Im eskalierenden Streit zwischen Grossbritannien und Russland wegen des Giftanschlags auf den Ex-Spion Sergej Skripal hat sich nun auch die Nato offiziell zu Wort gemeldet. Zudem wird Grossbritannien 23 russische Diplomaten des Landes verweisen und alle diplomatischen Kontakte zu Russland abbrechen.

Grossbritannien wird wegen des Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal insgesamt 23 russische Diplomaten ausweisen und alle diplomatischen Kontakte nach Russland abbrechen.

Das kündigte Premierministerin Theresa May am Mittwoch im Parlament in London an.

Nato: Russland muss Fragen beantworten

Kurz zuvor hatte sich die Nato in der Affäre um den in London vergifteten Ex-Spion Sergej Skripal offiziell geäussert, nachdem Russland ein Ultimatum zur Aufklärung des Falls hatte verstreichen lassen.

In einer veröffentlichten Erklärung spricht das nordatlantische Verteidigungsbündnis von einem "Angriff", der einen "klaren Bruch mit internationalen Regeln und Vereinbarungen" bedeute.

Die Nato fordert Russland in der Erklärung auf, die zuvor von Grossbritannien übermittelten Fragen in dem Fall zu beantworten, darunter "eine lückenlose Offenlegung des Nowitschok-Programms gegenüber der Organisation für das Verbot chemischer Waffen".

Alle 28 Nato-Partner Grossbritanniens erklärten zudem ihre Solidarität gegenüber London und boten "Unterstützung bei der Durchführung der laufenden Untersuchung" an.

EU-Ratspräsident Donald Tusk hatte Grossbritannien am Mittwoch ebenfalls volle Solidarität zugesagt und gleichzeitig Russland angeprangert.

Die "brutale Attacke" sei "sehr wahrscheinlich von Moskau angeregt" gewesen, sagte Tusk am Mittwoch in Helsinki. Er sei bereit, den Fall auf die Tagesordnung des EU-Gipfels kommende Woche zu setzen.

Tusk sagte noch nicht, welche möglichen Massnahmen die EU gegen Russland ergreifen könnte. London solle einen Vorschlag machen, wie man gemeinsam reagieren könne. "Eines muss klar sein, unsere Solidarität und Einigkeit in diesem Zusammenhang ist unabdingbar", sagte Tusk.

Skripal und seine Tochter Yulia waren am 4. März offenbar einem Nervengift ausgesetzt und sind seither in kritischem Zustand.

Russland reagiert auf Drohung mit Gegendrohung

Nach Angaben der britischen Regierung wurde ein Gift aus sowjetischer Produktion verwendet. Premierministerin Theresa May hatte die russische Regierung ultimativ zur Aufklärung aufgefordert. Die Frist verstrich in der Nacht zum Mittwoch.

Russland lasse nicht in der Sprache von Ultimaten mit sich reden, entgegnete Kremlsprecher Dmitri Peskow am Mittwoch in Moskau.

Man habe London über diplomatische Kanäle mitgeteilt, dass Russland unschuldig sei an dem Anschlag.

Er kündigte Massnahmen gegen britische Medien in Russland an, falls der russische Staatssender RT als eine Sanktion seine Sendelizenz für Grossbritannien verlieren sollte.

Das russische Aussenministerium hatte schon am Dienstag mit Vergeltung gedroht. "Jegliche Drohungen, Russland mit Strafmassnahmen zu belegen, werden nicht unbeantwortet bleiben", teilte die Behörde mit. Darauf müsse sich Grossbritannien gefasst machen.

"Russland ist nicht schuldig", sagte Aussenminister Sergej Lawrow. Er forderte Zugang zu den Ermittlungen und zu den verdächtigen Proben, damit Russland die Substanz selbst analysieren könne.

Russland sei bereit, mit Grossbritannien in der OPCW zu kooperieren, sagte Lawrow. Moskau hat nach eigener Darstellung alle Chemiewaffen zwischen 2002 und 2017 vernichtet.

Der Fall um Ex-Spion Sergej Skripal erinnert an den Mord an dem Ex-Agenten und Kremlkritiker Alexander Litwinenko, der 2006 in London mit radioaktivem Polonium vergiftet wurde.

Die Spuren der Täter führten auch nach Moskau. Die Briten wollen nun weitere etwa 14 Todesfälle mit einer möglichen Verbindung nach Russland erneut untersuchen, wie Innenministerin Amber Rudd ankündigte. (mwo mit dpa)