Die Grosse Koalition wurde nicht abgewählt, sie ist aber trotzdem passé – weil die Volksparteien die grossen Verlierer des Wahlabends sind. Die SPD zieht schon die Lehren, die CDU hat ein immer grösser werdendes Problem mit der Schwesterpartei.

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Wer nach den Verlierern dieses denkwürdigen Wahlabends suchte, musste sich nur eine Zahlenreihe anschauen: 77, 69, 57, 67, 54. Das sind die addierten Stimmanteile von Union und SPD bei den Bundestagswahlen von 2002 bis 2017. Der Trend zeigt trotz des Ausreissers 2013 ganz klar nach unten für die Volksparteien.

Während sich die Union noch nicht ganz sicher ist, wie gross die Wunden sind, die sie lecken muss, hat die SPD schon die ersten Konsequenzen gezogen.

Hier sind die wichtigsten Lehren für die Wahlverlierer.

1. Grosse Koalition ist Mist

Wenn man in 20 Jahren auf die Grosse Koalition zwischen 2013 und 2017 schaut, wird man sich auf den ersten Blick vielleicht wundern, warum die beiden beteiligten Parteien so deftige Verluste hinnehmen mussten.

Union und SPD haben Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet, die Arbeitslosigkeit gedrückt, und ganz nebenbei einige wichtige Gesetzesvorhaben beschlossen, siehe Mindestlohn.

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"Auf der Policy-Ebene hat das gut funktioniert, die Koalition hat sehr viele Themen abgearbeitet, vor allem Themen der SPD", sagt Michael Kolkmann von der Universität Halle-Wittenberg im Gespräch mit unserem Portal.

Der Politikwissenschaftler weist darauf hin, dass die Grosse Koalition in den Umfragen regelmässig zu den beliebtesten Optionen gehörte – tatsächlich fragte Forsa vor dem 24. September regelmässig die Koalitionspräferenzen ab, regelmässig war die Grosse Koalition die bevorzugte Variante der Mehrheit, mit jeweils deutlichem Vorsprung vor der Jamaika-Koalition, die sich nun abzeichnet.

Trotzdem kommt Kolkmann zu einem klaren Fazit: "Grosse Koalitionen tun den grossen Parteien nicht gut." Die Gründe liegen für ihn in der fehlenden Profilschärfe.

"Schauen Sie sich allein den Bundestag der letzten vier Jahre an, da hatten SPD und Union über 80 Prozent der Mandate, die Diskussionen waren langweilig, da hat kein Diskurs stattgefunden." Schon nach den Wahlen hatten Experten genau vor diesem Effekt gewarnt, der sich jetzt zeigte: Grosse Koalitionen sorgen für ein Erstarken an den Rändern.

"Es gibt bislang in Deutschland keine rechtspopulistische Partei im Bundestag", sagte etwa der Kieler Politologe Christian Martin im Oktober 2013 diesem Portal – und fügte hinzu: "Nach einer Zeit der Superkoalition könnte das sehr wohl anders aussehen."

2. ... Juniorpartner sein auch

Opposition ist Mist, das war einmal. 2004 hatte der damalige SPD-Chef Franz Müntefering die berühmte Parole ausgegeben, an die sich die Genossen auch hielten – bis zu diesem denkwürdigen Wahlsonntag.

Noch vor der ersten Prognose um 18 Uhr hatten die Parteigranden in einer internen Sitzung die Müntefering-Doktrin gekippt, als Erste verkündete Manuela Schwesig im ZDF den Gang in die Opposition.

Zwei Mal hatten die Sozialdemokraten den Juniorpartner der Union gegeben, zweimal hatten sie teuer dafür bezahlt. "Es ist die Erfahrung auch aus den Bundesländern: Der kleine Partner verliert immer", sagt Michael Kolkmann.

Die Zahlen bestätigen das: Seit 1990 verloren Juniorpartner 56 mal bei Bundestags- oder Landtagswahlen Stimmenanteile, nur 18 mal konnten sie dazugewinnen. Zuletzt gelang dieses Kunststück der FDP 2013 in Niedersachsen.

So viel Kritik die SPD schon von Union und FDP für ihren Verzicht auf Sondierungen einstecken musste - in diesem Licht erscheint der Schritt als pure Notwendigkeit.

Gleichzeitig könnte die Zeit in der Opposition der Partei die Gelegenheit geben, sich wieder zu sammeln, meint Michael Kolkmann. "Es wäre die Möglichkeit, vielleicht sogar ein neues Grundsatzprogramm zu erarbeiten."

3. Franz Josef Strauss bleibt aktuell

"Rechts von uns ist nur noch die Wand", das sagte der legendäre bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauss einst über die Position der CSU.

Angela Merkel und Horst Seehofer haben mehr als einmal um die Deutung dieses Spruchs gestritten, zuletzt 2016.

Angela Merkel sagte damals, dieser Anspruch könne mit einem zu hohen Preis belegt sein – wenn die Partei dafür ihre Überzeugungen aufgeben müsse. Strauss selbst hatte ja ergänzt: "Mit Narren und Extremisten wollen wir nichts zu tun haben."

Ohnehin unterstrich er mit seinem Diktum nur seine ständige Bereitschaft, das Bündnis mit der CDU aufzukündigen. Ein Drohmittel, mit dem auch Horst Seehofer gelegentlich kokettiert hat, zuletzt im Mai 2016.

Da sagte er, die CSU müsse notfalls einen eigenen Wahlkampf fahren – wenn die CDU in der Auseinandersetzung mit der AfD dem Kurs der CSU widerspreche.

Nach dem Wahlkampf, musste Horst Seehofer das miserable Ergebnis seiner Partei in Bayern erklären, nur 38,5 Prozent, zehn Prozentpunkte schlechter als 2013, so schlecht wie seit 1949 nicht.

"Wir haben eine offene Flanke auf der rechten Seite", sagte der CSU-Chef. Er wolle diese Flanke schliessen, "mit klarer Kante." Ein erwartbarer Schachzug, meint Michael Kolkmann. "Die Frage ist, ob die CDU folgt."

Davon hängt im Zweifel sogar die Jamaika-Koalition ab – ein Horst Seehofer, der sich mit Blick auf die Landtagswahl 2018 in seinem Bundesland in Berlin als Hardliner profilieren will, trifft dann auf die Grünen, die sich wohl kaum für Obergrenzen und ausufernde Grenzkontrollen begeistern lassen dürften.

Wieder einmal erweist sich die schwierige Beziehung der Schwesterparteien als zusätzlich Belastung im Bund für die Kanzlerin. Und Seehofers Satz, möglicherweise die Fraktionsgemeinschaft infrage zu stellen, macht alles nur noch schlimmer - auch wenn es nicht mehr als eine Drohung war.

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