrorgruppe syrisch-kurdische Städte an und richtet Teile der Zivilbevölkerung hin. Im Irak profitiert Isis vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung unter Nuri al-Maliki mit den sunnitischen Parteien des Landes. Die Strategie der Terroristen sieht die gezielte Destabilisierung sunnitisch geprägter Städte vor.

Wie gründete sich die Terrorgruppe?

Isis ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe "Tawhid und Dschihad" hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit Mai 2010 leitet der Iraker Abu Bakr al-Bagdadi Isis.

Die Terroristen griffen im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. 2006 wurde al-Sarkawi von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter Name "Islamischer Staat im Irak und der Levante" verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Grossstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

An Macht gewann Isis, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit den syrischen Salafisten der Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Kaida nahestanden.

Wie sieht die aktuelle Lage aus?

Sowohl im Irak als auch in Syrien konnte die Terrorgruppe in den vergangenen Monaten grössere Gebiete einnehmen. Isis profitiert dabei von den instabilen Verhältnissen in beiden Ländern. Die Sunniten bilden eine Minderheit im Irak. Dadurch bekommt die sunnitische Terrorgruppe Isis weiteren Zulauf von den schwächer gestellten und unzufriedenen Sunniten.

Im Irak rückt Isis immer weiter vor. Am vergangenen Dienstag gelang es den Isis-Dschihadisten, die Millionenmetropole und zweitgrösste Stadt Mossul im Irak einzunehmen. Dort erliessen sie Verhaltensregeln für die dort lebenden Menschen. Aus dem Dokument, das das "Pressebüro der Provinz Ninive des Islamischen Staats" verbreitete, geht hervor, dass der Plan der Islamisten die Errichtung eines religiösen Terrorregimes vorsieht. Letztlich sei die Wiedererrichtung des islamischen Kalifats - eine Regierungsform des Islams, die die weltliche und geistliche Führerschaft in einer Person vereint - ihr Endziel.

Unter dem Druck der islamistischen Isis-Kämpfer droht der Irak zu zerbrechen. Die Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki bekam im Parlament keine Unterstützung für Notstandsmassnahmen.

Nach Auffassung der islamischen Regierung sind die Erfolge der Isis auch eine Konsequenz der westlichen Politik in der Syrien-Krise. Terroristen sei nicht nur Spielraum gegeben worden, man habe sie sogar ermutigt, heisst es.

Wer unterstützt die irakische Regierung?

Nach dem jüngsten Vormarsch der Terrorgruppe schliesst Barack Obama eine Militäraktion im Irak nicht mehr aus. Zuvor hatte der US-Präsident die irakische Führung aufgefordert, eine politische Lösung zu finden. Nun wolle die USA jedoch sicherstellen, dass die Extremisten gestoppt werden können.

Trotz früherer, jahrelanger Feindschaft sicherte auch der iranische Präsident Hassan Ruhani dem benachbarten Irak uneingeschränkte Solidarität im Kampf gegen die Terrorgruppe zu. US-Medienberichten zufolge sollen bereits Revolutionsgarden ins Nachbarland gesendet worden sein.

Inwiefern betrifft der Konflikt Europa?

Von den Konflikten im Irak sei Europa unmittelbar betroffen, zitiert der staatliche Auslandsrundfunk "Deutsche Welle" in seiner Onlineausgabe die Irak-Spezialistin Myriam Benraad vom "European Council on Foreign Relations". Die Zahl der Dschihadisten, die aus dem irakischen Kampfgebiet zurückkehren, werde deutlich zunehmen, was eine eindeutige Gefahr für die nationale Sicherheit in Europa bedeute. Auch die Zahl der Flüchtlinge aus der Region werde wachsen. Die sunnitischen Extremisten breiteten sich in immer mehr Ländern im Umfeld Europas aus. Davon könnte auch der Libanon, Jordanien oder Ägypten betroffen sein, so Benraad.

(frei)

Mit Material der dpa.