Sicherheitskonferenz München: Charisma und Konfliktpotenzial

Mehr als 600 Experten drängeln sich in den nächsten drei Tagen wieder durch das Luxushotel Bayerischer Hof in München. Auf zehn Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz muss man an den nächsten drei Tagen besonders achten.

URSULA VON DER LEYEN, 60, Verteidigungsministerin, Deutschland: Die CDU-Politikerin eröffnet am Freitag wieder einmal die Sicherheitskonferenz. Zuvor nimmt sie an einem Ministertreffen zum Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat teil. Für sie dürfte der Ausflug nach München eine willkommene Abwechslung sein. In Berlin ist es für sie wegen der Affäre um externe Berater in ihrem Ministerium gerade nicht so gemütlich.
MIKE PENCE, 59, Vizepräsident, USA: Der zweite Mann im Weissen Haus ist der Top-Act der Sicherheitskonferenz. Bereits vor zwei Jahren hat er wenige Tage nach dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump dessen aussenpolitischen Kurs erklärt. Der wichtigste Satz damals: "Das ist Präsident Trumps Versprechen: Wir werden zu Europa stehen, heute und jeden Tag, weil uns dieselben edlen Ideale zusammenschweissen." Diesmal wird seine Rede wahrscheinlich weniger kooperativ ausfallen. Bei der Nahost-Konferenz in Warschau gab es mit scharfer Kritik an der Iran-Politik der europäischen Verbündeten einen Vorgeschmack.
ANGELA MERKEL, 64, Bundeskanzlerin, Deutschland: Eigentlich sollte die CDU-Politikerin zusammen mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron auftreten und über die Zukunft Europas reden. Macron überlegte es sich wegen der Proteste zu Hause gegen seine Regierungspolitik aber anders. Jetzt bildet Merkel ein Gegengewicht zu Pence und der "Amerika zuerst"-Aussenpolitik des mächtigsten Verbündeten Deutschlands. Die Kanzlerin wird ein Plädoyer für internationale Zusammenarbeit, den sogenannten Multilateralismus, entgegensetzen.
YANG JIECHI, 67, oberster Aussenpolitiker der Kommunistischen Partei, China: Auf seine Anreise ist Konferenzleiter Wolfgang Ischinger besonders stolz. Noch nie war China so hochrangig vertreten. Yang Jiechi wird auch die grösste Delegation seines Landes anführen, die je nach München gekommen ist. "An denen wird man im Bayerischen Hof nur schwer vorbeikommen", heisst es schon. Atomstreit mit Nordkorea, Kräftemessen im Südchinesischen Meer, Handelsstreit mit den USA und atomare Rüstung - man kann gespannt sein, was der Top-Diplomat zu diesen Themen zu sagen hat.
SERGEJ LAWROW, 68, Aussenminister, Russland: Kein Präsident Wladimir Putin, kein Regierungschef Dmitri Medwedew. Russland ist diesmal "nur" mit dem Aussenminister vertreten. Man kann aber sicher sein, dass der eine kernige Rede halten wird. Darin dürfte es unter anderem um die brandaktuelle Frage gehen, ob nach der beidseitigen Aufkündigung des wichtigen INF-Abrüstungsvertrags durch die USA und Russland ein neues atomares Wettrüsten in Europa bevorsteht.
JOE BIDEN, 76, Ex-Vizepräsident und vielleicht Präsidentschaftskandidat, USA: Er war schon als Stellvertreter von US-Präsident Barack Obama in München. Jetzt kommt der charismatische Demokrat als möglicher Herausforderer von US-Präsident Trump im Jahr 2020. Ihm werden viele deutsche Transatlantiker angesichts der schwer angeschlagen deutsch-amerikanischen Beziehungen wohl sehnsüchtig zuhören.
MOHAMMED DSCHAWAD SARIF, 59, Aussenminister, Iran: Auf der Nahost-Konferenz in Warschau versuchten die USA in den vergangenen Tagen neue Allianzen gegen den Iran zu schmieden. In München wird Sarif darauf antworten. Ein wichtiger Gegenspieler wird ihm am Sonntag aber fehlen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, der in Warschau eine scharfe Rede gegen den Iran hielt, sagte seine Teilnahme an der Münchner Konferenz ab. Begründung: unbekannt.
ADEL AL-DSCHUBAIR, 57, Staatssekretär, Saudi-Arabien: Dafür bekommt Sarif es mit einem anderen Kontrahenten zu tun: Adel al-Dschubair aus Saudi-Arabien, das mit dem Iran um die Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten konkurriert. Trotz seiner Erfahrung wurde al-Dschubair vor wenigen Wochen vom Aussenminister zum Staatssekretär degradiert. Er reist aber immer noch durch die Welt, um die saudische Aussenpolitik zu erklären. Drei Monate nach der Tötung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul wird das nicht ganz einfach werden.
ANNEGRET KRAMP-KARRENBAUER, 56, CDU-Vorsitzende, Deutschland: Auch die neue CDU-Chefin hat keinen grossen Auftritt in München, kann dort aber schon mal Kontakte für mögliche höhere Aufgaben knüpfen. In der Zeitschrift "Internationale Politik" liess sie keine grösseren Abweichungen von Merkels Aussenpolitik erkennen - auch wenn die umstrittene russisch-deutsche Gas-Pipeline Nord Stream 2 "sicher kein Herzensprojekt" sei, wie sie sagte.