Nach dem Sieg des Mitte-Rechts-Lagers in Österreich mehren sich in der Union die Flirtversuche mit Sebastian Kurz. Ein riskantes Manöver - nicht nur für die Jamaika-Verhandlungen.

Die beiden grössten Fans von Österreichs Wahlgewinner Sebastian Kurz brauchen für ihr Statement kein Mikrofon: Nach den Sitzungen der CDU-Führung mit Angela Merkel zur Niederlage in Niedersachsen und zum Erfolg des ÖVP-Jungstars stecken Jens Spahn und Paul Ziemiak am Montag an der Balustrade im ersten Stock der Parteizentrale demonstrativ die Köpfe zusammen.

So lange, bis es auch der letzte mitbekommen hat. Die beiden sind Nachwuchshoffnungen der Konservativen in der CDU - und Merkel-Kritiker.

Soviel Vertrautheit zwischen dem ehrgeizige Finanzstaatssekretär Spahn und Junge-Union-Chef Ziemiak soll Merkel natürlich signalisieren, auf welcher Seite beide stehen: eher bei Kurz, der mit markigen Anti-Migranten-Sprüchen im Wahlkampf punkten wollte.

Und weniger bei Merkel, deren Flüchtlingspolitik nicht nur der CSU, sondern auch vielen in der CDU als wahre Ursache für die Schlappe bei der Bundestagswahl gilt.

Spahn hatte noch in der Nacht direkt von der ÖVP-Siegesfeier in Wien ein Foto getwittert. Es zeigt ihn strahlend an der Seite von Kurz.


Und auch Ziemiak twittert ein Foto von sich, gutgelaunt zusammen mit dem Österreicher.


Merkel distanziert sich vom Kurz-Kurs

Merkel selbst lässt sich dann auf eine Art Spagat mit Lob und deutlicher Distanz ein - wohl wissend um die Kurz-Fans in den eigenen Reihen.

Sie habe dem ÖVP-Chef bereits am Sonntagabend dazu gratuliert, dass dessen Partei nach vielen Jahren wieder stärkste Kraft geworden sei.

Nun mal langsam mit der Euphorie über Kurz, soll das wohl heissen: Sie selbst geht ja schliesslich mit CDU und CSU als stärkster Kraft schon in die vierte Kanzlerschaft.

Der Wahlausgang im Nachbarland sei beileibe kein Zeichen dafür, "dass man die Probleme schon gelöst hat, wenn man es so macht wie in Österreich", schränkt Merkel weiter ein.

"Ich finde die politische Zusammensetzung jetzt nicht so, dass ich sie mir für Deutschland als nachahmenswert vorstelle", sagt sie angesichts der 26 Prozent für die rechtspopulistische FPÖ.

Im Vergleich dazu seien die 12,6 AfD-Prozent bei der Bundestagswahl noch eine "überschaubare" Herausforderung.

Auf europäischer Bühne werde sie mit Kurz "hoffentlich gut miteinander zusammenarbeiten", wünscht sich Merkel nüchtern - und hat sicher im Hinterkopf, dass der bisherige Wiener Aussenminister einer ihrer stärksten Widersacher in der Flüchtlingspolitik war.

Österreich als Vorbild

Doch die Flirtversuche mit Kurz kommen nicht nur vom CDU-Nachwuchs: Auch aus der CSU gibt es Lobhudeleien für Kurz.

Der mächtig unter Druck stehende CSU-Chef Horst Seehofer verbindet nach einer Sitzung der Parteispitze in München die Gratulation an den Österreicher quasi mit einem Schulterschluss: "Ich denke, das wird uns aus Bayern heraus auch ermöglichen, das wir mit unserem Nachbarn mehr inhaltliche Schnittmengen und Gemeinsamkeiten haben werden, nicht nur in der Zuwanderungsfrage, sondern auch in den europäischen Fragen." Merkel wird sich da jetzt schon bedanken.

Noch deutlicher als Seehofer sind andere CSU-Granden. Generalsekretär Andreas Scheuer schwärmt: "Wir brauchen einen Kanzler Sebastian Kurz als Verbündeten Bayerns und Deutschlands", um statt "mehr Europa, mehr Träumereien" handwerklich gute Politik zu machen.

Auch der Chef der Berliner CSU-Landesgruppe und Jamaika-Skeptiker Alexander Dobrindt sieht in Wien ein Vorbild: "Das ist ein Auftrag, auch gerade für die beiden Unionsparteien in Deutschland, das politische Spektrum von der Mitte bis zur demokratischen Rechten abzubilden."

Zur Wahrheit gehört aber auch: Schon lange vor der Österreich-Wahl hat sich die CSU um ein gutes Verhältnis zu Kurz bemüht.

Beim Parteitag im November war Kurz zuletzt in München zu Gast, wurde von Scheuer als "unser Freund Sebastian" gefeiert. Es war jener Parteitag, zu dem Merkel nicht eingeladen war.

Je nach Verlauf der Jamaika-Gespräche und seinem Schicksal in der CSU steht für Seehofer noch in diesem Jahr ein Kurztrip nach Wien auf der Liste - ein Besuch beim erfolgreichen ÖVP-ler Kurz dürfte den Besuch für ihn noch reizvoller machen.

Immerhin hat Seehofer mit Kurz einen Gesprächspartner, mit dem es in der Zuwanderungspolitik und bei der EU-Grenzsicherung sehr viele Überschneidungen gibt.

Dem CSU-Chef könnte der Umweg über Wien in der eigenen Krise helfen. Denn schon in einem Jahr steht in Bayern die Landtagswahl an, dann geht es für die CSU um die Verteidigung der absoluten Mehrheit.

Jamaika-Koalition: Schweres Stück Arbeit statt Reggae und Bob Marley

Doch erstmal muss Seehofer in den Jamaika-Runden aus seiner Sicht soviel Mitte-Rechts-Politik wie möglich durchsetzen.

Beides finde sich schon im gemeinsamen Regierungsprogramm mit der CDU, betont er am Montag. Man müsse es nur "viel stärker zum Ausdruck bringen".

Die Bevölkerung erwarte einfach, dass das gemacht werde. "Das wissen alle Beteiligte", signalisiert der CSU-Boss Richtung Merkel.

Davor hatte Generalsekretär Scheuer vor zu grossen Erwartungen gewarnt: Der erste Ausflug nach Jamaika werde "nicht geprägt sein von Reggae und Bob Marley und irgendeinem lässigen Style, sondern Jamaika wird ein sehr schweres Stück Arbeit".

Merkel gibt sich angesichts von soviel Erwartung mal wieder pragmatisch. Die Jamaika-Verhandlungen mit FDP und Grünen seien jedenfalls weder durch die Wahlniederlage in Niedersachsen noch durch Österreich belastet.

Und ja: Nach der Bundestagswahl gebe es in der Union einiges zu analysieren, das habe sie ja schon angekündigt. "Aber in diese Sondierungsgespräche gehe ich sehr selbstbewusst mit meinen Freunden aus CDU und CSU."

Den "Freunden" von der kleinen Schwesterpartei schreibt Merkel gleich noch ins Stammbuch, wovon sie gar nichts hält: Sie wolle nicht mit "roten Linien" in die Gespräche gehen.

Sondern "wir sagen einfach mal positiv: Was wollen wir gestalten." "Ausreichend Konflikte" werde es sowieso geben, sagt die Kanzlerin. "Da macht sich keiner Illusionen darüber." Das dürfte nicht nur an FDP und Grüne gerichtet sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz nach dessen Wahlsieg in Österreich. Die Wahlschlappe ihrere CDU in Niedersachsen sieht Merkel hingegen nicht als Schwächung.


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