Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Welche neun Dinge Sie unbedingt über die US-Wahl wissen sollten.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen und liebe Leser,

unsere Augen richten sich heute auf die USA. Das sind die neun Dinge, von denen ich denke, dass man sie zur US-Wahl wissen sollte:

1. Der Wahltag ist nicht der Wahltag

Offiziell öffnen nachher um 12.00 Uhr unserer Zeit die Wahllokale, zuerst in den Bundesstaaten Indiana und Kentucky. Aber: Laut den Universitäten von Florida und Kalifornien haben bereits rund 94 Millionen Amerikaner gewählt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt die Wahlbeteiligung in einigen Bundesstaaten höher als bei der Gesamtwahl vor vier Jahren.

2. Diese Wahlen könnte Trump versuchen, dem Volk zu stehlen

Präsident Donald Trump hat gegen das Briefwahl-Verfahren massive Vorbehalte angemeldet; er nennt sie schon vorsorglich die "betrügerischste Wahl der Geschichte". Er und seine Gefolgsleute denken halböffentlich darüber nach, die Briefwahl wegen ihrer Fehleranfälligkeit anfechten zu lassen. Laut dem Nachrichtenportal Axios hat Trump im Beisein von Vertrauten erwogen, sich noch vor Bekanntgabe des Endergebnis zum Sieger erklären zu wollen.

3. Das Wahlmännersystem macht es möglich zu gewinnen, auch wenn man eigentlich verloren hat

Die US-Bürger wählen ihren Präsidenten nicht direkt, sondern bestimmen ein "Electoral College" bestehend aus 538 Wahlleuten, die 41 Tage nach der Wahl in geheimer Abstimmung zusammenkommen. Je nach Grösse des Bundesstaates kann die Zahl der Wahlmänner und -frauen zwischen drei (Delaware) und 55 (Kalifornien) variieren.

Holt ein Kandidat die Mehrheit der Stimmen in einem Bundesstaat, gehören ihm alle Wahlleute, die dort aufgestellt wurden. Welcher Kandidat 270 von ihnen hinter sich versammelt, hat die Wahl gewonnen. Das bedeutet: Auch ein Kandidat, der landesweit weniger Stimmen gesammelt hat, kann gewinnen, wenn er die richtigen Bundesstaaten gewinnt. Die Tücken eines The-Winner-Takes-it-All-Systems hat Hillary Clinton erfahren: Sie holte 2,87 Millionen mehr Stimmen, aber 77 weniger Wahlmänner. Trump wurde Präsident.

4. Pennsylvania könnte diese Wahl entscheiden

Kein anderer Staat erscheint 2020 in solch grellem Rampenlicht wie Pennsylvania im Nordosten der USA. Das zeigen allein die Reisepläne von Trump und Biden, die ihren Wahlkampfendspurt jeweils auf diesen Bundesstaat konzentriert hatten. In dem Staat, der einem Paralleluniversum gleicht, weil verarmte Landflächen nahtlos an linksliberale Metropolen wie Pittsburgh und Philadelphia grenzen, könnte es gleich aus zwei Gründen spannend werden.

Zum einen haben in Pennsylvania weniger Wähler von der vorzeitigen Stimmabgabe Gebrauch gemacht als in anderen Staaten - entsprechend war auf den letzten Metern des Wahlkampfes noch einiges zu holen. Zum Zweiten prophezeien die Demoskopen dort ein knappes Rennen. Wer Pennsylvania gewinnt, gewinnt womöglich das Weisse Haus.

5. Der Nachteil in den Umfragen hinten zu liegen, ist ein Vorteil

Zwar liegt Joe Biden in den aktuellen Umfragen, sowohl auf Bundesebene als auch in den meisten Swing-States, vor dem Präsidenten. Doch transformierte Trump gerade diesen Effekt des Unterlegenen bei der vergangenen Wahl in einen knappen Sieg gegen Hillary Clinton.

6. Warum die Medien Biden bevorzugen und damit Trump nutzen

Die Medien führen Wahlkampf gegen Trump. So hat das renommierte "Scientific Magazine” erstmals in seiner 175-jährigen Geschichte eine Wahlempfehlung abgegeben - für Biden. Auch der britische "Economist" verwandelte seine Titelseite in einen Werbeposter für den demokratischen Kandidaten. Washington Post, New York Times und CNN berichten ohnehin liebevoll über die Demokraten. Trump entwickelt aus dieser Tatsache das Narrativ des Underdogs, den "das Establishment” und eine gut organisierte "Fake-News-Media" verhindern wollten.

7. Warum diese Wahl mutmasslich von Gerichten entschieden werden muss

In den vergangenen Wochen hat die Trump-Kampagne mehrfach den Rechtsweg bemüht, um gegen die Wahlabläufe in einzelnen Bundesstaaten zu klagen. Möglicherweise wird Trump bei einer sich andeutenden Niederlage die weitere Stimmauszählung stoppen und dabei auf die Unterstützung einiger republikanischer Gouverneure hoffen. Dagegen würde Biden vermutlich vor Gericht klagen. Zuständig wären dann zwar die bundesstaatlichen Gerichte. Der Supreme Court, der seit wenigen Tagen wieder eine konservative Mehrheit hat, könnte allerdings jede Entscheidung überprüfen und sogar revidieren - wie bei der Wahl zwischen George W. Bush und Al Gore im Jahr 2000.

8. Der Dienstags-Wahltag nutzt Trump

Die Amerikaner wählen ihren Präsidenten seit dem Jahr 1845 an einem Dienstag im Winter. Der Grund: Im landwirtschaftlich geprägten Amerika des 19. Jahrhunderts waren Frühling, Sommer und Herbst für die Arbeit auf den Feldern reserviert. Ein Sonntag schied wegen des Gottesdienstes aus und weil die Anreise zum nächsten Wahllokal manchmal Tage dauern konnte, fiel der Montag gleich mit weg.

Im heutigen Amerika, wo viele einfache Bürger mit Zweit- und Drittjob leben müssen, ist der Dienstag für Millionen denkbar schlecht geeignet, sich vorm Wahllokal anzustellen. Viele müssen arbeiten, können deshalb nicht wählen: Demokraten eher als Republikaner.

9. Der grosse Unsicherheitsfaktor dieser Wahl heisst: Kamala Harris

Auf den ersten Blick scheint sie Bidens ideales Pendant zu sein: weiblich, dynamisch, farbig, kess. Auch politisch verkörpert sie den linken Flügel der Demokraten, der sich durch Biden nicht ausreichend repräsentiert fühlt.

Joe Biden erhofft sich von ihr vor allem einen Stimmengewinn von Frauen und Minderheiten, eben jener Bevölkerungsgruppen, die Harris selbst repräsentiert. Doch wie Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des "Economist" Ende Oktober zeigen, ist Harris gerade unter Frauen umstritten: 52 Prozent stehen ihr positiv gegenüber, während 45 Prozent sie ablehnen. 37 Prozent empfinden Harris sogar als "sehr ungünstig.”

Zudem scheinen Harris’ eher linke Aussagen bei armen Wählerinnen und Wählern nicht sonderlich zu verfangen: Bei einem Einkommen von unter 50.000 US-Dollar sind 47 Prozent für sie und 48 Prozent gegen sie. Unter den Wählerinnen und Wählern, deren Einkommen doppelt so hoch ist, sympathisieren 50 Prozent mit ihr, während sie 48 Prozent ablehnen.

Lediglich bei den Minderheiten ist die Lage eindeutig: 76 Prozent der Schwarzen und 54 Prozent der Lateinamerikaner sind für Harris. Auffällig ist jedoch, dass auch hier 32 Prozent der Latinos eine deutlich ablehnende Haltung gegenüber Harris einnehmen.

Ihr Wahlkampf war geprägt von selbstbewussten Slogans einer emanzipierten Frau:

"Ich wurde dazu erzogen, eine unabhängige Frau zu sein, nicht das Opfer von irgendetwas."

"Ich glaube nicht, dass es Aufgabe der Regierung sein sollte, den Frauen vorzuschreiben, was sie mit ihrem Körper tun sollen."

Unvergessen ist ihre klare Ansage an Mike Pence während der TV-Debatte der Vize-Präsidenten, die sie mehrmals wiederholte:

"Mr. Vice-President, I'm speaking. I’m speaking."

Fazit: Kein Fazit ohne Fakten. Nicht die Journalisten, sondern der amerikanische Wähler hat heute das Wort.

Es grüsst Sie herzlichst Gabor Steingart

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