Bei den Parlamentswahlen in Kanada kämpft Justin Trudeau um eine zweite Amtszeit. Das Rennen gegen den Konservativen Andrew Scheer ist knapp. Im Mittelpunkt steht das Klima - und das Image des Premiers.

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Es kommt nicht mehr oft vor, dass sich Barack Obama zu tagespolitischen Themen äussert. Mehr als eineinhalb Jahre pflegte der Ex-Präsident eine Tradition und liess das Wirken seines Nachfolgers unkommentiert. Mit dem Herannahen der Midterm-Wahlen in den USA im vergangenen Herbst brach er schliesslich damit: Obama kritisierte Donald Trump - und machte Wahlkampf für die Demokraten.

Ziemlich genau ein Jahr später hat sich der frühere US-Präsident erneut zu einem Wahlkampf geäussert. Während seiner Zeit im Weissen Haus sei er stolz darauf gewesen, mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau zusammenzuarbeiten, twitterte Obama wenige Tage vor den Wahlen zum kanadischen Unterhaus am Montag.

Trudeau packe "grosse Themen wie den Klimawandel" an. "Die Welt braucht jetzt seine progressiven Führungsqualitäten, und ich hoffe, dass unsere Nachbarn im Norden ihm die Unterstützung für eine weitere Amtszeit geben werden."

Scheer nennt Trudeau "Klimaheuchler"

26 Millionen Berechtigte in sechs Zeitzonen sind zur Wahl des kanadischen Parlaments aufgerufen. International mag Trudeau Kanada in seiner ersten Amtszeit als Klimavorreiter positioniert haben. Im Wahlkampf zu Hause aber ist er bei dem Thema Angriffen von rechts wie von links ausgesetzt.

Da ist zunächst sein konservativer Herausforderer Andrew Scheer. Der nannte Trudeau jüngst einen "high-carbon hypocrite" (frei übersetzt: einen "Klimaheuchler"). Grund dafür: Der liberale Premier und dessen Team bestritten ihre Wahlkampftermine mithilfe zweier Flugzeuge.

Sollte er Premierminister werden, sagt Scheer, wolle er mit höchster Priorität Trudeaus Klimapolitik zurückfahren. Dabei plant er vor allem die Abschaffung einer Untergrenze beim CO2-Preis, auf die Trudeaus Regierung in Ottawa diejenigen Provinzen verpflichtet hat, die bis April keinen eigenen Plan zur Bepreisung von CO2 vorlegten. Dieser von der Bundesregierung vorgegebene Mindestpreis liegt derzeit bei 20 kanadischen Dollar pro Tonne und soll bis 2022 jährlich um zehn Dollar steigen.

Kanada droht Klimaziele zu verfehlen

Scheer will Trudeaus CO2-Steuer durch eine Reihe von Anreizen und Regulierungen ersetzen. Wenige Fachleute glauben aber, dass Kanada damit seinen Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen genügen würde - zumal Scheer einen "nationalen Energiekorridor" plant. Durch diesen sollen Öl und Gas aus Alberta und Scheers Heimatprovinz Saskatchewan an die Atlantik- und die Pazifikküste transportiert werden.

Scheers Vorhaben sollten ebensowenig wie Obamas Lob über eines hinwegtäuschen: Beim Thema Klima ist Trudeau viel mehr Realpolitiker als sein internationales Image vermuten lässt. Der Premier gab 4,5 Milliarden kanadische Dollar (umgerechnet etwa 3,4 Milliarden US-Dollar) für den Kauf einer Pipeline aus, welche die Ölsandfelder in Alberta mit der Westküste des Landes verbindet.

Auch unter Trudeaus Klimaplan würde Kanada die Ziele von Paris nach jetzigem Stand verfehlen. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn seine Regierung einen Wahlkampfvorschlag des Premiers umsetzt und zwei Milliarden neue Bäume pflanzt. Dennoch dürfte Trudeau mit der Untergrenze eine gute Basis geschaffen haben: Im Fall einer Wiederwahl könnte er den CO2-Mindestpreis über das Jahr 2022 hinaus weiter anheben.

"Was ist mit der Pipeline?"

Trotzdem macht die Klimapolitik des Regierungschefs ihn auch für Angriffe von links anfällig - und gefährdet seinen Rückhalt unter jungen Wählern. "Was ist mit der Pipeline?", riefen ihm Ende September junge Teilnehmer einer Klimademo zu, bei der Trudeau mitlief.

Umfragen zufolge ist die Unterstützung, die der Premier unter jungen Wählern erfährt, im Vergleich zum Wahlkampf 2015 deutlich zurückgegangen. Manche unter ihnen könnten ihre Stimme einer der Parteien links von Trudeaus Liberal Party geben: etwa den Grünen oder der New Democratic Party (NDP) mit ihrem charismatischen Chef Jagmeet Singh.

Andere junge Kanadier könnten der Wahl fernbleiben. "Wenn sie nicht aufkreuzen, könnte das die Lage sehr schnell verändern", warnte Anna Gainey in der "New York Times". Die frühere Parteichefin der Liberalen gilt als eine der Architektinnen hinter Trudeaus Aufstieg. Sie weist darauf hin, dass Menschen unter 35 inzwischen die grösste Wählergruppe im Land ausmachen.

Trudeaus Image als liberaler Musterknabe ist angekratzt

Die Arbeitslosigkeit in Kanada ist niedrig; die Wirtschaft wächst, wenn auch moderat. Es ist ein Verdienst der Regierung Trudeau, dass auch die Trump-Präsidentschaft daran nichts geändert hat - trotz persönlicher Attacken gegen den Premier und eines protektionistischen Wirtschaftskurses des US-Präsidenten. Das zeigt nicht zuletzt das Nafta-Nachfolgeabkommen USMCA.

Auch konnte Trudeau mit der Legalisierung von Marihuana und der Aufnahme von Flüchtlingen bei der linksliberalen Basis punkten. Sein Image als progressiver Musterknabe hat im Lauf seiner ersten Amtszeit dennoch beträchtlichen Schaden genommen. Das liegt nicht nur am Pipeline-Deal, sondern auch an zwei Skandalen:

In beiden Fällen entschuldigte sich der Premier. Sein Verhalten nährte dennoch die Heucheleivorwürfe seines konservativen Herausforderers Scheer. In Sachfragen hingegen sind die Unterschiede zwischen den beiden - von der Klimapolitik abgesehen - nicht gross. Der gläubige Katholik Scheer steht der gleichgeschlechtlichen Ehe skeptisch gegenüber, will an ihrer Legalität aber nichts ändern.

In Umfragen lagen Scheers Konservative und Trudeaus Liberale zuletzt gleichauf. Wegen des relativen Mehrheitswahlrechts halten Demoskopen es derzeit aber für wahrscheinlicher, dass die Liberalen mehr Parlamentssitze holen. Weil beide Parteien von der absoluten Mehrheit von 170 Sitzen weit entfernt scheinen, gilt die Bildung einer Minderheitsregierung als wahrscheinlich.  © SPIEGEL ONLINE

Justin Trudeau entschuldigt sich für rassistisches Foto

Kanadas Premier könnte im Wahlkampf über ein 18 Jahre altes Foto stolpern. Teaserbild: Sean Kilpatrick/The Canadian Press/AP/dpa