Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Heute über die Banken, deren Job derzeit zum grössten Teil vom Staat übernommen wird und das erste Video auf Youtube.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser,

normalerweise organisieren Banken den Geldfluss und versorgen Staaten, Bürger und Unternehmen mit Liquidität. Der Finanzsektor ist der Herzmuskel einer kapitalistischen Volkswirtschaft.
Doch im Zuge der Pandemiebekämpfung verloren die Banken diese Funktion grösstenteils an den Staat. Die Regierungen in Paris, London, Washington und Berlin haben einen Bypass gelegt. Der Staat verteilt nun das Geld, gewährt die Kredite, nimmt nahezu alle ökonomischen Risiken in seine Bücher.
In das Geschäft mit der Geldschöpfung – gewissermassen als Premiumprodukt – ist er auch eingestiegen. Über 4,6 Billionen Euro umfasst mittlerweile die konsolidierte Bilanz des Eurosystems. Christine Lagarde, die an der Quelle der Geldschöpfung residiert, ist heute die Schutzheilige der europäischen Finanzwelt. Mit ihren Aufkaufprogrammen gewährt und verlängert sie Leben.

Die Staaten und ihre Notenbank tun dies, weil das Finanzsystem zu schwach ist, seine klassische Rolle zu spielen. Die europäischen Banken haben sich von der Weltfinanzkrise nie erholt. Sie sind gesundheitlich nicht in der Lage, in dieser Extremsituation die erhöhten Risiken der Realwirtschaft zu balancieren oder gar zu tragen.
Nirgendwo auf der Welt ist die Herzmuskelschwäche des Kapitalismus derart ausgeprägt wie in Europa. Beide Herzkammern flimmern. Die Regierungen sagen, sie retten die Wirtschaft und uns Beschäftigte, aber in Wahrheit retten sie erneut die Finanzwirtschaft, deren Eigenkapital schrumpft, deren Kreditbuch wackelt und deren Investoren sich auf der Flucht befinden. Das Banksystem ist nur noch ein Schatten seiner selbst, was aus Furcht vor der fatalen Wirkung dieser Wahrheit, öffentlich keiner zugeben mag.

► Der Aktienkurs der Deutschen Bank fiel seit dem Jahreshöchststand Mitte Februar noch einmal um rund 45 Prozent und bewegt sich derzeit bei 5,65 Euro. In ihren besten Zeiten – der Vorstandschef hiess Josef Ackermann – war das Wertpapier aus Frankfurt 118 Euro wert. Damals feierten Kanzlerin und Bankchef noch im Kanzleramt Ackermanns 60. Geburtstag als intimes Fest einer symbiotischen Beziehung von Staat und Finanzsektor.

► Die Commerzbank verlor seit ihrem bisherigen Jahreshoch am 20. Februar 54 Prozent ihres Börsenwertes. Nach einer Analystenbefragung von Bloomberg dürfte die Bank in diesem Jahr etwa 1,4 Milliarden Euro an Rückstellungen für Kreditausfälle bilden. Die Bank hat rund drei Viertel ihrer Kredite an mittelständische Unternehmen vergeben. Die Analysten von Fitch sprachen von "Konzentrationsrisiken". Die Insiderplattform Finanz-Szene.de schreibt: "Auf die Q1-Zahlen darf man sehr gespannt sein. Womöglich muss man sich gar ein wenig fürchten."

► Bergab geht es auch für Europas grösstes Geldhaus, die britische HSBC. Seit Mitte Februar fiel der Börsenkurs um 36 Prozent, am Handelsplatz Xetra wurde das Papier gestern nur noch mit 4,54 Euro gehandelt. Die Bank, die den grössten Teil ihres Umsatzes in Asien macht, kündigte "negative Auswirkungen" an. Sie rechnet im ersten Quartal mit Verlusten bis zu einer halben Milliarde US-Dollar. Und auch das dürfte nur die Preview auf das kommende Elend sein.

► Italien bildet das Epizentrum des europäischen Bankenbebens. In den Bankbilanzen gifteln faule Kredite. Das Eigenkapital schmilzt wie das Stracciatella-Eis in der Frühlingssonne. Die Aktienkurse aller italienischen Banken haben seit Jahresbeginn die Hälfte ihres Wertes verloren.
► Selbst die grosse Unicredit ist abhängig von den Stützungskäufen der EZB und kann sich am Markt nicht mehr refinanzieren. Das Geldhaus gab bekannt, im ersten Quartal zusätzlich 900 Millionen Euro für Rückstellungen gegen Kreditausfälle zu bilden. Im Vorjahresquartal hatte die Bank 468 Millionen Euro zurückgestellt.

► Nach der Pleite der Regionalbanken Banca Carige 2018 und der Banca Popolare di Bari 2019 rechnen Experten mit weiteren Insolvenzen: "Es sind einfach zu viele Banken ohne Geschäftsmodell", sagt Professor Hans-Peter Burghof, Bankenexperte an der Uni Hohenheim. Er warnt deshalb vor Coronabonds:

"Es wäre geradezu albtraumhaft, einem Staat unbegrenzt Geld zu geben, der sein eigenes Bankensystem nicht aufgeräumt hat."

Fazit: Der Staat bekämpft mit hohen Milliardenbeträgen scheinbar eine Pandemie. In Wahrheit aber springt er ein für ein dysfunktional gewordenes Banksystem. Jene Branche, die sich gern als "risk taker" bezeichnet, ist selbst zum Risiko geworden.
Wer von Krise spricht, will betrügen. In Wahrheit erleben wir den Untergang des klassischen Geschäftsmodells. So wie Schallplatte, Schnurtelefon und Papierzeitung verabschiedet sich das tradierte Bankgeschäft mit Filiale, Bankdirektor und Zigarrenlounge aus dem Leben der Volkswirtschaften. Corona hat diesen Sachverhalt nicht verursacht, nur sichtbar gemacht. Oder um es mit Bill Gates zu sagen: "Banking wird gebraucht. Banken nicht."

Festival des Surrealismus

Die neue Normalität wirkt wie ein Festival des Surrealismus. Der Sparer zahlt für seine Sparsamkeit einen Strafzins. Am Ölmarkt bekommt man Geld geschenkt, wenn man das schwarze Gold aus den übervollen Depots bezieht. Die Bundesrepublik zahlt den Käufern ihrer Staatsanleihe keinen Zins, sondern verlangt eine Verwahrgebühr.

Über all dieses spreche ich im Morning Briefing Podcast mit einem der renommiertesten deutschen Ökonomen: Professor Thomas Mayer, ehemals Chefvolkswirt der Deutschen Bank, davor bei Goldman Sachs, Salomon Brothers, dem Internationalen Währungsfonds, und mittlerweile Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute. Er sagt:

"Die Zentralbanken haben den Markt voll im Griff."

"Die Zentralbanken verknappen durch ihre massiven Käufe von Anleihen das Angebot für den freien Markt. Hier sind die Preise – und damit auch die Kehrseite der Preise, die Zinsen – stark manipuliert."


Dass die EZB gestern Abend beschlossen hat, nun auch Junkbonds, also sogenannte Schrottanleihen, als Einlage der Geschäftsbanken zu akzeptieren, um so für neue Liquidität zu sorgen, dürfte laut Mayer kurzfristig für Stabilität sorgen – langfristig aber massive Probleme verursachen:

"Die grosse Frage ist: Wie geht man dann später damit um? Denn was jetzt fragwürdige Kredite sind, die möglicherweise in der Zukunft gar nicht mehr zurückbezahlt werden können, die landen jetzt in der Bilanz der Zentralbank.​​​​​"

Anders als zu Zeiten der Finanzkrise, als Staaten und Notenbanken ebenfalls Geld in die Märkte pumpten und so vor allem die Preisentwicklung in den Aktien- und Immobilienmärkten trieben, erwartet Mayer diesmal keine Inflationierung der Vermögenswerte, sondern der Verbraucherpreise:

"Die Staaten geben das Geld an Leute, die momentan keine Einkommen erzielen können aufgrund des Lockdowns. Da wird sich das Geld zum Teil aufstauen, denn man kann ja nicht allzu viel damit machen, solange die Geschäfte geschlossen sind. Aber irgendwann werden die Leute dieses Geld ausgeben, und nicht notwendigerweise davon Immobilien oder Aktien kaufen, sondern Konsumgüter. Deshalb denke ich, dass dieses Mal die Geldschöpfung in die Konsumentenpreise gehen wird."

Mayers Befürchtung ist, dass es zu einer Geldentladung kommt, die von den Zentralbanken nicht mehr kontrolliert werden kann:

"Die Inflation funktioniert wie eine Ketchupflasche: Sie drehen die Flasche um und hauen drauf, erst kommt nichts und auf einmal die halbe Flasche. Momentan hauen die Notenbanken gewaltig auf die Flasche."

Die Fiskalpolitik der Bundesregierung, die nach Jahren der Schuldentilgung nun aus vollen Rohren feuert, hält Mayer für "riskant", aber "notwendig". Hätten sich alle Länder vor der Pandemie fiskalisch diszipliniert verhalten, bestünde nun mehr Spielraum.

"Die Bundesrepublik hat jetzt den nötigen Spielraum."

Dass sich Deutschland gegen die Vergemeinschaftung von Schulden durch sogenannte Eurobonds wehrt, hält er für richtig:

"Wenn wir jetzt diese Schulden vergemeinschaften, dann kommen wir in eine Situation, in der die Parlamente nicht mehr die Hoheit besitzen über die Staatshaushalte. Da entscheiden dann andere, was mit deutschen Steuergeldern passiert. Das bedeutet letztendlich eine Gefahr für die Demokratie."


Fazit: Prof. Mayer ist kein Apokalyptiker, nur Realist. Er beschreibt eine historische Ausnahmesituation, die auf Entladung drängt. Aus der Nähe betrachtet erinnert das Geldsystem an ein Kartenhaus.

Regierung mit Lagerkoller

Die Coronakrise führt nun auch in der Regierung zum Lagerkoller. Beim Koalitionsausschuss heute Nacht im Kanzleramt zeigten sich in der Corona-Bekämpfung sichtbare Risse.

Die SPD preschte unabgestimmt mit dem Vorschlag vor, das Kurzarbeitergeld von bisher 60 Prozent (67 Prozent bei Arbeitnehmern mit Kindern) auf 80 Prozent hochzusetzen, der Wirtschaftsflügel der CDU tobt. Kosten: etwa fünf Milliarden zusätzlich. CDU-Mittelstandspolitiker Carsten Linnemann kommentierte bei "n-tv":

"Irgendwann ist das Geld aus!"

Die CSU ist mit einer eigenen Idee ins Kanzleramt gekommen. Sie will den für die bayerische Wirtschaft bedeutenden Hotel- und Gaststätten mit einem ermässigten Mehrwertsteuersatz unter die Arme greifen. Erinnerungen an die "Mövenpick-Steuer" nach der Finanzkrise 2009 werden wach. Die FDP-Idee wurde damals nach hitziger Debatte beerdigt.

Und wie entscheidet die Kanzlerin? Angela Merkel setzt auf das für den Koalitionsfrieden billige und für den Steuerzahler teure Prinzip: Jeder bekommt was. So soll das Kurzarbeitergeld für kinderlose Beschäftigte auf bis zu 80 Prozent und für Beschäftigte mit Kindern sogar auf 87 Prozent erhöht werden. Die Hotellerie- und Gaststättenbranche muss vorübergehend nur noch 7 statt 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen. Unterm Kanzleramt steht offenbar ein Dukatenesel.

Keine Staatshilfen bei Dividendenausschüttung

Bei den umstrittenen Dividendenzahlungen für Unternehmen, die Staatshilfe bekommen, waren sich Union und SPD Teilnehmern zufolge indes einig: Sie sollen verhindert werden.
Was der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Heilmann sowie SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider ins Spiel gebracht haben, solle umgesetzt werden: ein Verbot von Dividendenzahlungen bei Unternehmen, die Hilfszahlungen vom Staat angenommen haben.
Nun wird im Bundesministerium der Finanzen geprüft, wie Unternehmen sogar rückwirkend per Stichtagsregelung Hilfsgelder entzogen werden können, wenn ein Konzern beispielsweise im Mai üppige Dividenden an die Eigentümer ausschüttet.
Fazit: Die Vernunft setzt sich durch.

Erstens: Die Staats- und Regierungschefs der EU beraten heute per Videoschalte über den europäischen Fahrplan für die schrittweise Aufhebung der Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Der Fahrplan wurde von der Kommission in Zusammenarbeit mit dem Ratspräsidenten Charles Michel erarbeitet.
Zweitens: Das US-Arbeitsministerium veröffentlicht heute die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der Woche bis einschliesslich 18. April. Experten rechnen wegen der Coronakrise erneut mit einer hohen Anzahl der Erstanträge. Seit Mitte März haben bereits rund 22 Millionen Menschen erstmals Arbeitslosenhilfe beantragt – so viele wie nie zuvor in so kurzer Zeit.
Drittens: Die Wirtschaftsminister der Bundesländer beraten heute über die Soforthilfen für durch die Coronakrise in Not geratene Solo-Selbstständige. Zu der Schaltkonferenz wurde auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier eingeladen.
Viertens: Nach rund einem Monat massiver Eingriffe in Bürger- und Freiheitsrechte gibt Kanzlerin Angela Merkel heute im Bundestag eine Regierungserklärung zum Vorgehen der Grossen Koalition ab. Im Anschluss an ihre Rede ist eine anderthalbstündige Debatte vorgesehen. Die Opposition muss zeigen, dass sie noch lebt.

Fünftens: Beim Autobauer Volkswagen läuft heute nach mehr als fünf Wochen Corona-Stillstand die Fahrzeugproduktion langsam wieder an. Den Anfang macht das Werk im sächsischen Zwickau, wo seit November mit dem ID3 der vollelektrische Hoffnungsträger des Konzerns gebaut wird. Zeitgleich soll das Motorenwerk Chemnitz schrittweise wieder hochgefahren werden. Die Gläserne Manufaktur in Dresden folgt am kommenden Montag, ebenso wie die Werke in Wolfsburg, Emden und Hannover.

Podcast "Der achte Tag"

In der neuen Folge der Podcast-Serie "Der achte Tag" ist Verena Pausder zu hören. Die Expertin für digitale Schulbildung, Gründerin der Bildungsplattformen "Haba-Digitalwerkstatt" und "Fox & Sheep" sieht in der Coronakrise eine Chance, jetzt überfällige Bildungsreformen anzupacken. Sie sagt:

"Corona ist die effektivste flächendeckende Fortbildungsmassnahme, die unser Schulsystem je erlebt hat. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich wäre uns das Virus lieber erspart geblieben, aber unter den gegebenen Umständen hat es eine Energie in unser Schulsystem gebracht, die niemand für möglich gehalten hätte."

Vor 15 Jahren - das erste Video auf Youtube

Heute vor 15 Jahren lud ein junger Mann zum ersten Mal ein Video auf eine Plattform, die den Bewegtbildmarkt revolutionieren sollte: YouTube. Das allererste YouTube-Video, nur 18 Sekunden lang, zeigt ihn, YouTube-Gründer Jawed Karim, im Zoo von San Diego, wie er vor einem Elefantengehege steht.

In die Kamera sagt er nicht mehr, als dass er den Rüssel des Dickhäuters cool findet. Aus der kleinen Abspielfläche für verwackelte Videos im Internet ist ein Milliardengeschäft geworden.

Schon 2006 verleibte sich Google YouTube für 1,6 Milliarden US-Dollar ein. Mittlerweile werden jede Minute 400 Stunden neues Videomaterial hochgeladen. 2019 setzte die Plattform allein mit Werbung über 15 Milliarden US-Dollar um und war eine der meist heruntergeladenen Smartphone-Apps.

Die zehn der bislang meistgeklickten Videos sind allesamt Musikclips, der meist abgerufene ("Despacito") zählt mehr als 6,7 Milliarden Abrufe. Das traditionelle Musikfernsehen ist längst abgelöst. Stars wie Justin Bieber (siehe Foto) werden nicht mehr in Castingshows entdeckt, sondern in ihrem Kinderzimmer. Als Zwölfjähriger trällerte er hier selbstbewusst seinen ersten Song und begründete seinen Weltruhm. Sein Motto: Love yourself!
Ich wünsche Ihnen ebenfalls einen selbstbewussten Start in diesen Tag. Herzlichst grüsst Sie Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.