Umfragen erzeugen Stimmung und Schlagzeilen. Doch nicht immer sind sie aussagekräftig. Ein Meinungsforscher erklärt die grossen Probleme mit Wahlumfragen – und sagt einen spannenden Wahltag für die Demoskopen voraus - vor allem wegen des Unsicherheitsfaktors AfD.

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Am 10. Oktober 2016 war Donald Trump politisch eigentlich erledigt. Das "Grab them by the pussy"-Video war aufgetaucht, die erste Welle von Umfragen war erschienen: Hillary Clinton führte mit über zehn Prozentpunkten Vorsprung.

"Donald Trump hat gerade die Präsidentschaftswahlen verloren", schrieb die einflussreiche US-Seite "Daily Beast". Sie hätten sich besser nicht auf die Umfragen verlassen.

Die Fehler der "Pollster" im US-Wahlkampf

Die "Pollster" hatten schwerwiegende Fehler gemacht. In den Tagen nach dem "Pussy"-Skandal versagten tatsächlich immer mehr Befragte Trump ihre Unterstützung – allerdings nur am Telefon. Online blieben die Werte gleich.

Die Institute zogen nicht den richtigen Schluss: Die Leute waren nämlich weiterhin entschlossen, "The Donald" zu wählen, es war ihnen nur peinlich, das im direkten Gespräch zuzugeben. Trump gewann die US-Wahl. Ein Schock für die Welt - und eine Blamage für die Umfragen-Branche.

Auch in Deutschland liegen Institute immer mal wieder daneben, zuletzt bei den Landtagswahlen 2016 in Sachsen-Anhalt, wo die AfD statt der vorhergesagten 18 fast 25 Prozent holte. Kann sich das bei den Bundestagswahlen wiederholen?

AfD als Unsicherheitsfaktor

Christoph Hofinger vom österreichischen Meinungsforschungsinstitut Sora sagt im Gespräch mit diesem Portal einen "spannenden Tag für die deutsche Demoskopie" voraus - weil einige Faktoren deren Arbeit erheblich erschwert haben.

Noch immer haben sich rund 25 Prozent nicht auf eine Partei festgelegt, eine "hohe Zahl", wie Hofinger erklärt. Dazu komme die "schwache Differenzierung zwischen den grossen Zentrumsparteien und die stark tabuisierte AfD".

Letzteres kann, siehe Donald Trump, dazu führen, dass Befragte sich nicht zu ihrer Wahl bekennen. So entstehen "Artefakte", wie es in der Forschung heisst, die Umfragen bilden die wirkliche Stimmungslage nicht ab.

Das grundsätzliche Problem von Umfragen

Die Forscher stehen vor einem grundsätzlichen Problem: Streng genommen erhalten sie mit ihren Daten keine Antwort auf die Frage, wie Deutschland abstimmen würde, wenn am Sonntag Wahlen wären; sondern auf die Frage, was ein paar hundert Wähler antworten, wenn man sie danach fragt. Das kann ein himmelweiter Unterschied sein.

Um trotzdem ein realistisches Stimmungsbild zu erhalten, müssen einige Kriterien erfüllt sein. Wichtig ist vor allem die Grösse der Stichprobe - wenn ein Institut nur 400 Menschen befragt, ist das zu wenig. "Das ist wertlos", sagt Christoph Hofinger von SORA. "Wir veröffentlichen nichts unter 700."

Die aktuelle Sonntagsfrage der Forschungsgruppe Wahlen etwa basiert auf Interviews mit 1383 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten. Die Schwankungsbreite liegt bei 2 bis 3 Prozentpunkten. Die Grünen werden mit 8 Prozent ausgewiesen – könnten also auch bei gut 5 oder knapp 11 Prozent landen.

Wer in Umfragen gefragt wird - und wie?

Für ein wirklichkeitsgetreues Abbild sollte die Umfrage auch möglichst zeitlich gestreut werden, erklärt Meinungsforscher Christoph Hofinger. Das heisst: Morgens und abends, werktags und möglichst auch am Wochenende. "Wenn eine Umfrage nur Montag und Dienstag gemacht wurde, da wäre ich sofort skeptisch."

Immer mehr Institute setzen zumindest ergänzend auf Onlinebefragungen, klassischerweise werden die Wähler lediglich angerufen – nicht nur auf Festnetz, sondern auch mobil, was aber zu neuen Problemen führt.

Das Problem der Erreichbarkeit

"Viele junge Frauen heben keine unbekannten Nummern ab", sagt Hofinger. "Die waren früher leicht zu gewinnen, jetzt muss man sich überlegen, ob man da hartnäckig bleibt oder vorab schon Kontakt knüpft."

Auch an Menschen, die nicht gut deutsch sprechen, kommen die Forscher schlecht heran. "Und Menschen mit geringer formaler Bildung fühlen sich häufig unwohl, Auskunft zu geben."

Noch nicht häufig, aber immer öfter treffen Hofinger und seine Kollegen auf Verschwörungstheoretiker. "Die denken, wir würden die Daten missbrauchen."

Das Problem der Gewichtung

Wenn der Datensatz vorliegt, wird er, wie es in der Fachsprache heisst, soziodemografischen gewichtet.

Die Stichprobe wird also mit der realen Struktur aller Wahlberechtigten abgeglichen und angepasst - wenn in einer Region der Anteil der Männer um den Faktor 1,2 höher liegt als in der Stichprobe, werden die Männer mit 1,2 gewichtet. Das ist üblich und unproblematisch.

Schwierig wird es, wenn es in die Interpretation geht, um die politische Gewichtung. Das ist vor allem nötig, wenn Wähler keine Angaben machen oder unentschlossen sind.

Das Problem mit den Unentschlossenen

Dann könnten die Forscher zum Beispiel die letzte Wahlentscheidung erfragen. Das ist nicht ohne Risiko, erklärt Hofinger. "Es gibt so viele Wahlen, gerade Wechselwähler wissen oft nicht mehr, wann sie wen gewählt haben."

Bei solch einem indirekten Schluss haben sich US-Pollster im Wahlkampf völlig vertan. Einige Institute haben unentschlossene Befragte zu Clinton gezählt, wenn sie angegeben hatten, Clinton als präsidiabel zu erachten und Trump nicht. Allerdings machten viele Wähler, die den Republikaner für völlig ungeeignet für das Amt hielten, trotzdem ihr Kreuz bei Trump.

Mit den Umfragen wird Politik gemacht – und Quote

Bei allen praktischen Problemen und Unwägbarkeiten erstaunt es, wie viel Bedeutung Umfragen in der Berichterstattung oft beigemessen wird. Der Meinungsforscher Michael Kunert von Infratest dimap wies vergangene Woche bei "Maischberger" fast flehentlich darauf hin, dass die Ergebnisse der Sonntagsfrage nur Stimmungsbilder ergeben, aber ausdrücklich nicht als Prognose gedacht sind.

Trotzdem wird mit den Zahlen Politik gemacht - und Quote. "Darüber zu berichten ist relativ spannend, einfach und verlangt weniger Recherche", sagt Christoph Hofinger. Relativierende Hinweise auf die Schwankungsbreite fallen da schon mal unter den Tisch.

Was Umfragen mit den Parteien und Wählern machen

Für die Politik erweisen sich die Umfragen ohnehin als zweischneidiges Schwert: Starke Umfragewerte lassen Politiker strahlen, könnten aber demobilisierend wirken, ein Rückstand dagegen könnte die Wahlkämpfer motivieren.

Oft wird der Vorwurf laut, Parteien – die ja auch interne Umfragen in Auftrag geben – würden frisierte Zahlen weitergeben. Doch so einfach ist es nicht, meint Hofinger: "Wenn die SPD jetzt sagt sie habe eine Umfrage, in der sie gleichauf liegt mit der CDU, würden alle sagen: Naja."

Für den Wähler haben Umfragen ungeachtet von Parteipolitik und Medienhype ihren Wert, glaubt der Meinungsforscher. "Es ist nicht völlig irrational, sich damit zu beschäftigen. Wähler wollen wissen, welche Chancen die Parteien haben und ob die Koalitionen zustande kommen könnte, die sie möchten."

Christoph Hofinger leitet das Meinungsforschungsinstitut SORA mit Sitz in Wien. Bei der Bundestagswahl 2013 erstellte SORA in Zusammenarbeit mit Forsa die Prognose und die Hochrechnung für RTL. In diesem Jahr liefert das Institut für die Nationalratswahl in Österreich die Daten für das ORF.