Die Türkei kritisiert US-Präsident Donald Trump mit scharfen Worten. Die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels sei ein Beispiel für "totale Verantwortungslosigkeit" und werde die Region weiter destabilisieren.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim hat die Erklärung von US-Präsident Donald Trump zur Anerkennung Jerusalems als unverantwortlich zurückgewiesen.

"Mit dieser Entscheidung wurde in der Region die Büchse der Pandora geöffnet", hiess es in einer Mitteilung Yildirims in der Nacht zum Donnerstag. "Die Erklärung des US-Präsidenten zur Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels und die damit verbundenen Schritte sind für die Türkei null und nichtig."

Der Schritt sei ein Beispiel für "totale Verantwortungslosigkeit" und werde schwere Konsequenzen für den Frieden in der Region haben.

Erdogan will mit Papst und Putin reden

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan warf US-Präsident Donald Trump vor, mit einer Entscheidung "vor allem diese Region in einen Feuerkreis zu werfen".

Vor jubelnden Anhängern am Flughafen Ankara sagte der Präsident vor dem Abflug nach Athen: "Hey Trump, was hast du vor? Was ist das für eine Herangehensweise? Politische Anführer sind nicht dazu da, um aufzuwühlen, sondern um zu versöhnen."

Erdogan fügte hinzu: "Wenn Herr Trump hier sagt, 'Ich bin mächtig, also bin ich im Recht', dann irrt er sich."

Zudem kündigte er an, sich mit Papst Franziskus zu beraten. "Das ist nicht mehr nur die Aufgabe der Muslime, sondern regelrecht der Menschheit", sagte er.

Ausser mit dem Papst plane er Telefonate mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie mit Regierungen in Deutschland, England, Frankreich und Spanien.

Hamas spricht von "Kriegserklärung"

Auch der US-Verbündete Saudi-Arabien kritisiert Trump und rief die USA auf, die Entscheidung zurückzunehmen.

Auch die Führung Irans sowie Palästinenserpräsident Mahmud Abbas haben sich kritisch geäussert: "Die amerikanische Regierung hat sich mit dieser Erklärung dazu entschlossen, alle internationalen und bilateralen Resolutionen und Vereinbarungen zu verletzen", sagte Abbas.

Und aus dem iranischen Aussenministerium hiess es: "Diese irrationale und provokante Entscheidung wird zu einer weiteren Intifada sowie mehr Extremismus und Gewalt führen."

Die radikal-islamische Hamas erklärte, das palästinensische Volk werde angemessen reagieren. Ein Hamas-Führer sprach offen von einer "Kriegserklärung".

Macron: "Internationales Recht verletzt"

Auch in Europa reagierten die Regierungen mit Besorgnis. "Ich glaube, dass sie [die Entscheidung Trumps, Anm. der Red.] wirklich das Risiko beinhaltet, dass eine ohnehin schon schwierige Lage dort im Nahen Osten und in dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern jetzt noch weiter eskaliert", sagte Aussenminister Sigmar Gabriel in den ARD-"Tagesthemen".

Auch Kanzlerin Angela Merkel liess über ihren Regierungssprecher Steffen Seibert via Twitter kundtun: "Die Bundesregierung unterstützt diese Haltung nicht, weil der Status von Jerusalem im Rahmen einer 2-Staaten-Lösung auszuhandeln ist."

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wurde deutlicher: "Diese Entscheidung verletzt internationales Recht und alle UN-Resolutionen."

USA warnen ihre Bürger

Am US-Generalkonsulat in Istanbul kam es in der Nacht zu Protesten gegen die Entscheidung Trumps. Die USA hatten ihre Bürger in der Türkei bereits davor gewarnt, sich von möglichen Demonstrationen wegen Trumps Erklärung fernzuhalten.

Das US-Aussenministerium rief in einer "Worldwide Caution" zudem zu erhöhter Wachsamkeit vor Terrorattacken auf. US-Bürger wurden aufgerufen, im Ausland besonders vorsichtig zu sein und sich vor Reiseantritt über etwaige Reisewarnungen für das Zielland zu informieren.

Erdogan hat wegen der Krise um Jerusalem für kommenden Mittwoch einen Sondergipfel der Organisation für Islamische Kooperation (OIC) in Istanbul einberufen.

Die Türkei hat derzeit den OIC-Vorsitz inne. Bereits vor Trumps Erklärung hatte Erdogan mit einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel gedroht und gesagt: "Herr Trump, Jerusalem ist die rote Linie der Muslime."

Streit um Jerusalem seit 1967

Jerusalem gilt als einer der heikelsten Brennpunkte der Weltpolitik und als einer der fundamentalen Streitpunkte in dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern.

Israel hatte 1967 während des Sechs-Tage-Kriegs den arabisch geprägten Ostteil der Stadt erobert und später annektiert. Es beansprucht ganz Jerusalem als seine unteilbare Hauptstadt. Dieser Anspruch wird international nicht anerkannt.

Unter anderem erkennen die Vereinten Nationen nicht ganz Jerusalem als Israels Hauptstadt an. Die Palästinenser sehen hingegen in Ost-Jerusalem ihre künftige Hauptstadt. (cai/dpa)

Die US-Botschaft in Israel soll nach dem Willen von Donald Trump von Tel Aviv nach Jerusalem umziehen. Die islamische Welt ist empört, der türkische Präsident Erdogan wütet, auch EU-Politiker warnen vor den Folgen. Schlimmstenfalls droht ein neuer Palästinenseraufstand.


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