• Die Bilder von Hunderten toten Zivilisten in Butscha lassen viele Menschen erschaudern.
  • Der Westen reagiert mit weiteren Strafmassnahmen gegen Russland.
  • Die USA befürchten indes, dass die Gräueltaten von Butscha nur die "Spitze des Eisbergs" sein könnten.

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Die Gräueltaten im ukrainischen Butscha könnten im russischen Angriffskriegs nach Ansicht des Weissen Hauses womöglich nur "die Spitze des Eisbergs" sein. Die russischen Streitkräfte hätten in jenen Teilen der Ukraine, zu denen es noch keinen Zugang gebe, "wahrscheinlich auch Gräueltaten begangen", sagte die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden, Jen Psaki, am Dienstag. Deswegen hätte die Welt in Butscha "womöglich die Spitze des Eisbergs" gesehen, sagte Psaki. Die USA hätten bereits zuvor gewarnt, dass es die "Absicht" des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des Militärs sei, in der Ukraine Gräueltaten zu begehen.

Die Bilder der Verbrechen aus Butscha lösten weltweit Entsetzen aus: In der Vorortgemeinde der Hauptstadt Kiew wurden am Wochenende nach dem Rückzug der russischen Truppen Hunderte Leichen entdeckt. Einige lagen mit gefesselten Händen auf der Strasse. Die Ukraine und auch die US-Regierung machen russische Truppen für die vielen Toten in Butscha verantwortlich. Moskau bestreitet das und spricht von "Fälschung".

US-Präsident Biden forderte, Putin müsse angesichts der Gräueltaten wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt werden. Die US-Regierung will diese Woche in Abstimmung mit ihren Partnern weitere Sanktionen gegen Russland ankündigen.


Die Gräueltaten von Butscha haben dem Angriffskrieg auf die Ukraine aus Sicht vieler Menschen eine neue Dimension verliehen. Der Westen reagiert mit weiteren Massnahmen - aber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj reicht das bei Weitem nicht. Er warf dem UN-Sicherheitsrat am Dienstag Versagen vor. Unterdessen stellte die EU-Kommission einen Vorschlag für ein umfangreiches Paket mit neuen Sanktionen gegen Russland vor - dieses beinhaltet etwa ein Importverbot für Kohle.

EU-Kommission schlägt Importverbot für Kohle aus Russland vor

Die Gräueltaten von Butscha geben auch der EU-Kommission Anlass für neue Massnahmen gegen Russland. Neben einem Importverbot für Kohle beinhaltet das neue Paket eine Hafensperre für russische Schiffe sowie weitere Handelsbeschränkungen. Dazu gehören etwa Quantencomputer und Transportmittel. Produkte wie Holz, Zement und Meeresfrüchte im Wert von 5,5 Milliarden Euro sollen ausserdem nicht mehr in die EU importiert werden. "Diese Gräueltaten dürfen und werden nicht ohne Folgen bleiben", sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Es sei wichtig, in dieser Phase den grösstmöglichen Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin und die russische Regierung auszuüben. Ob die Sanktionen wie vorgeschlagen verhängt werden, müssen die 27 EU-Staaten entscheiden.

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"Aus unserer Sicht ist es richtig, den Import von Kohle sofort zu stoppen", sagte der Unions-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz. Der Import von Öl müsse "in kürzester Zeit" beendet werden. Der Gasimport aus Russland müsse reduziert und so schnell wie möglich beendet werden. Diese Schlussfolgerungen müssten aus dem eskalierenden Krieg in der Ukraine gezogen werden.

Selenskyj: Butscha nur eines von vielen Beispielen

Nach Einschätzung von UN-Generalsekretär António Guterres ist der Krieg in der Ukraine eine der grössten Herausforderungen für den Frieden auf der Welt seit Gründung der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg. Aufgrund seines Wesens, "seiner Intensität und seiner Konsequenzen" handele es sich um "eine der grössten Herausforderungen für die internationale Ordnung und die globale Friedensarchitektur basierend auf der Charta der Vereinten Nationen", sagte Guterres vor dem UN-Sicherheitsrat in New York. Der Krieg müsse sofort aufhören und ernsthafte Friedensverhandlungen müssten beginnen, forderte der UN-Chef. Die Bilder der Gräueltaten an Bewohnern der ukrainischen Stadt Butscha werde er "nie vergessen".

Selenskyj, der am Dienstag per Video dem Sicherheitsrat zugeschaltet war, sagte, das, was in Butscha geschehen sei, sei kein Einzelfall - sondern nur eines "von vielen Beispielen dafür, was die Besatzer getan haben". Der UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths sagte, die umkämpfte ukrainische Hafenstadt Mariupol gleiche derzeit "einem Zentrum der Hölle".

Die Bilder aus Butscha, wo nach dem Abzug russischer Truppen Hunderte Leichen auf den Strassen gefunden wurden, lösten weltweit Entsetzen aus. Die Ukraine macht für die Gräueltaten russische Truppen verantwortlich, die die Stadt besetzt hatten. Moskau bestreitet das und sprach von einer "Inszenierung". Belege oder Beweise legte die russische Führung nicht vor.

Spitzenpolitiker reisen nach Kiew

Griffith kündigte an, am Mittwoch in die Ukraine reisen zu wollen. Er berichtete dem UN-Sicherheitsrat auch von seinen ersten Versuchen für Friedensverhandlungen. Am Montag in Moskau habe er unter anderem mit dem russischen Aussenminister Sergej Lawrow gesprochen und zahlreiche Vorschläge gemacht. Seine Vorschläge seien entgegengenommen und ihm sei versprochen worden, dass sie ernsthaft untersucht würden. Man wolle in engem Kontakt bleiben.

Noch diese Woche will auch EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen für ein Treffen mit Selenskyj nach Kiew reisen. Sie werde begleitet vom EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell, teilte ihr Sprecher auf Twitter mit. Das Treffen werde vor der für Samstag in Warschau geplanten Geberkonferenz stattfinden, bei der Geld für die Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen des Kriegs gesammelt werden soll.

Kriegsverbrechen sollen lückenlos aufgeklärt werden

Selenskyj war dem UN-Sicherheitsrat Versagen vor: "Wo ist der Sicherheitsrat? Es ist offensichtlich, dass die zentrale Institution der Welt zum Schutz von Frieden nicht effektiv arbeiten kann." Zuvor hatt er betont, die Verbrechen von Butscha und in anderen Städten seines Landes lückenlos aufklären zu wollen. Dazu arbeite man unter anderem mit der EU und dem Internationalen Strafgerichtshof zusammen.

Videos und Satellitenbilder aus dem Kiewer Vorort Butscha widerlegen nach einer Analyse der "New York Times" Moskauer Behauptungen, dass Leichen getöteter Zivilisten dort erst nach dem Abzug des russischen Militärs platziert worden seien. Satellitenaufnahmen zeigten, dass sich die Überreste mehrerer Menschen bereits Mitte März auf der Strasse befanden, schrieb die Zeitung.

UN dokumentieren Opferzahlen - Menschen auf der Flucht

Die Vereinten Nationen haben seit dem Einmarsch russischer Truppen den Tod von 1480 Zivilisten in der Ukraine dokumentiert. Zudem seien 2195 Zivilisten verletzt worden, sagte die UN-Beauftragte für politische Angelegenheiten, Rosemary DiCarlo, am Dienstag vor dem UN-Sicherheitsrat. Sie bezog sich dabei auf Zahlen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte in Genf (OHCHR). Dabei handele es sich allerdings nur um die dokumentierten Opferzahlen, die Dunkelziffer liege wahrscheinlich "deutlich höher".

Die Zahl der Binnenvertriebenen in der Ukraine ist laut jüngsten Schätzungen der Organisation für Migration (IOM) indes auf über 7,1 Millionen Menschen gestiegen. Die Zahl der seit Beginn der russischen Invasion aus der Ukraine ins Ausland Geflüchteten, betrug laut den jüngsten Daten des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) 4,2 Millionen.

Nato bestätigt Einsatzbereitschaft von neuen Truppen an der Ostflanke

Unterdessen kommt die Nato mit ihren Bemühungen um eine Verstärkung ihrer Ostflanke voran. Wie eine Sprecherin des Militärbündnisses der Deutschen Presse-Agentur bestätigte, haben die vier neuen multinationalen Gefechtsverbände in Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Slowakei die erste Stufe der Einsatzbereitschaft erreicht. Ihr Aufbau wurde erst vor einigen Wochen angekündigt.

Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte auf einer Pressekonferenz, man erwarte in den kommenden Wochen eine verstärkte russische Offensive im Osten und im Süden der Ukraine. Russland werde versuchen, den gesamten Donbass einzunehmen und eine Landbrücke zur bereits besetzten ukrainischen Halbinsel Krim zu schaffen, sagte Stoltenberg am Dienstag. Die deutliche Truppenbewegung weg von Kiew hat nach Einschätzung des Militärbündnisses damit zu tun, dass sich der Fokus der russischen Streitkräfte nun in Richtung Osten verlagert. Die Truppen werden demnach neu gruppiert und neu bewaffnet.

Moskau wirft Baerbock "aggressive antirussische Linie" vor

Mehrere Länder wiesen auch am Dienstag russische Diplomaten aus, etwa Portugal und Rumänien. Schon am Montag hatten dies einige europäische Länder angekündigt. Deutschland erklärte 40 Angehörige der russischen Botschaft zu "unerwünschten Personen". Moskau reagirte am Dienstag prompt und griff Bundesaussenministerin Annalena Baerbock (Grüne) aufs Schärfste an. Baerbock pflege eine mit besonderem Zynismus aufgeladene "aggressive antirussische Linie", sagte die Sprecherin des Aussenministeriums, Maria Sacharowa. (mss/dpa)

US-Satellitenbilder beweisen: Leichen vor Abzug russischer Truppen in Butscha

US-Satellitenbilder vom Kiewer Vorort Butscha, die am 4. April veröffentlicht wurden, beweisen: Die russischen Truppen haben sich erst zurückgezogen, als bereits Leichen mutmasslicher Zivilisten die Strassen säumten.