• Der Krieg in der Ukraine und die Wirtschafts- und Energiekrise lassen in Europa Erinnerungen an längst vergangen geglaubte Zeiten aufkommen.
  • Wissenschaftler sehen darin vor allem ein Wahrnehmungsproblem des Westens.

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Zähneputzen, Duschen und Kriegsnachrichten checken – das ist für viele das neue Morgenritual. Dabei erscheinen auf dem Handy-Display archaische Begriffe wie "Belagerung", "Schlacht", "Haubitzen" und "Einkesselung".

Auf gewisse Weise erinnert das an den Ersten Weltkrieg, als in zahllosen deutschen Haushalten eine Karte von Belgien und Nordfrankreich hing. Dort bildete man mit kleinen Flaggen den aktuellen Frontverlauf des Stellungskriegs ab. Die dafür nötigen Informationen lieferten die Morgenzeitungen.

Krieg, Inflation und demnächst vielleicht noch kalte Wohnungen – die Uhren scheinen derzeit rückwärtszugehen. "All das Schreckliche, von dem wir dachten, es läge hinter uns, kommt jetzt zurück", schreibt der israelische Historiker Yuval Noah Harari ("Eine kurze Geschichte der Menschheit").

Historiker: Die Krisen sind keine Wiederholung

Tatsächlich: Im Kampf gegen Hunger und Armut hat der russische Aggressionskrieg die Weltgemeinschaft um Jahre zurückgeworfen. Statt in Bildung, Gesundheit und Sozialsysteme fliessen nun Milliarden in die Rüstung.

Es ist der "perfekte Sturm", der sich da zusammengebraut hat. "Unsere Welt ist in grosser Gefahr", warnte UN-Generalsekretär António Guterres im Herbst bei der Eröffnung der UN-Vollversammlung. Bis zu 1,7 Milliarden Menschen – mehr als ein Fünftel der Menschheit – seien von Hunger und Armut bedroht.

Lange konnte man sich einreden, die Geschichte kenne nur eine Richtung – hin zu mehr Zivilisation, Fortschritt und friedlichem Miteinander. Doch das scheint ein Irrtum gewesen zu sein. Hat die Menschheit jetzt eine Zeitmaschine mit Kurs ins Gestern bestiegen?

Die Frage geht an Sir Ian Kershaw, einen der wichtigsten Historiker der Gegenwart: "Man muss sehr vorsichtig sein mit diesen historischen Parallelen", antwortet der 79 Jahre alte Brite der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Natürlich leben wir in krisenhaften Zeiten, aber die Krisen sind völlig anders. Es ist keine Wiederholung. Das ist ein Trugschluss aus der Geschichte."

Der Westen ist "immer vom Bestmöglichen ausgegangen"

Ähnlich sieht es Dominik Geppert, Historiker an der Universität Potsdam. "Es ist nicht so, dass wir in ein früheres Zeitalter zurückgeworfen werden, sondern wir müssen erkennen, dass wir die Zeit, in der wir selbst leben, nicht richtig eingeschätzt haben."

Die Vorstellung, Europa habe kriegerische Auseinandersetzungen auf Dauer hinter sich gelassen, sei offenkundig falsch. "Das ist für uns in West- und Mitteleuropa besonders überraschend und bestürzend. Wenn man aber auf dem Balkan lebt, in einem afrikanischen Staat oder in Südasien, dann würde man doch sagen: Krieg hat es in unserer Region auch in der jüngsten Vergangenheit gegeben."

Das letztlich zu rosige Bild rührt nach Meinung Gepperts daher, dass gerade die Deutschen eine lange Phase des Wohlstands, der Stabilität und des gesellschaftlichen Ausgleichs hinter sich haben. "Das hat uns zu der Erwartung verführt, dass dies immer so weitergeht und sich der Rest der Welt ebenfalls in diese Richtung entwickeln wird. Dabei haben wir verlernt, die Anfänge von Gefahren zu erkennen und in Kategorien des Ernstfalls zu denken."

Wer heute 50 oder 60 Jahre alt ist, wird vielfach bestätigen, dass seine Grosseltern noch von einem ganz anderen Lebensgefühl geprägt waren. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer etwa, geboren 1876, war ein zutiefst pessimistischer Mensch.

"Er wurde als 'Staatsmann der Sorge' bezeichnet, weil er mit der biografischen Erfahrung zweier Weltkriege und insbesondere auch der NS-Diktatur das Schlimmste stets für möglich hielt", sagt Geppert. "Bei uns ist in den vergangenen Jahrzehnten eher das Gegenteil der Fall gewesen: Wir sind immer vom Bestmöglichen ausgegangen."

Forscher sieht Zukunftsangst der Deutschen auf einem neuen Höhepunkt

Davon ausgenommen ist sicher die Fridays-for-Future-Generation, die stark von einem Gefühl der Bedrohung geprägt ist. Allerdings bezog sich dies bislang fast ausschliesslich auf den Klimawandel. Geppert erzählt, wie er in Berlin in einer der ersten Demonstrationen gegen den russischen Angriff auf die Ukraine mitlief: "Da waren erfreulich viele junge Menschen unterwegs. Zugleich war aber auf vielen ihrer Plakate ein Zielkonflikt erkennbar, wenn dort stand: 'Gegen den Krieg, für das Klima'."

Dass dies unter Umständen in einen Gegensatz geraten könne, wenn es zum Beispiel um Atomenergie als Ersatz für russisches Gas gehe, sei manchen jungen Demonstranten wohl erst allmählich in den Sinn gekommen, sagt Geppert.

Deutschland ist den Schrecken des Ukraine-Kriegs näher, als die meisten es sich eingestehen wollen: Die Flugzeit von Berlin nach Kiew ist kürzer als die nach Mallorca. Es verwundert nicht, dass in dieser bedrückenden Gesamtlage viele Menschen sorgenvoll in die Zukunft blicken.

Zukunftsforscher Horst Opaschowski, der regelmässig repräsentative Umfragen mit 1.000 bis 2.000 Befragten vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos in Auftrag gibt, konstatiert sogar, dass die Deutschen noch nie so starke Zukunftsängste gehabt hätten wie derzeit.

Die Angst vor Inflation sei in der Bundesrepublik besonders gross, weil hier die Hälfte der Menschen über kein Eigentum verfüge, sondern zur Miete wohne. In anderen Ländern gebe es dagegen Eigentumsquoten von 70 bis 90 Prozent. "In einer Krise wie der jetzigen kann man sich dann in sein 'Castle' zurückziehen", sagt Opaschowski.

Zudem sei die historische Erfahrung der Hyperinflation von 1923 immer noch präsent: Damals wurden auf einen Schlag die Vermögen des deutschen Mittelstands durch die Geldentwertung vernichtet.

Schreckgespenst des Krieges holt die Deutschen ein

In tiefenpsychologischen Interviews hat Stephan Grünewald, Leiter des Marktforschungsinstituts Rheingold und Buchautor ("Deutschland auf der Couch"), neben Ängsten auch einen schleichenden Bewusstseinswandel seit Beginn des Krieges festgestellt. "Anfangs haben wir eine grosse gesamtgesellschaftliche Solidarität erlebt, inzwischen überwiegt dagegen eine Einzelkämpfermentalität. Man konzentriert sich darauf, wie man selbst durch die Krise kommt."

Schon seit Mai hätten die tiefenpsychologischen Interviews gezeigt, dass der Konsum von Kriegsnachrichten stark nachgelassen habe. "Dabei geht es vor allem um die Ungeheuerlichkeit der Kriegsbilder. Diese Zerstörungsbilder ziehen den Menschen wirklich den Boden unter den Füssen weg."

Aus Selbstschutz beschränke man sich deshalb lieber auf Kurzformate wie die "Tagesschau in 100 Sekunden" oder sogar auf den guten, alten Videotext, der keine Bilder enthalte. Es bleibe aber immer ein "Kriegstinnitus" als irritierendes Hintergrundgeräusch.

Während die Deutschen im Sommer versucht hätten, die Probleme quasi auf Pause zu stellen und im Urlaub Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu erleben, seien mit dem Herbst die Schreckgespenster von Krieg und Entbehrung zurückgekehrt. "Aber dabei beschäftigen wir uns jetzt eben weniger mit der Ukraine als mit unseren eigenen Problemen und Ängsten. Jeder spart für sich allein."

Von der Politik kämen widersprüchliche Signale – einerseits Warnungen vor einem sehr harten Winter, andererseits die Versicherung, Vater Staat werde das Schlimmste schon per "Doppel-Wumms" abwenden.

"Das Ergebnis ist eine gespenstische Unbestimmtheit, ein diffuser Angstraum", erläutert der Psychologe. "Da kommen Bilder hoch von einem Blackout – wir sitzen im Kalten und Dunklen. Damit werden Urängste mobilisiert." Die Reaktion vieler Menschen sei Verdrängung. Für den beginnenden Winter sagt Grünewald voraus, dass die Deutschen kollektiv in einen "Netflix-Winterschlaf" verfallen werden.

"Das dicke Fell, das sich die Tiere für den Winter wachsen lassen, werden wir Menschen uns auch zulegen – in Form von Realitätsverweigerung. Im privaten Schneckenhaus ziehen wir uns in eine fiktive Alternativ-Welt zurück: Die Figuren der persönlichen Lieblingsserien sind uns vertraut und gehören damit fast zur Familie. Und im Gegensatz zur realen Aussenwelt läuft da alles nach bekannten dramaturgischen Mustern ab, sodass wir vor bösen Überraschungen gefeit sind." (dpa/thp)

Bericht: Russen wiederholen tödlichen Strategie-Fehler bei Bachmut

In der Region um die ukrainische Stadt Bachmut wiederholt die russische Armee einen fatalen Fehler in seiner Kriegsstrategie. Das geht aus einer Analyse von Militärexperten des "Institute for the Study of War" (ISW) hervor.