Die Alternative für Deutschland zieht mit zwei Spitzenkandidaten in den Bundestagswahlkampf, die ein interessanter Widerspruch eint: Ihre Biografie machte es eigentlich unwahrscheinlich, dass sie ausgerechnet diese Partei einmal anführen würden.

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Draussen lärmten die Demonstranten gegen die Alternative für Deutschland, die im Kölner Maritim-Hotel ihren Parteitag abhielt. "Köln ist bunt" stand auf vielen Plakaten. Und drinnen redete eine Frau, die ein Role Model sein könnte für diese bunte Gesellschaft:

Alice Weidel, 38 Jahre alt, erfolgreiche Unternehmerin, lesbisch, zwei Söhne, die sie gemeinsam mit ihrer Partnerin grosszieht. Doch sie demonstrierte nicht gegen die AfD. Sie wird sie in den Bundestagswahlkampf 2017 führen, gemeinsam mit Alexander Gauland - in einem Spitzenduo der aussergewöhnlichen Art.

Gauland und Weidel spielen ihre Rollen

Schaut man sich an, wo beide herkommen, scheinen sie völlig fehl am Platz: Er zu fein für Stammtischparolen, sie zu modern für eine rückwärtsgewandte Partei. Aber beide haben sich entschieden, ihre Rolle zu spielen.

Der 76-jährige Alexander Gauland hat seinen Wandel schon hinter sich - oder, wie es ehemalige Weggefährten ausdrücken, seinen Ruf schon ruiniert. Spätestens mit seinem Kommentar über Jérôme Boateng, den "die Leute nicht als Nachbarn wollen", wie er im Mai 2016 sagte.

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Ein Missverständnis, behauptet Gauland. Selbst wenn das stimmen sollte: Kaum jemand nimmt es diesem Mann ab, der für seinen Aufstieg bei der AfD die feinen Zwischentöne aus seinem Repertoire gestrichen hat.

Früher verlegte der renommierte Suhrkamp-Verlag seine Miniaturen über den englischen Adel, heute wettert er auf Marktplätzen gegen die "Kanzler-Diktatorin". Vom Publizisten zum Populisten, so fasste die "Zeit" seinen Weg zusammen.

Gauland behauptet mit der ihm eigenen Mischung aus Starrsinn und professioneller Abgebrühtheit, er habe sich gar nicht geändert. Seine junge Kollegin Alice Weidel hat da schon mehr Probleme, ihren Spagat zwischen der eigenen Biografie und ihrer Parteiarbeit zu erklären.

Als Sandra Maischberger sie im März 2016 im Fernsehen unvermittelt als homosexuell outete, blieb sie äusserlich gefasst: "Es geht um die Trennung von Privatem und Politik", sagte sie, angesprochen auf die offensichtliche Diskrepanz zwischen ihrem Lebensentwurf und dem stockkonservativen Familienbild der AfD.

Weidel: aus China in die AfD

Eine Trennung, die eine Spitzenkandidatin kaum mehr geltend machen kann. Schweizer Zeitungen fanden heraus, dass die 38-Jährige nicht nur einen Wohnsitz in Überlingen am Bodensee hat – sondern auch in Biel in der Schweiz. Die AfD-Frontfrau, ein Steuerflüchtling? Weidel dementierte eilig.

Die Partei hatte sich sicher andere Schlagzeilen erhofft: Über die Weltgewandtheit einer erfolgreichen jungen Frau etwa, die Chinesisch und Japanisch spricht und Start-Ups berät.

Geboren wurde Alice Weidel 1979 in Gütersloh, in Bayreuth studierte sie Volks- und Betriebswirtschaft. Sie lebte sechs Jahre in China, promovierte über das dortige Rentensystem. Arbeitete für Goldman Sachs und Allianz Global Investment.

Abschiebequote, mehr Grenzschutz, raus aus dem Euro - wofür die Partei wirbt.

Den Weg in die AfD fand sie 2013 wie auch ihr Doktorvater Peter Oberender und viele andere Ökonomen über die Eurokrise. Als Vorsitzende des Partei-Fachausschusses "Euro und Währung" forderte sie ein Ende der Gemeinschaftswährung oder mindestens einen Ausschluss von schlingernden Staaten wie Griechenland, Spanien und Portugal.

Anders als viele andere Ökonomen blieb sie in der Partei, als Alexander Gauland und Frauke Petry den wirtschaftsliberalen Flügel um Bernd Lucke im Sommer 2015 kaltstellten – aus machtstrategischem Kalkül, wie sie bei "Markus Lanz" zugab: Luckes Nachfolgeprojekt Alfa sei schliesslich "nur eine Ein-Prozent-Partei".

Weidel selbst bezeichnet sich als Wirtschaftsliberale. Den Weg der Partei in den Rechtspopulismus gestaltete sie aber wesentlich mit, ab 2015 als Mitglied im Bundesvorstand und bis Januar 2016 als Leiterin der Bundesprogrammkommission. In Talkshows präsentierte sie sich als Islamkritikerin.

Ähnlich wie Frauke Petry nahm sie dem Rechtsaussen-Flügel die rhetorischen Rüpeleien aus taktischen Gründen übel, gemeinsam betrieben sie Anfang des Jahres den Parteiausschluss von Bernd Höcke.

Doch kaum war Weidel in Köln nach der Entmachtung von Petry zur ersten Frau in der Partei aufgestiegen, reichte sie Höcke die Hand: Sie würde gemeinsam mit ihm Wahlkampf machen. "Wir sind zwei Teile einer Partei."

Gauland: kauziger Konservativer

Sie hat sich arrangiert mit den Rechten. Das ist etwas, was alte Weggefährten auch von Alexander Gauland sagen. "Er lässt sich auf Leute ein, von denen er früher angewidert war", sagte der mittlerweile verstorbene SPD-Mann Klaus Ness einmal, der mit Gauland früher in Potsdam Literarische Salons organisierte.

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Da gab der "freundliche Scharfmacher" (Tagesspiegel) von heute noch die "Märkische Allgemeine Zeitung" heraus und beteiligte sich als konservativer, aber unangepasster Intellektueller an öffentlichen Debatten.

Die FAZ bezeichnete ihn einmal als "borussischen Konservativen", ein aus der Zeit gefallenes Etikett, das wunderbar auf diesen aus der Zeit gefallenen Mann passt, der am liebsten zuhause auf der Schreibmaschine schreibt, weil sich "der Computer bei mir nie durchgesetzt hat".

Geboren 1941 in Chemnitz als Sohn eines Polizeioberst, flieht er mit 18 in den Westen, weil er in der DDR keine Universität besuchen darf. Er studiert Jura in Marburg und wählt die Beamtenlaufbahn, die ihn nach Frankfurt führt. 1973 in die CDU eingetreten, wirkt er als rechte Hand von Walter Wallmann im Frankfurter Rathaus, in der hessischen Staatskanzlei und im Bundesumweltministerium.

Schon damals trägt er gerne Tweed-Jackets und fährt sogar im Mini durch die Gegend. Als Wallmann 1991 als hessischer Ministerpräsident abgewählt wird, verlegt sich Gauland aufs Schreiben. 2013 tritt er "unter Schmerzen" aus der CDU aus, die ihm unter Merkel nicht mehr konservativ genug ist.

Wer ihn kennt, hofft, er könne ein Garant sein gegen einen Rechtsruck in der neu entstehenden AfD. Doch mit der gewohnten Rolle im Hintergrund gibt er sich diesmal nicht zufrieden.

Er übernimmt den Landesverband in Brandenburg und zieht in den Landtag ein. Plötzlich entwickelt er eine Lust am Skandal, fordert Asylverbot für Muslime, den verhinderten Rassekundler Höcke nimmt er als "Nationalromantiker" in Schutz.

Dabei sei er selbst nie wirklich rechts gewesen, versichern Weggefährten. Aber er führt nun eine rechte Partei an. Er hat sich verändert, um Erfolg zu haben – und um gemeinsam mit Weidel Deutschland zu verändern.