Jerusalem – warum ist die Stadt für Israelis und Palästinenser so wichtig? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die letzten Meter ging Kommandeur Edmund Allenby zu Fuss. Die britische Armee in Palästina hatte Jerusalem vollständig umzingelt. Die osmanischen Truppen in der Stadt ergaben sich kampflos, die heiligen Stätten wurden dadurch von Kampfhandlungen verschont. Das war fast auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 9. Dezember 1917.

Mit der Eroberung durch Briten und Australier endeten mehr als 1.200 Jahre islamische Herrschaft über Jerusalem, die nur während der Kreuzzüge im Mittelalter kurzzeitig unterbrochen worden war. Und mit der britischen Eroberung begann auch der politische Streit um Jerusalem, der bis heute anhält. Die Hintergründe.


Heilige Stadt – Warum ist Jerusalem für die Religionen so wichtig?

Die Stadt ist Juden, Christen und Muslimen heilig.

Der jüdische König David machte die Stadt um 1000 vor Christus zur Hauptstadt seines Reiches, sein Sohn liess den ersten Tempel errichten. Rund 400 Jahre später belagerte Nebukadnezar Jerusalem und zerstörte den Tempel. Der persische Schah Kyros II. erlaubte den Juden 538 vor Christus die Rückkehr nach Jerusalem und den Wiederaufbau ihres Tempels. 70 Jahre nach Christus liess der spätere römische Kaiser Titus den zweiten Tempel zerstören. Die Klagemauer gilt heute als der letzte erhaltene Teil des Tempels.

Den Christen ist Jerusalem heilig, weil Jesus hier gewirkt hat. Er soll hier gekreuzigt und bestattet worden und schliesslich auferstanden sein. An der Stelle der Kreuzigung und des Grabes steht heute die Grabeskirche in der Altstadt.

Den Muslimen ist Jerusalem heilig, weil ihr Prophet Mohammed mit seinem geflügelten Reittier Burak während seiner sogenannten Nachtreise von Mekka nach Jerusalem geritten sein soll. Vom Felsen auf dem Tempelberg soll er dann in den Himmel aufgestiegen sein. In den ersten Jahren der islamischen Gemeinde beteten die Muslime auch in Richtung Jerusalems. Erst 624, also rund 14 Jahre nach Beginn der ersten koranischen Offenbarung, änderte Mohammed die Gebetsrichtung auf die Kaaba.

Stinkendes Städtchen – War Jerusalem schon immer ein Sehnsuchtsort?

Israelische Regierungsvertreter machen geltend, dass Jerusalem seit 3.000 Jahren die Hauptstadt des jüdischen Volkes und seit 70 Jahren die Hauptstadt Israels sei. Aus ihrer Sicht erkennt US-Präsident Donald Trump also lediglich einen historischen Fakt an. Tatsächlich stand die Stadt im Laufe ihrer Geschichte länger unter islamischer als unter jüdischer Herrschaft. Jerusalem war über Jahrhunderte für Juden in aller Welt mehr ein Fixpunkt, eine Vision, die Rückkehr in die Stadt nur ein Traum. Der Wunsch "Nächstes Jahr in Jerusalem", den Juden während des Pessachfestes aussprechen, legt davon Zeugnis ab.

Das reale Jerusalem war hingegen über Jahrhunderte keine Hauptstadt, sondern ein Städtchen. Als Allenby vor hundert Jahren durch das Jaffator in die Stadt einzog, zählte Jerusalem nur rund 50.000 Einwohner. Erst die Briten machten Jerusalem 1920 zum Sitz ihrer Mandatsverwaltung und damit zur Hauptstadt.

Auch für die meisten jüdischen Siedler, die bis zum Zweiten Weltkrieg nach Palästina kamen, hatte Jerusalem nicht höchste Priorität. Ihnen ging es zunächst darum, das Land urbar zu machen und zu besiedeln und damit die Grundlagen für einen Staat zu schaffen.

Viele zionistische Pioniere äusserten nahezu Abscheu vor der Stadt. Selbst Theodor Herzl, Begründer des politischen Zionismus, schrieb schon 1898 nach seinem Besuch in der Stadt: "Ich werde mich nicht mit Wohlwollen an dich erinnern, oh Jerusalem. Die muffigen Ablagerungen von 2000 Jahren der Unmenschlichkeit, Intoleranz, und Unsauberkeit liegen in deinen stinkenden Gassen." Herzl wollte die Hauptstadt seines Judenstaats lieber auf dem Carmel-Berg in Haifa errichten.

Auch der spätere Staatsgründer David Ben-Gurion liess sich nach seiner Einwanderung nach Palästina 1906 drei Jahre Zeit, bis er Jerusalem besuchte. Er träumte vor der israelischen Staatsgründung davon, das Dorf Kurnub in der Negevwüste zur zukünftigen Hauptstadt zu machen.

Teilung im Krieg Warum ist Jerusalems Status heute so kompliziert?

Der Uno-Teilungsplan für Palästina von 1947 sah vor, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen. Die arabischen Staaten lehnten den Plan ab. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg wurde die Stadt geteilt. Israel eroberte den Westteil, jordanische Truppen hielten den Ostteil, einschliesslich der Altstadt. Die Araber vertrieben die jüdische Bevölkerung aus dem jüdischen Viertel und verweigerten ihnen den Zugang zur Klagemauer.

Im Sechstagekrieg 1967 eroberte Israel den Ostteil Jerusalems. Damit konnten zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten Juden wieder an der Klagemauer beten. Den Tempelberg unterstellten die Israelis dem Waqf, einer muslimischen Verwaltung, die vom jordanischen König finanziert wird.

Im sogenannten Jerusalemgesetz von 1980 erklärte die Knesset "das vollständige und vereinigte Jerusalem" zur Hauptstadt Israels – also einschliesslich Ostjerusalems. Der Uno-Sicherheitsrat erklärte die faktische Annexion Ostjerusalems durch Israel in seiner Resolution 478 für "null und nichtig". Der Status Jerusalems sollte erst im Zuge eines israelisch-palästinensischen Friedensvertrages abschliessend geklärt werden. 1988 verzichtete Jordanien formal auf seinen Anspruch auf Ostjerusalem, kurz darauf rief die PLO den Staat Palästina aus – mit Jerusalem als Hauptstadt – ein symbolischer Schritt, der vor Ort keine Konsequenzen hatte.

Ein Friedensplan müsste das Kunststück fertigbringen, einen Ausgleich zu finden zwischen den gegenseitigen Interessen: Auf der einen Seite Israel, das die ganze Stadt als Hauptstadt ansieht. Auf der anderen Seite die palästinensische Führung, die den Ostteil zur Hauptstadt ihres noch zu gründenden Staates Palästina machen möchte.

Fremde im eigenen Land – Wie geht es den Arabern in der Stadt?

Dabei gerät die Lage der Araber in Ostjerusalem oft aus dem Blick: Sie stellen heute rund 35 Prozent der Gesamtbevölkerung in Jerusalem. Die meisten von ihnen lehnen die israelische Besatzung ab. Nach israelischem Gesetz gelten sie, die seit Generationen in Jerusalem leben, nur als "Wohnberechtigte", basierend auf dem israelischen Einreisegesetz von 1952.

Als Wohnberechtigte besitzen sie nur eine sogenannte Jerusalemer Ausweiskarte. Damit dürfen sie zwar in Israel arbeiten und leben, aber beispielsweise bei den nationalen Wahlen zur Knesset nicht abstimmen. Auch einen Reisepass haben die Wenigsten, stattdessen nur ein "Laissez-Passer-Dokument", mit dem sie ausser Landes reisen dürfen.

Die beiden Dokumente müssen alle paar Jahre im israelischen Innenministerium erneuert werden, sonst erlischt die Aufenthaltsgenehmigung. Die Palästinenser aus Ostjerusalem müssen unter anderem nachweisen, dass sie arbeiten gehen, ihre Stromrechnung und die israelische Stadtsteuer, die sogenannte Arona, bezahlen. Fehlt eines der Papiere, hilft meist nur der Gang vor das Gericht.

Ausserdem gilt: Wer länger als sieben Jahre nicht in Ostjerusalem gelebt hat, verliert sein Aufenthaltsrecht und damit auch die Jerusalemer Ausweiskarte und das Reisedokument. Aus Staatenlosen, die keine vollwertigen Staatsbürger sind, werden Fremde im eigenen Land.

Nach Angaben des Büros für die Koordination humanitärer Angelegenheiten in den besetzten palästinensischen Gebieten (OCHA) der Vereinten Nationen haben seit 1967 rund 14.000 palästinensische Jerusalemer ihren Status als dauerhafte Einwohner verloren.

Ihre jüdischen Nachbarn haben es da deutlich einfacher. Mehr als 200.000 Israelis leben in völkerrechtlich illegalen jüdischen Siedlungen unter den rund 370.000 Palästinensern in Ostjerusalem. Der israelische Staat subventioniert den Siedlungsbau und unterstützt auch den Aufkauf von Häusern aus arabischem Besitz. Ziel ist es, die Demografie in Ostjerusalem dauerhaft zu Israels Gunsten zu verändern und mit dem Bau von Siedlungen rund um die Stadt einen Ring zwischen Jerusalem und dem Westjordanland zu schaffen. So schafft Israel Tatsachen.

Einfach erklärt: Der Nahost-Konflikt

Mit Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israel anzuerkennen, droht die erneute Eskalation des Nahost-Konflikts. Worum geht es in diesem seit Jahrzehnten schwelenden Streit? Ein komplexes Thema einfach erklärt:

© SPIEGEL ONLINE

Teaserbild: © picture alliance / Wissam Nassar