Seit Wochen wird auf die angekündigte ukrainische Gegenoffensive im Krieg gegen Russland gewartet. Hat diese mit Angriffen abseits der Front schon längst begonnen? Ein Experte geht davon aus, dass die ukrainischen Streitkräfte mit ihrer Offensive im Hinterland beginnen – um die Versorgung der feindlichen Truppen zu unterbrechen.

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Während viele Beobachter im Westen auf die grosse Panzerschlacht in der Ukraine warten, deutet vieles darauf hin, dass die lang angekündigte Gegenoffensive bereits an ganz anderer Stelle begonnen hat. Eine beispiellose Serie von Drohnen- und Sabotageangriffen trifft derzeit den Südwesten Russlands und die von Moskau besetzten Gebiete der Ukraine.

Die Schlagzeilen gehörten zuletzt einer mutmasslichen Drohnenattacke auf den Kreml. Doch während dieser Anschlag noch viele Fragen aufwirft und es für die angebliche Beteiligung Kiews keinerlei Beweise gibt, folgen die Angriffe auf Objekte im Südwesten Russlands und der von Moskau besetzten Schwarzmeer-Halbinsel Krim einer klaren Logik: Es geht um die Zerstörung der Nachschublinien für die russischen Besatzungstruppen in der Ukraine.

Dazu wurden in der Region Brjansk Schienen gesprengt und zwei Güterzüge zum Entgleisen gebracht. Auf der Krim explodierte am Wochenende ein Treibstofflager, das der Versorgung der russischen Schwarzmeerflotte diente. Am Mittwoch brannte gegenüber der von Russland annektierten Halbinsel im russischen Gebiet Krasnodar ein weiteres Kraftstoffdepot in einem Umschlagterminal für Öl und Ölprodukte aus. 17 Stunden kämpften teilweise mehr als 200 Feuerwehrleute mit den Flammen. 20.000 Kubikmeter Treibstoff fackelten ab.

Und 24 Stunden später geriet ebenfalls im Gebiet Krasnodar das Tanklager einer Ölraffinerie in Brand. Eine Drohnenattacke zu gleicher Zeit auf eine Raffinerie im russischen Gebiet Rostow endete hingegen glimpflich.

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Experte: Zerstörung der massiven Wehranlagen der Russen erst in der dritten Phase der Offensive

"Es läuft die planmässige Vernichtung unserer Treibstofflager im Vorfeld der strategischen Offensive der ukrainischen Streitkräfte, um unseren Kräften den Kraftstoff zu nehmen", klagte der ultrarechte ehemalige Duma-Abgeordnete Viktor Alksnis am Donnerstag auf seinem Telegram-Kanal. Zugleich warf er der russischen Armee vor, nicht ähnlich zielstrebig die ukrainischen Reserven zu bombardieren. "Insgesamt gibt es in der Ukraine keinen Treibstoffmangel", konstatierte er.

Laut dem deutschen Militärökonom Marcus Keupp hat damit die zweite Phase der Offensive nach der Aufklärung der Schwachstellen etwa durch Satellitenbilder begonnen. Mit Artillerie- und Drohnenfeuer werde im Hinterland die Versorgung der feindlichen Truppen unterbrochen. Erst in der dritten Phase gehe es darum, die massiven Wehranlagen der Russen, die sie in den besetzten Gebieten der Ukraine nahe der Front errichtet haben, zu zerstören, um dann mit Panzern vorzurücken. "Das heisst also, das wird der Abschluss sein, nicht der Beginn", sagte er am Donnerstag im Deutschlandfunk.

Auf diesen sichtbaren Vorstoss, der sich in der Rückgewinnung von Gebieten dann darstellen lässt, ist die Ukraine laut Nato-Vertretern zu "98 Prozent" vorbereitet. Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow sieht sich ebenfalls kurz vor der "Zielgeraden". Hunderte Panzer und Schützenpanzer, Haubitzen, Raketenwerfer, Flugabwehr und Tonnen an Munition hat Kiew demnach erhalten. Bis zu 80.000 Soldaten – nach russischen Quellen sogar weitaus mehr – sollen extra für diese Angriffsoperation teils in Nato-Staaten ausgebildet worden sein und bereitstehen.

Präsident Wolodymyr Selenskyj: "Wir brauchen einen Erfolg"

Doch wurden im Westen nach dem Durchsickern von Erkenntnissen des US-Geheimdienstes immer lautere Zweifel an einem Erfolg der Offensive im Frühjahr angemeldet. Kiew gibt sich trotzdem zuversichtlich. "Ich glaube sehr, dass sie erfolgreich wird und wir unsere Gebiete befreien können", sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj kürzlich skandinavischen Journalisten. Die lange Pause seit den erfolgreichen Operationen im Herbst sowie die mühsam den westlichen Bündnispartnern abgerungenen Panzerlieferungen haben jedoch gewaltigen Druck aufgebaut. "Wir brauchen einen Erfolg", gestand der 45-Jährige ein.

Allgemein wird der Hauptstoss der ukrainischen Armee im Gebiet Saporischschja in Richtung Tokmak und dann weiter nach Melitopol und zum Asowschen Meer erwartet. Damit soll ein Keil zwischen die russischen Truppen getrieben und die Krim von der Landbrücke nach Russland abgetrennt werden. Der Exilbürgermeister von Melitopol, Iwan Fedorow, berichtet fast täglich von ukrainischen Raketenschlägen gegen Depots und Kommandozentralen der russischen Armee in der Region. Teilweise bestätigen die Besatzungsbehörden das.

Ukrainische Einheiten testeten auch bereits mehrfach zwischen Orechiw und Huljajpole die Stärke der massiv ausgebauten russischen Verteidigungslinien. Der Besatzungsvertreter Wladimir Rogow will bereits seit längerem die Verlegung ukrainischer Reserven an diesen Frontabschnitt ausgemacht haben. Doch wo wäre dann die Überraschung?

Russische Kommandeure erwarten ukrainischen Vorstoss auf Mariupol

Daher erwarten einige russische Kommandeure einen ukrainischen Vorstoss auf die vor einem Jahr von Russland eroberte Hafenstadt Mariupol im Donezker Gebiet. Eine Rückeroberung der Stadt im Südosten des Landes dient gleich mehreren Zwecken. "Das ist sofort eine Bedrohung für Donezk, ein unschätzbarer politischer Effekt und durchtrennt den Landkorridor auf die Krim", schrieb der für Russland kämpfende Separatistenkommandeur Alexander Chodakowski bei Telegram. Ortskenntnis, eine zum Teil loyale Bevölkerung und fehlende russische Kräfte für eine zweite Eroberung könnten aus Sicht Kiews dafür sprechen, den Vorstoss eher in Richtung Mariupol zu führen.

Es gibt aber auch Gerüchte um eine Fortsetzung der Herbstoffensive im Norden im Luhansker Gebiet oder gar einen Angriff auf russisches Gebiet nach Belgorod, um dies dann anschliessend gegen ukrainische Gebiete zu tauschen. Die wilden Spekulationen zeugen davon, dass zumindest die Geheimhaltung bisher auf Kiewer Seite gut geklappt hat.

Trotzdem ist zumindest Keupp davon überzeugt, dass es Richtung Süden geht. Ziel sei es für Kiew, die Krim zurückzuerobern. Dafür müsste die ukrainische Armee zu einer Stelle an der Küste vorstossen, von wo aus dann alle Ziele auf der Halbinsel mit Drohnen und Langstrecken-Artillerie erreichbar wären. So könnten die russischen Truppen gezwungen sein, sich irgendwann zurückzuziehen, meint Keupp. (André Ballin und Andreas Stein, dpa/tas)

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