Der britische Premier und seine Verlobte wollen die Downing Street neu einrichten – das soll allerdings teurer werden, als dem Steuerzahler zuzumuten ist. Helfen soll eine Spendenaktion.

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Boris Johnson, seine Verlobte Carrie Symonds und ihr gemeinsamer Sohn Wilfred Lawrie Nicholas scheinen sich nicht ganz wohlzufühlen in 11 Downing Street, gleich neben dem Regierungssitz in "Number 10". Das Paar möchte die Vier-Schlafzimmer-Wohnung mehr nach dem eigenen Geschmack einrichten und den "John-Lewis-Albtraum" loswerden, den ihre Vorgänger hinterlassen haben, zitiert der britische "Tatler" Symonds.

John Lewis ist ein populäres britisches Einrichtungshaus im mittleren Preissegment, das bei vielen der Wähler, die Johnson den Einzug in die Downing Street ermöglicht haben, sehr beliebt sein dürfte.

Das Problem an der Sache ist – abgesehen davon, dass Symonds Aussage ziemlich versnobt daherkommt –, dass ihr Geschmack wohl deutlich exklusiver ist, als das vorgesehene Budget zur Umgestaltung es erlaubt. 30.000 Pfund (etwa 35.000 Euro) stehen dem Premier pro Jahr zur Verfügung, um die Räume so zu gestalten, dass er, seine Familie und hochrangige Gäste sich dort wohlfühlen.

Da es sich um einen Graubereich zwischen Arbeits- und Privatzwecken handelt, könnte Johnson das neue Interieur vermeintlich selbst finanzieren. Seine amerikanischen Amtskollegen Barack Obama und Donald Trump sollen bei ihrem Einzug in das Weisse Haus dort 1,5 und 1,75 Millionen Dollar in Umgestaltungen investiert haben. Dazu scheint Johnson jedoch nicht bereit zu sein – vermeintlich wegen seiner Verpflichtungen aus mehreren Scheidungen und gegenüber mindestens sechs Kindern.

Abhilfe schaffen soll nun eine Spendenaktion – mit dem offiziellen Zweck, die Gebäude in Downing Street 10 und 11 aus "Gründen des Kultur- und Denkmalschutzes zu erhalten". Zumindest hier möchte sich London wohl an Washington orientieren, wo ein Fund und Einzelspenden es den einziehenden Präsidenten und ihren Familien erlauben, etwa 100.000 Dollar für Umgestaltungen, Möbel und Dekoration auszugeben.

Britische Experten zeigen sich allerdings skeptisch, ob Geldgeschenke zugunsten der Einrichtung des Premiers als Spenden verbucht werden und die Empfänger entsprechende Steuervorteile geltend machen können. Um als "Charity" zu gelten, müsste nämlich eine bedürftige Gruppe von den eingetriebenen Mitteln profitieren. "Ich bin wirklich nicht sicher, ob der Premierminister und seine Verlobte sich dafür qualifizieren", zitiert der britische "Guardian" den ehemaligen Vorsitzenden des "Komitees für Standards im öffentlichen Leben", das die Regierung zu ethischen Fragen berät.

Alternativ müssten die Resultate beispielsweise für die Öffentlichkeit zugänglich sein, was in der Downing Street schon aus Sicherheitsgründen unmöglich ist. Zudem würde eine Spendenaktion zugunsten eines Staatsdieners noch andere Probleme mit sich bringen – und etwa Hintertüren zu dessen unerlaubter Begünstigung öffnen. Er jedenfalls wäre "ausser sich", sollte die Spendenaktion bewilligt werden, so der Experte für Ethikstandards.

Wer würde überhaupt für neue Möbel spenden?

Britischen Medien zufolge werden die Charity-Pläne trotz dieser Bedenken bereits in oberen Verwaltungskreisen diskutiert. Das "Charity Committee" allerdings hat sie demnach noch nicht abgezeichnet und Johnsons Sprecherin Allegra Stratton bezeichnete sie lediglich als blosse "Spekulation".

Zumindest einen willigen Spender scheint es bereits zu geben. So berichtete der "Guardian", der Taxiunternehmer John Griffin habe sich bereits wohlwollend geäussert. Griffin ist Grossspender für Johnsons Konservative, denen er in der Vergangenheit über vier Millionen Pfund übertrug. Er verteidigte der Zeitung zufolge auch eine mögliche Einrichtungs-Spendenaktion. Als Grund verwies der Unternehmer auf den Regierungserfolg in der Pandemie.

"Boris Johnson hat sich während der Covid-19-Krise sehr gut geschlagen. Die Öffentlichkeit ist glücklich mit seiner Leistung und ich bin bereit, ihn zu unterstützen", so Griffin. Er würde Johnson "einige Pfund" geben oder "zumindest ein Los kaufen".

Sollten sie die Charity-Pläne tatsächlich in die Tat umsetzen wollen, könnte sich für Johnson und Symonds ein weiterer Blick nach Washington lohnen. Dort hatte die damalige First Lady Jackie Kennedy den Kult um eine besonders stilvolle Einrichtung des Weissen Hauses begründet. 1962 bekam sie sogar einen Emmy verliehen, nachdem sich 56 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner eine Filmtour des TV-Senders CBS News durch den neugestalteten Regierungssitz angesehen hatten.

Die USA befanden sich zu dem Zeitpunkt allerdings nicht in einer Krise, die mit der Situation Grossbritanniens infolge des Brexits und der Corona-Pandemie vergleichbar ist. In einer Zeit, in der viele Briten sich finanzielle Sorgen machen, kommt das Einrichtungs-Upgrade des Premiers vielleicht weniger gut an als damals bei den Kennedys.


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