"The Pioneer Briefing" - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: das Signal der französischen Präsidentschaftswahl.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

das war eine Wahlnacht, die in Europas Hauptstädten bis in den heutigen Morgen hinein wie ein starkes Beruhigungsmittel wirkt. Zum zweiten Mal hat die Rechtspopulistin Marine Le Pen in einer Stichwahl verloren. Zum zweiten Mal hat Emmanuel Macron, diesmal als Titelverteidiger und Hausherr des Élysée-Palastes, gewonnen.

Das Signal von Paris hat mehrere Bedeutungen:

  • Die westliche Front gegen Putin steht. Die Nato-Politik gegenüber Russland – auch wenn sie nicht auf dem Wahlzettel stand – darf als bestätigt gelten. Der Kreml hat gestern Abend eine Niederlage einstecken müssen.
  • Der Euro muss nicht um seine Zukunft bangen, er braucht heute morgen weder abstürzen noch bröckeln. Das Kernland der gemeinsamen Währung bleibt an Bord. Die Finanzmärkte lieben diese Stabilität, die von Paris über Frankreich bis nach London und an die Wall Street strahlt.
  • Auch der Brüsseler Hofstaat atmet auf, denn seine im Wesentlichen von Frankreich inspirierte Schuldenpolitik – erstmals entstand im Zuge der Corona-Pandemie eine eigenständige Kreditermächtigung der Gemeinschaft – wurde von den Wählern goutiert.
  • Die europaweiten populistischen Strömungen, die im Gefolge der Pandemie und des Ukraine-Krieges bereits an Rückenwind verloren hatten, erfahren aus Frankreich erneut einen Dämpfer. Ernste Zeiten sind – anders als im Europa der 20er-Jahre des vorherigen Jahrhunderts – offenbar keine guten Zeiten für Zuspitzer, Vereinfacher und politische Gaukler jeglicher Couleur.

Das Fazit

Die europäische Idee, die Macron von Anfang an ins Zentrum seiner Kandidatur stellte, hat diesen Wahlsieg mit errungen. Sie ist nicht nur mehrheitsfähig, sondern taugt auch zu Begeisterung. Das ist die grosse Nachricht jenseits der Prozentpunkte.
Den Zerfall der EU in die Egoismen der Nationalstaaten muss jetzt niemand mehr fürchten. Die multiplen Krisen der vergangenen Jahrzehnte – von der Finanzkrise bis zur Pandemie – haben die Nationalstaaten näher zueinander gerückt. Der Krieg in der Ukraine schliesslich hat den Kontinent zusammengeschweisst. Diese Schweissnaht allerdings ist aus Blut gemacht.

Ich wünsche Ihnen ein zuversichtlichen Start in diese neue Woche.
Es grüsst Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart


"The Pioneer Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.