Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Warum Olaf Scholz trotz seiner Achtungserfolge so unbeliebt ist.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

alle Meinungsumfragen melden ein Stimmungstief für die neue Regierung, insbesondere für den Bundeskanzler. Aber warum, fragt man sich, ist Olaf Scholz trotz seiner Achtungserfolge in Washington und Moskau so unbeliebt?

1. Olaf Scholz war nie sonderlich beliebt

Die Frage ist falsch gestellt. Er war noch nie sonderlich beliebt. In Wahrheit hat er auch die Bundestagswahl 2021 nicht gewonnen. Armin Laschet und die Union haben sie verloren. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Wahlkampfführung von Lars Klingbeil war gut, aber noch besser für die SPD war die Selbstzerstörung der Union. Prädikat: unbezahlbar.

2. Scholz kann sich bislang nicht von Kaste der Berufspolitiker absetzen

Scholz kann sich – obwohl es bei ihm keine Hinweise auf Verfehlungen gibt – bisher nicht von der Kaste der Berufspolitiker absetzen. Die Sonderrechte des Bundestages beim Impfstatus, der laxe Umgang der Fraktionen mit Abstandsregeln und Maskenpflicht, die Ausweitung der Regierungsposten auf fast jeden zehnten Abgeordneten der Ampel, das alles bildet die Hintergrundbeleuchtung seiner noch jungen Kanzlerschaft. Scholz wird von der Mehrzahl der Wahlberechtigten als einer "von denen" wahrgenommen. Er ist Amtsinhaber, Staatsmann muss er erst noch werden.

3. Leitidee seiner Kanzlerschaft bislang unklar

Es gibt im Volk keine genaue Vorstellung davon, was die Leitidee seiner Kanzlerschaft sein könnte. Der Terminus von der "Fortschritts-Koalition" stammt erkennbar aus dem Windkanal einer PR-Fabrik.

4. Scholz ist noch ein Mann ohne Eigenschaften

Die Kommunikation des neuen Regierungschefs in Habitus und Tonalität entspricht dem Niveau eines bürgerlichen Salons in den Hamburger Elbvororten. Seine eigentliche Stammklientel hört, aber spürt ihn nicht. Für sie blieb er bisher ein Mann ohne Eigenschaften. Der Energiefluss sei das Erkennungsmerkmal des erfolgreichen Politikers, sagte einst Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann. Im Fall von Scholz findet dieser Energiefluss bisher nur als Kriechstrom statt.

Olaf Scholz
Olaf Scholz.

5. Merkmale einer typischen Führungskraft fehlen

Noch fehlen ihm die Merkmale einer typischen Führungskraft: Entschlossenheit. Klarheit. Mut. Er will in seinen ersten 100 Tagen vor allem keine Fehler machen, was ja verständlich ist. Nur: Man kann ihm förmlich zuschauen, wie er sich in das neue Amt hineintastet.

"Seine gewollte Unschärfe hat nicht nur in der Ukraine, sondern auch bei unseren westlichen Partnern Zweifeln an der Verlässlichkeit Deutschlands Auftrieb gegeben."

So kritisiert ihn nicht die Opposition, sondern der ihm nahestehende Historiker Heinrich August Winkler.

In der Debatte um die allgemeine Impfpflicht weigert sich Scholz, einen Regierungsentwurf vorzulegen. Das Parlament soll entscheiden, sagt er. Das ist zwar gut für die Demokratie. Aber die eigene Führungskompetenz hat Scholz damit nicht gestärkt.

6. Friedrich Merz gibt Unionsfraktion Selbstbewusstsein zurück

Erstaunlich schnell hat sich das bürgerliche Lager nach der Wahlschlappe wieder sortiert. Friedrich Merz konnte die CDU hinter sich vereinen und der Unionsfraktion das Selbstbewusstsein zurückgegeben. In NRW entpuppt sich der Laschet-Nachfolger als Laschet-Überbieter. Hendrik Wüst ist jung, aber nicht naiv. Die NRW-Landtagswahl wird für Scholz und seinen Statthalter kein Spaziergang.

7. Wahrer Gegenspieler ist Markus Söder

Der wahre Gegenspieler von Olaf Scholz aber ist Markus Söder. Er ist und bleibt ausweislich aller Umfragen der beliebteste Politiker. Die Rempeleien ("Geht nicht darum, mit dem Schlafwagen ins Kanzleramt zu fahren") gegen den allgemein als zu schläfrig empfundenen Armin Laschet im Wahlkampf haben ihm nicht geschadet, sondern eher genutzt. Söder besitzt Charme und jenen Schuss Kaltblütigkeit, der den Lafontaine-Bezwinger Schröder und auch die Männermörderin Merkel auszeichnete.

Markus Söder
Markus Söder.

Wenn man mit Söder einen Film zu besetzen hätte, dann wäre es wohl dieser: "Ein ausgekochtes Schlitzohr". Der Mann aus München ist der Burt Reynolds der CSU. Und das Drehbuch für Olaf Scholz? Muss erst noch geschrieben werden.

Noch ist es zu früh für ein Fazit. Olaf Scholz lernt noch. Und Merz und Söder haben jede Chance, auch die, ihr Parteienbündnis wieder zu zerlegen.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in das heute beginnende Wochenende.

Es grüsst Sie auf das Herzlichste,

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.